Waiblingen

Martin Schulz soll's richten: Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben

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KINA - Wichtiger Politiker kehrt zurück nach Deutschland
Martin Schulz ist der neue Hoffnungsträger der SPD. © Michael Kappeler/dpa
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KINA - Mal zusammen, mal gegeneinander
Sigmar Gabriel gibt zwei Posten auf einen Streich ab. © Rainer Jensen/dpa
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Matthias Klopfer. © Habermann / ZVW
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Gernot Gruber. © Büttner / ZVW
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Harald Raß. © Ralph Steinemann
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Sybille Mack. © Ralph Steinemann
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Jürgen Hestler. © Ralph Steinemann

Waiblingen. „Der Siggi“ ist weg, jetzt soll’s Europa-Martin richten – in der Rems-Murr-SPD scheinen viele recht zufrieden zu sein mit dieser Entwicklung, wie eine Kurzumfrage ergibt. Einer allerdings hält einen glühenden Nachruf auf den scheidenden Parteivorsitzenden: Matthias Klopfer findet es „ganz arg schade“, dass Gabriel sich zweifach zurückzieht.

Sigmar Gabriel tritt als Parteivorsitzender ab und als Kanzlerkandidat nicht an: SPD in „Schockstarre“, schrieben am Dienstag manche Zeitungen. Ach wo, kontert Jürgen Hestler, der Kreisvorsitzende. Zufällig „habe ich gerade gestern zwei neue Mitglieder besucht, und beide sind sehr angetan gewesen“ von der Entwicklung. Moment, Herr Hestler – in die SPD treten tatsächlich noch Leute ein? „Sehen Sie, das gibt’s!“

Klar sei er überrascht gewesen von Gabriels Entscheidung, „wie viele andere auch“. Aber „in der Partei spüre ich jetzt einen gewissen Ruck“, eine neu erwachende Lust bei manchen in Ehren erschöpften Genossen, sich im kommenden Wahlkampf endlich mal wieder „ins Zeug zu legen“ für einen Neuen, der von außen kommt, nicht zermürbt ist von internen Zwistigkeiten, nicht hineingepresst in die Kabinettsdisziplin der Großen Koalition.

Es sei für viele in der Partei „bequem“ gewesen, immer bloß auf Gabriel herumzuhacken: „Bei allem, was nicht so gut lief, war halt der Siggi schuld.“ Ob das gerecht war, darüber lässt sich streiten – jedenfalls gilt diese Ausrede nun nicht mehr.

Mit Schulz an die AfD „verlorene Wähler zurückgewinnen“

Sybille Mack, Leiterin der VHS Winnenden, ist SPD-Bundestagskandidatin im Wahlkreis Waiblingen. Neulich beim Vorstellungsgespräch sagte sie: Mit einem Kandidaten Gabriel könne sie „durchaus“ leben. Jetzt klingt sie schwungvoller: Martin Schulz „ist ein sehr authentisch wirkender Kanzlerkandidat, sehr europaerfahren, das können wir gut gebrauchen“ in diesen Zeiten des allerorten grassierenden Nationalismus. Vielleicht gelinge es nun, „verloren gegangene Wähler wieder zu erreichen“.

Er hätte Gabriel gestützt, sagt der Fellbacher Harald Raß. „Aber wenn der von sich aus sagt – und die Einschätzung ist auch nicht falsch –, dass er die geringeren Chancen hat“, dann passe das schon. Um die SPD „aus dem Loch“ zu ziehen, sei Schulz „der richtige Mann. Mir ist er als leidenschaftlicher Europäer natürlich sehr sympathisch“: Als Präsident des Europäischen Parlaments habe er aus diesem früher oft trägen Gremium „eine wesentlich gefragtere Institution“ gemacht, selbstbewusster, einmischungslustiger, temperamentvoller.

