Waiblingen

Mann ohne Grund zusammengeschlagen

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Amtsgericht Waiblingen. © Mathias Ellwanger

Waiblingen. Zunächst versuchen die beiden Männer noch, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Als die Luft dünn wird, geben sie sich am Amtsgericht als reuige Sünder – gerade noch rechtzeitig, um einer Freiheitsstrafe zu entgehen. Die Cousins hatten einen 34-Jährigen vor einer Kneipe in der Waiblinger Altstadt zusammengeschlagen. Wohl im Vollsuff, ohne jeden Anlass. Sie kamen mit Geldstrafen und einer Schmerzensgeldzahlung an ihr Opfer davon.

Seit dem Vorfall im Januar 2016 hat der 34-jährige Ingenieur keine Lust mehr, Waiblingen zu besuchen. Vor einer Kneipe wurde er ohne jeden Grund verprügelt, musste mit einem Schnitt über dem Auge ins Krankenhaus. Das macht ihm heute noch zu schaffen. „Ich wurde von hinten angegriffen, von mehreren Personen“, sagt der Mann aus der Nähe von Heilbronn. Als er sich gerade umdrehte, traf ihn die erste Faust, er ging sofort zu Boden. Als er sich berappelt hatte, folgte sofort der nächste Niederschlag.

Opfer kannte die Angreifer nicht

Der Kumpel, mit dem er bis dahin einen ruhigen Abend verbracht hatte, war um die nächste Ecke geflohen, beobachtete die Szene und verständigte die Polizei, ehe er nach der Attacke zum blutüberströmten 34-Jährigen zurückkehrte. „Da hat er gerade seine Brille wieder aufgesetzt, die war aber völlig im Arsch – Entschuldigung, kaputt“, berichtet der 31-Jährige, ebenfalls Ingenieur, vor Gericht. Vorausgegangen war den Schlägen eine kurze Pöbelei des einen Cousins gegen den 31-Jährigen. Weder dieser noch das 34-jährige Gewaltopfer hatten die Männer gekannt.

Wink mit dem Zaunpfahl

Die Aussagen der beiden Ingenieure sind so glaubwürdig – sie widersprechen sich nicht, haben keinen Grund, die Angeklagten über die Maßen zu belasten, und können sich im Gegensatz zu den Cousins an viele Einzelheiten erinnern –, dass der Staatsanwaltschaft dem Verteidiger mit dem Zaunpfahl winkt: „Sie haben die Qualität der Aussage gehört“, sagt er, als der 31-jährige Kumpel des Opfers den Zeugenstand nach seiner Aussage verlassen hat, „vielleicht wollen Sie sich mal mit Ihrem Mandanten und seinem Cousin unterhalten.“

Vorbestraft wegen gefährlicher Körperverletzung, vorsätzlicher Trunkenheit im Straßenverkehr und Beleidigung

Da hatte das 34-jährige Opfer der Gewalt noch nicht einmal ausgesagt und doch stand fest: Die Unschuldsgeschichte der beiden Deutsch-Italiener wird kaum aufrechtzuerhalten sein. Die beiden 25-jährigen Waiblinger, die denselben Nachnamen tragen, hatten zu Beginn behauptet, nicht in die Schlägerei involviert gewesen zu sein.

Der eine – vorbestraft unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung, vorsätzlicher Trunkenheit im Straßenverkehr und Beleidigung – hatte an jenem Tag seinen Geburtstag in der Kneipe gefeiert. Es floss viel Schnaps, berichten sie. Früh am Morgen, als die Feier beendet war, seien sie noch vor dem Lokal zusammengestanden. Einige Meter weiter habe es einen Tumult gegeben, kurz darauf sei die Polizei eingetroffen. Der schmächtige Cousin des Geburtstagskindes, der laut Zeugen noch aggressiver als sein bulliger Verwandter aufgetreten sein soll, war da schon weg. Wie die Polizei ausgerechnet auf sie beide als Täter gekommen sei, und warum die Ingenieure sie einwandfrei auf Facebook-Bildern identifiziert hatten, das könnten sie sich beim besten Willen nicht erklären.

Strategiewechsel: Plätzlich doch ein Geständnis

Das ist zu Beginn der Verhandlung, als die Zeugen noch nicht gehört wurden und der Verteidiger es noch mit lahmen Ausreden versucht: Die Familienmitglieder auf den Fotos sähen sich doch so ähnlich, ob da nicht eine Verwechslung vorliegen könne. Nein, das wird eindeutig, als der erste Ingenieur sich auch vor Gericht ganz sicher ist: Die beiden sind’s gewesen. Als nun also der Staatsanwalt offen durchblicken lässt, dass die Luft dünn wird für die beiden Angeklagten, ist ein Strategiewechsel angesagt.

Nach kurzer Unterbrechung können sich die beiden zwar immer noch nicht wirklich erinnern, was genau los war, aber ja, sie seien wohl doch beteiligt gewesen. „Es ist viel Alkohol geflossen. Das war ein Fehlverhalten von uns. Dafür möchte ich mich entschuldigen“, gesteht Cousin Nummer eins. „Ich schließe mich an. Entschuldigung, wenn da von mir Schläge gekommen sind“, ergänzt Cousin Nummer zwei.

Eine "völlig unsinnige Tat"

Es wird ein Vergleich geschlossen zwischen ihnen und dem Geschädigten. 2000 Euro Schmerzensgeld werden sie ihm in den nächsten Tagen überweisen. Dafür kann er in dieser Sache keine Ansprüche mehr geltend machen. „Eine gute Lösung“, findet Richterin Bayer-Debak.

Verurteilt wurden die beiden überdies wergen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung zu Geldstrafen. Wären sie bei ihrer Lügengeschichte geblieben, wäre zumindest der vorbestrafte Mann nicht um eine Freiheitsstrafe herumgekommen. Er muss 120 Tagessätze á 130 Euro zahlen, sein Cousin, bislang ein unbeschriebenes Blatt, zahlt 90 Tagessätze á 60 Euro. Für eine „völlig unsinnige Tat“, wie der Staatsanwalt betont.