Waiblingen

Mann bedroht in Waiblingen mit einem Messer die Mutter seines Kindes: Wie entscheidet der Amtsrichter über den Fall?

amtsgericht Waiblingen
Eingang zum Amtsgerichtsgebäude in Waiblingen. © Benjamin Büttner

Als die 22-jährige Mira Z. (Name geändert) in der Waiblinger Wohnung ihrer Mutter aus dem Bad kommt, sieht sie plötzlich den Vater ihres gemeinsamen Sohnes. Marin Z. (Name geändert) sitzt bei ihrer Mutter und hat das Baby im Arm. Eigentlich darf sich der Mann der Mutter von Mira Z. gar nicht nähern.

Es gibt einen Beschluss des Amtsgerichts Waiblingen vom 10. Januar 2020, nach dem Marin Z. seiner Schwiegermutter sechs Monate lang nicht zu nah kommen darf. Gültig ist dieser bis 10. Juli 2020 – doch Marin Z. verstößt an diesem Tag dagegen. Er will seinen Sohn sehen.

"Fünf Minuten möchte ich mein Kind streicheln"

Zunächst tat Mira Z. nach eigenen Angaben nichts. „Ich habe zu ihm nichts gesagt. Ich zog mich um“, übersetzte der Dolmetscher bei der Verhandlung im Waiblinger Amtsgericht ins Deutsche. Irgendwann, erzählte Mira Z., habe die Mutter Marin Z. aufgefordert zu gehen – doch dieser habe gebeten, noch fünf Minuten bleiben zu dürfen. Er habe rauchen wollen. Mira Z. hat ihn daraufhin laut eigenem Bekunden gebeten, vor dem Baby nicht zu rauchen. „Fünf Minuten möchte ich mein Kind streicheln“, habe Marin Z. gesagt.

Mira Z. erzählte vor Gericht, ihm die fünf Minuten gewährt zu haben – mit folgender Bitte: „Danach sollst du gehen und nie wieder kommen.“ Doch Marin Z. hörte nicht auf die Mutter seines Kindes – und ging plötzlich mit einem Messer auf sie los.

Die Messerspitze soll auf die Mutter seines Kindes gezeigt haben

Der Angeklagte soll laut Aussage von Mira Z. das Messer mit dem rechten Arm nach oben gehalten haben. Es soll sich in einer Position befunden haben, in der die Messerspitze auf Mira Z. zeigt und von der aus es möglich gewesen wäre, zuzustechen. Es kommt allerdings nicht dazu, dass Marin Z. die Mutter seines Kindes verletzt. Auch ein Satz wie „Ich will dich töten“ fällt nicht. Das bestätigten sowohl Mira Z. als auch ihre Mutter.

Ist das bereits versuchte gefährliche Körperverletzung?

Mira Z. betonte lediglich, dass Marin Z. sie ins Zimmer zurückgedrängt und aufs Bett geschubst habe. Ist das nun versuchte gefährliche Körperverletzung, wie es in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft heißt? Ist es ein minder schwerer Fall, der nur mit einer Geldbuße bestraft wird? Oder kann solch ein Verfahren nach Paragraf 153 der Strafprozessordnung eingestellt werden? Mit diesen Fragen hat sich der Waiblinger Amtsrichter beschäftigen müssen.

"Ich war in Panik"

Mira Z. sagte vor Gericht, dass Marin Z. das Messer weggelegt hat. Ihre Mutter habe geschrien, zusammen sei sie dann mit ihr aus der Wohnung gegangen. „Ich war in Panik“, erzählte die 22-jährige Waiblingerin vor Gericht.

Viele Bewohner im Haus bekamen daraufhin mit, dass etwas in der Wohnung im dritten Stock passiert sein muss. Laut Aussage der Mutter von Mira Z. soll sich Marin Z. noch mit einem Nachbarn geprügelt haben. Sie selbst, sagte sie in der Verhandlung, habe laut Hilfe geschrien. Bald darauf sei die Polizei gekommen.

Was sagt die Polizei?

„Die ganze Lage dort war unübersichtlich“, berichtete die 20-jährige Polizistin des Polizeireviers Waiblingen, die an jenem Tag mit einem Kollegen im Einsatz war. Sie selbst hat schließlich das Tatmesser in Augenschein genommen, das sich auf einer Kommode in der Wohnung befunden habe.

Die 20-Jährige weiß noch, dass vor allem die Mutter von Mira Z. sehr aufgewühlt war. Auch viele Hausbewohner seien wegen des Vorfalls sehr aufgeregt gewesen. „Die Verständigung war auch nicht so leicht, wegen der Sprachbarriere.“ Die Mutter von Mira Z. habe ihr schließlich jenes Dokument des Amtsgerichts Waiblingen gezeigt, auf dem klar steht, dass Marin Z. eigentlich ein Annäherungsverbot befolgen muss und sich nicht der Mutter nähern darf. Dieses, betonte die Polizistin, sei damals nach wie vor gültig gewesen.


Der Satz "Ich töte dich" ist nicht gefallen

Für den Waiblinger Amtsrichter reicht der geschilderte Vorfall nicht aus, Marin Z. wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung zu einer Haftstrafe zu verurteilen. Höchstens eine Geldstrafe könnte er sich vorstellen. Staatsanwalt Johannes Sommer gab ihm insofern recht, dass der Satz „Ich töte dich“ nach Aussage der beiden Zeuginnen nicht gefallen ist.

Allenfalls wegen Nötigung sieht er die Möglichkeit, Marin Z. zu verurteilen. Dieser habe sie immerhin ins Zimmer zurückgedrängt und aufs Bett geworfen. Für den Richter ist das aber zu wenig für eine Verurteilung, zumal es um einen nicht vorbestraften Angeklagten gehe.

Seit 29. April in Untersuchungshaft

Der Anwalt von Marin Z. gab zu bedenken, dass sein Mandant seit dem 29. April in Untersuchungshaft sitzt. Das sind immerhin fünf Monate. Für den Fall einer Verurteilung kündigte der Verteidiger zudem an, Haftentschädigung zu fordern. Sein Vorschlag: eine Einstellung des Verfahrens nach Paragraf 153. Das ist möglich, wenn Staatsanwaltschaft und Angeschuldigter dem zustimmen. Nach einer kurzen Unterbrechung der Verhandlung war der Richter dazu bereit.

Angeklagter verzichtet auf Haftentschädigung

Staatsanwalt Johannes Sommer stimmte der Einstellung des Verfahrens wegen geringer Schuld schließlich zu, nachdem der Verteidiger von Marin Z. im Namen seines Mandanten angab, auf eine Haftentschädigung zu verzichten. Die Kosten des Verfahrens übernimmt die Staatskasse. Lediglich die eigenen Auslagen im Rahmen des Prozesses muss Marin Z. selbst tragen.

Der Haftbefehl des Amtsgerichts Waiblingen von Ende April wird damit aufgehoben. Der Richter riet allerdings Marin Z. mit Blick auf eine mögliche Polizeikontrolle, das Dokument in den nächsten Tagen noch bei sich zu tragen, da es einige Zeit in Anspruch nehme, bis solch ein Haftbefehl aus den Computern verschwindet.

22-jähriges Opfer: „Ich habe Angst“

Mira Z., die im Gegensatz zu ihrer Mutter bis zum Schluss als Zuschauerin die Verhandlung verfolgte, sagte dann am Ende auch noch etwas. Sie sagte es nicht in ihrer Muttersprache, sondern ohne Hilfe des Übersetzers auf Deutsch, so dass es jeder im Gerichtssaal verstehen konnte. „Ich habe Angst. Ich will nicht, dass er in Waiblingen wohnt.“

Marin Z. sagte daraufhin, ebenfalls auf Deutsch, dass er nicht vorhabe, in Waiblingen zu leben. Nur eines wolle er: „Ich werde kommen, um meinen Sohn zu sehen.“

Als die 22-jährige Mira Z. (Name geändert) in der Waiblinger Wohnung ihrer Mutter aus dem Bad kommt, sieht sie plötzlich den Vater ihres gemeinsamen Sohnes. Marin Z. (Name geändert) sitzt bei ihrer Mutter und hat das Baby im Arm. Eigentlich darf sich der Mann der Mutter von Mira Z. gar nicht nähern.

Es gibt einen Beschluss des Amtsgerichts Waiblingen vom 10. Januar 2020, nach dem Marin Z. seiner Schwiegermutter sechs Monate lang nicht zu nah kommen darf. Gültig ist dieser bis 10. Juli

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