Waiblingen

Menschen in Waiblingen singen in der Coronakrise auf Balkonen und Vordächern

Singen für Europa
Rainer Niclaus, Sänger der 1. Waiblinger Faschingsgesellschaft, auf dem Dach seiner Garage. Fotos: Büttner © Büttner

„Wenn schon Party, dann richtig! Trotz, oder gerade in Zeiten der Corona-Krise mit ihren Kontaktbeschränkungen und Veranstaltungsverboten!“, sagte sich am Samstagabend Rainer Niclaus bei der zweiten Runde von „Singen für alle“. Wenn sich einer aufs Feiern versteht, dann er, der Pressesprecher und Sänger der 1. Waiblinger Faschingsgesellschaft. Da auch das Wetter mitspielte und es trocken blieb, packte Niclaus seine eigene Gesangsanlage aus und installierte sie auf dem Dach seiner Garage. Bei der ersten Runde von „Singen für alle“, so Niclaus, habe das Problem darin bestanden, dass jeder den Livestream mit seinem eigenen PC über seine eigene Leitung herunterlud. Dies führte zwangsläufig dazu, dass die Übertragung - und damit auch der Gesang, der sich an ihr orientierte - alles andere als synchron war. Das sei schade gewesen, „denn dies ist ein super Angebot der Stadt. Es bringt die Menschen zusammen und erinnert sie daran, dass sie nicht allein sind, sondern in einer wunderbaren Stadt mit wunderbaren Nachbarn leben. Dass nicht nur ich das so sehe, zeigt sich doch nicht zuletzt daran, wie viele Menschen beim ersten Mal mitgesungen haben.“

Die Freude, miteinander singen zu können

„Es sind schwere Zeiten, durch die alle in den zurückliegenden Wochen gegangen sind“, betonte Niclaus. So gut wie jeder fühle sich nach wie vor eingesperrt und isoliert, vermisse den Kontakt zu lieben Menschen, sehe sich von Krankheit, Einkommensverlust, Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit bedroht. Umso wichtiger sei es doch, auch ein wenig Freude genießen zu können, wie eben miteinander zu singen, und dafür die Technik einzusetzen, die uns glücklicherweise zur Verfügung steht, um uns den Alltag zu erleichtern. Für Niclaus hieß dies, die Lautsprecher seiner Anlage auf die Straße zu richten, so dass die Musik alle gleichzeitig erreichte. „Dies haben wir untereinander abgesprochen“, versichert Niclaus. „Wir pflegen hier eine gute Nachbarschaft, in der sich alle gut aufgehoben und daheim fühlen. Wir reden über den Zaun und über die Straße hinweg miteinander.“ Und so wanderte nicht nur der Klang der Lieder durch die Vor- und Hinterhausgärten, sondern auch der appetitanregende Geruch vom einen oder anderen Grill, der gerade aufheizte. Rainer Niclaus wäre sich nicht treu geblieben, hätte er als Tonprobe und zum Aufwärmen nicht selbst „Knockin’ on heaven’s door“ ins Mikro geröhrt. Die Lieder, die an diesem Abend auf dem Programm stehen, seien ja nicht unbedingt sein Geschmack, aber letztendlich finde wohl jeder etwas für sich. Für den Europatag sei es eine hervorragende Mischung.

Dass der Waiblinger Oberbürgermeister Andreas Hesky sich nicht nur passiv für Musik begeistert, bewies er im vergangenen Juli, als im Rahmen des Gartenschauprogramms das Remstal von Essingen bis Neckarrems miteinander sang. Da saß er beim gemeinsamen Singen auf der Erleninsel in der ersten Reihe und stellte seine Stimmgewalt eindrucksvoll unter Beweis. „Es war für uns selbstverständlich“ erklärte er nun zum gemeinsamen Singsamstag, „dass wir zum diesjährigen Europatag einen Beitrag leisten. Mit unseren Partnerstädten pflegen wir enge freundschaftliche Verbindungen, auch in diesen Zeiten, da wir uns nur virtuell begegnen können.“ Die seit Jahrzehnten durch Corona erstmals wieder heruntergelassenen Schlagbäume hätten drastisch vor Augen geführt, was wir Europa zu verdanken haben. Mit dem „Singen für alle“ sei es gelungen, trotz der Kontaktbeschränkungen ein wunderbares Gemeinschaftsgefühl in Waiblingen und darüber hinaus zu schaffen.

Während Patrick Bopp und Christian Langer von den „Füenf“ als Chorleiter und Entertainer vom Bildschirm herunterflimmerten und den virtuell versammelten Stand-up-Chor durch das einstündige Programm führten, hatten es sich Angela und Sven Helf mit ihrer achtjährigen Tochter Paula im Wohnzimmer gemütlich gemacht. Sie sangen nicht nur aus vollen Kehlen, sondern begleiteten sich auch selbst auf verschiedenen Instrumenten. Die Liedertexte hatten sie auf ihren Handys unmittelbar vor Augen. Schade fanden sie’s, dass sie nicht alle Lieder wirklich genießen konnten. „Wir können zum Beispiel kein Italienisch, und deshalb müssen wir uns bei „Azzurro“ darauf beschränken, zuzuhören“ bedauerte Angela Helf. In normalen Zeiten singen sie im Kulturhaus Schwanen bei Christian Langers Open Stage, was derzeit nicht möglich ist. Natürlich sei es schöner, live miteinander zu singen. Aber diese eine Stunde Gemeinschaft vor dem Bildschirm sei allemal besser als nichts. Auf ein intensives Familienleben in Zeiten der Corona-Krise setzt ihr Mann Sven. So hätten sie gerade erst an einer virtuellen Weinprobe der Remstalkellerei teilgenommen, die durchaus ihre Reize gehabt habe – und den Vorteil, dass man hinterher nicht fahren müsse.

Renate und Bernd Münchinger genossen es an diesem Abend, gemütlich auf ihrem Balkon in Remshalden zu sitzen, sich von der Musik berieseln zu lassen, die über den PC zu ihnen kam, und mitzusingen. Renate Münchinger singt in normalen Zeiten einmal im Monat in Waiblingen im Forum Mitte bei Kai Müller und in Endersbach im Otto-Mühlschlegel-Haus vierzehntägig bei Carlo Falkenstein. Das Singen fehle ihr sehr. Sie hätten zwar einen wunderschönen Garten, aber sie leide mit den Menschen, die Angst um ihre Zukunft hätten, die im Home-Office eingesperrt wären, in Kurzarbeit oder gar arbeitslos. Es sei ein großes Geschenk, als Rentner von diesen existenziellen Sorgen befreit zu sein. Auf die Frage, was sich Renate Münchinger, die am Freitag Geburtstag feierte, am meisten wünsche, antwortete sie: „Dass alle Menschen gesund und unbeschadet durch diese Zeit kommen.“

„Wenn schon Party, dann richtig! Trotz, oder gerade in Zeiten der Corona-Krise mit ihren Kontaktbeschränkungen und Veranstaltungsverboten!“, sagte sich am Samstagabend Rainer Niclaus bei der zweiten Runde von „Singen für alle“. Wenn sich einer aufs Feiern versteht, dann er, der Pressesprecher und Sänger der 1. Waiblinger Faschingsgesellschaft. Da auch das Wetter mitspielte und es trocken blieb, packte Niclaus seine eigene Gesangsanlage aus und installierte sie auf dem Dach seiner Garage. Bei

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper