Waiblingen

Massive Frostschäden: Entschädigung für Landwirte

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Seit Ende April hatten es auch die Bienen nicht leicht, bei all den frostgeschädigten Obstbaumblüten. © Archivbild: Habermann / ZVW

Waiblingen/Backnang. Die Obstbauberater des Landwirtschaftsamtes in Backnang begehen die Obst- und Beerenkulturen der Erwerbsobstbauern. Denn bis Freitag der Woche soll die Schadensbilanz ans Stuttgarter Landwirtschaftsministerium gemeldet werden. Es geht um viel Geld für die frostgebeutelten Landwirte.

Die Leutenbacher Ehepaare leiden. Doch sie werden’s verschmerzen. Sehr viel schlimmer stehen die Obstbauern aus dem Rems-Murr-Kreis da. Die Schäden, sagt Adrian Klose, Obstbauberater beim Landwirtschaftsamt des Rems-Murr-Kreises in Backnang, seien „enorm“. Er weiß es ganz genau, denn er und seine Kolleginnen und Kollegen sind zurzeit im gesamten Rems-Murr-Kreis unterwegs, um zu begutachten und festzuhalten, was der Frost Ende April kaputtgemacht hat. Klose sagt: 95 bis 100 Prozent der Äpfel sind hin. Bei dem, was noch hängt, weiß keiner, wie die Qualität sein wird: Die Apfeloberfläche ist berostet, das heißt, sie ist flächig braun, rau, hat Ringe. Die Äpfel sind deformiert. Und womöglich wird noch einiges abfallen. Bei den Birnen sieht’s nicht viel besser aus. Zwar gibt’s bei diesen Früchten ein Spritzmittel, das dem Baum hilft, trotz Frostschäden noch eine Frucht zu bilden. Doch trotzdem: 80 Prozent sind kaputt.

Sauerkirschen hatten Glück

Kirschen? 98 bis 100 Prozent Ausfall, sagt Klose. In einzelnen Lagen war die Blüte etwas später. Etwa in den Berglen. Da sieht’s besser aus. Doch das sind nur kleine Flächen. Nichts, was die Ernte retten würde. Die Sauerkirschen hatten Glück. Da sind die Frostschäden noch überschaubar.

"Wir haben nicht die Wassermengen"

Die Obstbauern, sagt Adrian Klose, hatten keine Chance. Selbst die aufwendigen Versuche, mit Kerzen die Blüte zu retten, scheiterten. Kerzen bringen, sagt Klose, ungefähr ein bis zwei Grad. Der Frost aber war bei bis zu minus neun Grad. Viel zu viel. Entlang der Elbe, im Hamburger Umland, konterten die Bauern die Kälte mit Frostberegnung. Das heißt, sie sorgen für Eis gegen das Eis. Feiner Sprühnebel hüllt die empfindlichen Blüten in einen zarten Eispanzer. Der schützt vor den noch viel kälteren Minusgraden in der Luft. Doch diese gute Methode ist, sagt Klose, für die Bauern im Rems-Murr-Kreis keine Option. „Wir haben nicht die Wassermengen.“ Und auch nicht die großen Flächen.

Spätere Sorten blühen und tragen 

Bei den verschiedenen Beeren können die Obstbauern noch mit einem blauen Auge davonkommen. Die ersten Blüten und Früchte sind geschädigt. Wer seine frühen Erdbeeren nicht geschützt hatte, musste unterpflügen. Und selbst unter Folie wurde es teilweise zu kalt. Spätere Sorten aber blühen und tragen. Das Gleiche gilt für die Himbeeren und Brombeeren.

Sind Direktzahlungen möglich?

Das Ministerium prüfe im Augenblick, ob Direktzahlungen an die geschädigten Bauern möglich seien. Und wenn ja, in welcher Höhe und wann, sagt Klose. Die Daten, die die Obstbauberater sammeln, müssen bis Ende der Woche im Stuttgarter Landwirtschaftsministerium eingegangen sein. Die Daten für den Wein- und den Ackerbau werden auch noch abgefragt. Das geschieht aber etwas später.

Claus Paal, Weinstädter CDU-Landtagsmitglied, erklärte in einer Pressemitteilung, Landwirtschaftsminister Peter Hauk habe das Frostereignis bereits Anfang Mai als „Naturkatastrophe“ eingestuft. Damit könne jetzt eine Richtlinie des Bundes greifen, die die Voraussetzungen für finanzielle Hilfe schafft. Zur mittelfristigen Überbrückung sei außerdem die Landwirtschaftliche Rentenbank gebeten worden, den Betrieben Hilfe anzubieten. Die Zustimmung liege dem Landwirtschaftsministerium bereits vor.

Alle Maßnahmen ausschöpfen 

Finanzämter in Baden-Württemberg sollen außerdem alle Maßnahmen ausschöpfen, die in solchen Fällen zur Verfügung stehen. Etwa könnten zinslose Stundungen bereits fälliger Steuerforderungen gewährt werden. Vorauszahlungen auf die Einkommenssteuer könnten angepasst, Vollstreckungen aufgeschoben werden. Außerdem könnten die Kosten für Wiederanpflanzungen zerstörter Kulturen als sofort abziehbare Betriebsausgaben geltend gemacht werden. Jochen Haußmann, FDP-Landtagsabgeordneter aus Kernen, konterte in einer Pressemitteilung mit der Feststellung „Wer keine Kirschen zum Verkauf hat, dem hilft Steuernachlass nichts“.

Obstbauberater Adrian Klose hofft für seine Obstbauern auf Geld im Herbst. Aber, sagt er, klar sei noch nichts. Gar nichts.

Wo gibt's Hilfe?

Obstbauberater Adrian Klose kann noch nicht sagen, wie und wo eventuell fließendes Geld zu den Obstbauern kommen wird.

Möglich wäre, dass Bauern die Hilfe direkt beim Ministerium beantragen müssen. Oder dass sie sich ans Regierungspräsidium wenden müssen. Oder dass die Hilfe über das Landwirtschaftsamt des Rems-Murr-Kreises ausgegeben wird. Wenn hier eine Entscheidung gefallen ist, wird die Öffentlichkeit informiert. Das aber wird noch dauern.

Steuerliche Hilfsmaßnahmen können Obstbauern direkt bei ihrem zuständigen Finanzamt nachfragen.

Die Landwirtschaftliche Rentenbank hat ihr Liquiditätssicherungsprogramm bereits für vom Frost geschädigte Landwirte geöffnet. Wer sich hierfür interessiert, geht zur eigenen Hausbank und fordert Hilfe dazu ein. Allerdings müssen die Einbußen für diese Hilfe nachgewiesen werden können. Das heißt, dass mancher noch warten muss, bis das Programm greift. Allerdings bleibt der Topf, so die Auskunft der Pressestelle der Rentenbank, auch bis mindestens Juni 2018 geöffnet. Mehr und genauere Informationen dazu gibt’s auf www.rentenbank.de unter dem Stichwort „Aktuelles“.