Waiblingen

Mehr Schutz vor Geisterfahrern

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Am 15. Januar dieses Jahres starben zwei Menschen auf der B 29, weil eine 72-Jährige in falscher Richtung aufgefahren war. © Benjamin Buettner

Waiblingen/Lorch. Nach den tödlichen Geisterfahrten auf der B29 in jüngster Zeit soll sich möglichst bald etwas ändern: Die beiden Landtagsabgeordneten Claus Paal und Petra Häffner (Grüne) fordern den Verkehrsminister auf zu prüfen, was machbar ist, um Geisterfahrten zu verhindern.

„Denkbar wären unseres Erachtens Bodenmarkierungen, weitere Beschilderungen und eventuell sogar mechanische Maßnahmen“, schreiben die beiden Abgeordneten in einem gemeinsamen Brief an den baden-württembergischen Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne). Claus Paal und Petra Häffner regen an, „diese Maßnahmen im Rahmen eines Pilotprojekts zu installieren und deren Wirkung entsprechend auszutesten“. Der Minister möge die finanziellen, rechtlichen und technischen Möglichkeiten prüfen, „damit in Zukunft die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer auf der B29 gewährleistet ist“.

Trauriger Hintergrund der Initiative

Der Hintergrund dieser Initiative ist ein trauriger: Mehrere Menschen sind innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit auf der B29 wegen Geisterfahrten gestorben. Der jüngste Fall ereignete sich am 15. Januar in Lorch: Eine 72-Jährige fuhr an der Anschlussstelle Lorch-Ost in falscher Richtung auf die im Volksmund „Remstalautobahn“ genannte Straße. Beim Frontalzusammenstoß ihres Autos mit dem Daimler eines 20-Jährigen kamen sowohl der junge Mann als auch die Geisterfahrerin ums Leben.

Auf dem Beschleunigungsstreifen gewendet: Zwei Menschen tot

Ebenfalls eine Seniorin hatte im Mai 2015 auf demselben Abschnitt der B29 einen tödlichen Unfall verursacht. Eine 86-jährige Frau war zunächst korrekt in Richtung Stuttgart auf die B29 aufgefahren. Warum sie auf dem Beschleunigungsstreifen anhielt und wendete, blieb unklar, denn die Frau überlebte den Unfall nicht. Ihr Wagen stieß mit dem BMW eines 22-Jährigen zusammen, der ebenfalls starb.

Erst zwei Monate ist es her, als ein Geisterfahrer – wieder auf der B29 und wieder bei Lorch-Ost – gleich zweimal auf der Bundesstraße wendete. Ein 52-jähriger, ortsunkundiger Autofahrer hatte sich auf sein Navigationsgerät verlassen, das ihn zum Wenden aufgefordert hatte. Glücklicherweise ist während dieser Geisterfahrt niemand zu Schaden gekommen. Die Polizei fasste den Mann.

Nur knapp schrammte ein 81-Jähriger Ende Februar an einer Geisterfahrt vorbei. Kurz bevor er in falscher Richtung auf die B29 auffuhr, drehte er um. Wo das passiert ist? Richtig geraten. Bei Lorch.

Beschilderungen sind regelkonform

Warum so oft auf der B29 und warum dauernd bei Lorch? „Wir wissen es nicht“, hatte Susanne Dietterle, Pressesprecherin am Landratsamt Ostalb, seinerzeit zu Protokoll gegeben. Beschilderung und Fahrbahnmarkierung seien regelkonform. Dennoch hat der Ostalbkreis ein paar kleinere Korrekturen an den neuralgischen Stellen vorgenommen, zum Beispiel erhielten Schilder eine stärker reflektierende Oberfläche.

„Es ist jetzt zu viel passiert“, begründet Claus Paal den gemeinsamen Vorstoß mit Petra Häffner. Die beiden Abgeordneten nehmen speziell die B 29 zwischen Waiblingen und Schwäbisch Gmünd ins Visier, weil dort vergleichsweise häufig Falschfahrten zu verzeichnen sind. Die Straße könnte sich aus Sicht der Abgeordneten eignen, um neue Wege zu gehen bei der Vorbeugung vor Geisterfahrten.

Krallen, die falschfahrer stoppen, seien nicht praktikabel

Erprobt worden ist andernorts schon vieles – und hin und wieder resümierten Verkehrsexperten nach Versuchen: Es nützt wenig bis nichts. Der Abgeordnete Stefan Herre hatte sich vor noch nicht langer Zeit mit einer Anfrage ans baden-württembergische Verkehrsministerium gewandt und unter vielem anderen blinkende Lampen an Auffahrten ins Spiel gebracht. Deren Wirksamkeit sei umstritten, hatte das Ministerium geantwortet – „nachdem Fälle bekannt wurden, dass Falschfahrer/innen auch diese Lampen ignorierten“.

Eine Zeit lang wurde heftig diskutiert über in der Straße verankerte, ausfahrbare Krallen, die Geisterfahrer gewaltsam stoppen, indem sie deren Reifen zerstören. Das baden-württembergische Verkehrsministerium hält diese allein schon deshalb für nicht praktikabel, weil es dafür keine Rechtsgrundlage gebe, wie es in der Antwort der Behörde auf Stefan Herres Anfrage hieß.

Kein bestimmter "Geisterfahrer-Typ"

Wer nicht im Geringsten aufpasst, vielleicht anderweitig beschäftigt ist – den stoppt im schlimmsten Fall wenig bis nichts. Das zeigt sich an anderer Stelle in schöner Regelmäßigkeit: Fahrer steuern ihr Fahrzeug auch dann unbeirrt in die zwei Meter niedrige Unterführung am Beutelsbacher Bahnhof hinein, wenn das Gefährt drei Meter hoch ist. Und an der Unterführung wimmelt es nur so vor Warnhinweisen – offensichtlich hilft es nicht.

Es gibt keinen bestimmten Geisterfahrer-Typ, zumal die Gründe für diesen gefährlichen Irrtum vielfältig sind und es sich gar nicht immer um einen Irrtum handelt. Im Zuge von Mutproben kommt es zu absichtlichen Falschfahrten, von Drogen beeinflusste Autofahrer sind nicht Herr ihrer Sinne, Fahrzeuglenker rasen in Selbstmordabsicht in falscher Richtung über die Autobahn oder ein Fahrer reagiert überfordert auf Reizüberflutung.