„Ich hätte es besser gefunden, wenn Schulz und Gabriel Kanzlerkandidatur und Parteivorsitz geteilt hätten“, sagt der Landtagsabgeordnete Gernot Gruber. Aber prinzipiell hegt auch er nun neue Hoffnungen: Die SPD müsse „Protestwähler von der AfD zurückgewinnen. Und ich glaube, dass Schulz das besser kann als Gabriel.“

Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben, sang Marianne Rosenberg einst. Fast so hört es sich an in diesen vier Telefonaten. Fragen wir Nummer fünf – Herr Klopfer, sind Sie auch zufrieden? „Nein“, sagt der Schorndorfer Oberbürgermeister. Keine Frage, Schulz sei ein „sehr überzeugender“ Kandidat. Aber dass Gabriel auch als Parteichef abdankt, tue weh. „Er hat das die letzten sieben Jahre super gemacht.“

Drei Pluspunkte für Gabriel: Matthias Klopfer zieht Bilanz

Erstens: „Wenn jemand Spuren hinterlassen hat in der Großen Koalition, dann war das die SPD.“ Rente mit 63, Mindestlohn: „hätte man uns nicht zugetraut“. Die Bundespräsidentschaft Steinmeiers mit diplomatischem Geschick einzufädeln: „mehr als ein Meisterstück“. Zweitens: Mit dem Parteichef Gabriel hat die SPD auch bei Landtagswahlen reüssiert, wenn man mal von der Desasterzone Baden-Württemberg absieht – siehe Zusatzartikel „Ländermacht“. Drittens: „Wir sind ‘ne ganz schwierige Partei“; Gabriel aber habe diesen zur Selbstzerfleischung neigenden Haufen „zusammengehalten in ganz schwierigen Zeiten“; habe im Streit um das Freihandelsabkommen CETA mit Kanada die auseinanderstrebenden Flügel gebändigt, „das war eine Zerreißprobe“; habe beim Erneuerbare-Energien-Gesetz einen „Systemwechsel zu mehr Marktwirtschaft“ eingeleitet.

„Das kommt mir alles viel zu kurz.“ Beim Bundesparteitag 2015 in Berlin wurde Gabriel als Parteivorsitzender mit nur 74 Prozent der Delegiertenstimmen eher abgestraft als wiedergewählt. „Schreckliche Veranstaltungen“ seien solche SPD-Treffen manchmal, sagt Klopfer, jedes Grüppchen kocht sein Süppchen, alle wissen es besser und machen „Zinnober“, die Jusos, die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen – vielleicht, findet Klopfer, müsse man doch mal umsetzen, was der Kabarettist Georg Schramm einst empfahl: einen „Arbeitskreis Sozialdemokraten in der SPD gründen“. Jedenfalls: Damals fanden viele Delegierte, man müsse dem Siggi mal ordentlich eine reinsemmeln. 74 Prozent: „Das hat ihn zutiefst getroffen. Meine Partei ist schon auch schräg drauf.“

Tja. „Die Menschen mögen ihn nicht, das müssen wir akzeptieren.“ Aber muss man es auch begreifen? Immer wollen die Leute „besondere Politiker“ haben, keine glattgeföhnten Streber frisch aus der Stromlinien-Messanstalt; und wenn mal einer ein bisschen kantiger und krummgebohrt auftritt, ist’s auch wieder nicht recht.

Menschlich habe er Verständnis, sagt Klopfer, dass da einer nun zwei Schritte mehr Abstand hält zur alle Privatheit kleinhäckselnden „Politikmühle, sieben Tage die Woche 16 Stunden“. Dennoch: Dass Sigmar Gabriel mit dem Kanzlerkandidatenjob gleich noch die Parteikapitänsmütze abgibt, „finde ich ganz arg schade“.

Ländermacht

16 Bundesländer hat Deutschland – und nun raten Sie mal: In wie vielen regiert ein SPD-Ministerpräsident oder eine SPD-Ministerpräsidentin?

Die Antwort: in Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein. In weiteren fünf Bundesländern ist die SPD immerhin Juniorpartner. Macht neun Chefs und 13 Regierungsbeteiligungen.

Zum Vergleich – CDU nebst CSU: fünf MPs, sieben Regierungsbeteiligungen; Grüne: ein MP, elf Regierungsbeteiligungen; Linke: ein MP, drei Regierungsbeteiligungen; FDP: kein MP, eine Regierungsbeteiligung.