Waiblingen

#MeToo: Mehr als ein Aufschrei?

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Unter dem Schlagwort #MeToo melden sich Frauen zu Wort, die sexueller Gewalt ausgesetzt waren – oder sind. © pixabay (CC0 Public Domain)

Waiblingen. Ein Aufschrei der Beschämten und Geschändeten: Seit Mitte Oktober haben viele Frauen unter dem Stichwort #MeToo in sozialen Medien ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt geteilt. Einem Medienbericht zufolge sind daraufhin zumindest in Südtirol mehr Betroffene auf Beratungsstellen zugekommen. Wir haben nachgefragt: Hat die Medienkampagne auch im Rems-Murr-Kreis eine solche spürbare Wirkung?

Schauspielerin Alyssa Milano war es, die den Stein ins Rollen gebracht hat. Nachdem Anfang Oktober sexuelle Übergriffe der Hollywood-Größe Harvey Weinstein bekannt wurden, hat sie Frauen auf der Online-Plattform Twitter dazu aufgefordert, unter dem Stichwort #MeToo ihre Geschichte zu erzählen, wenn sie sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren.

Macht und Abhängigkeit

Seither wird im Netz heiß diskutiert: über schnodderigen Altherren-Chauvinismus und anzügliche Sprüche im Arbeitsalltag, über den Klaps auf den Kellnerinnen-Po und Schlimmeres. Darüber wie Machtpositionen ausgenutzt werden und wie Abhängigkeit Opfer schweigen lässt.

Und nicht zuletzt auch darüber, weshalb „der Mann an sich“ für Taten Einzelner verantwortlich gemacht wird; zumal auch Männer Opfer sexualisierter Gewalt werden. Mittlerweile gibt es sogar das Twitter-Schlagwort #MeTooMen (engl. „men“: „Männer“).

Kritiker fürchten, die Kampagne bleibe wirkungslos

Kritiker fürchten jedoch, die Empörungswelle werde sich wieder verlaufen, ohne Wirkung zu zeigen. Zumindest in Südtirol scheint das nicht der Fall zu sein: Dort sind einem Medienbericht zufolge mehr Betroffene auf Beratungsstellen zugekommen, seit die #MeToo-Kampagne sexualisierte Gewalt in aller Öffentlichkeit diskutiert.

Bei den Beratungsstellen im Rems-Murr-Kreis ist auf den ersten Blick keine solche Wirkung erkennbar. Den Verantwortlichen zufolge sind nicht deutlich mehr Menschen auf sie zugekommen.

Beratungsstellen: Ein Mutmacher für Betroffene

Nichtsdestotrotz scheint der Twitter-Aufschrei ein Mutmacher zu sein, zumindest für Einzelne. „Eine Klientin berichtet, dass diese Kampagne ihr Mut und Zuversicht gibt, die richtige Entscheidung zur Beratung getroffen zu haben“, schreibt beispielsweise Therapeutin Oranna Keller-Mannschreck für pro familia. „Sie fühlt sich nicht alleine mit dem Thema.“

Keller-Mannschreck ist zusammen mit Martina Ferro und Christine Hofstätter verantwortlich für das Projekt „Flügel“, das sich an Frauen richtet, die Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind.

Übergriffe in der Arbeitswelt ins Licht rücken

Auch Urban Spöttle-Krust von der Waiblinger Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt sieht in der Debatte Potenzial. „Es ist für uns keine Kampagne, die wir aktiv unterstützen. Dennoch sehen wir für viele Betroffene einen Türöffner für ihre eigene Situation und ihr Erleben“, so der Pädagoge.

Gerade Übergriffe in der Arbeitswelt rückten mit der Online-Kampagne ins Licht. Für die Kreis-Stelle sei die Diskussion deshalb eine „Steilvorlage“, sagt Spöttle-Krust: Seine Kollegen und er wollen in den kommenden Jahren nämlich Schutzkonzepte und Leitlinien für Lebens- und Arbeitsbereiche von Kindern und Erwachsenen erarbeiten.

Nur ein Teil des Problems

Allerdings: Die #MeToo-Debatte deckt nur einen kleinen Bereich eines viel größeren Problemfelds ab. „Die Mehrzahl sexueller Übergriffe geschieht durch vertraute Menschen“, sagt Keller-Mannschreck: durch nahe Verwandte, Partner, Vertrauenspersonen. „Das spielt bei #MeToo keine große Rolle. … Sehr schambesetzte Übergriffe werden dabei seltener in die Öffentlichkeit gerückt.“ Deshalb ergebe sich nur ein verzerrtes Bild.

Wie auch Spöttle-Krust sieht die Therapeutin die Gefahr, sexualisierte Gewalt kleinzureden, zu banalisieren.

Die Sensibilität wächst

Trotzdem begrüßen beide die öffentliche Debatte. „Eine Kampagne ist ein wichtiger Schritt, der den Stein zu gesellschaftlichen Veränderungen ins Rollen bringen kann. Aber sie reicht nicht aus für Veränderungen in stark hierarchischen und patriarchalen Strukturen“, sagt Keller-Mannschreck. Die Sensibilität für das Thema sexualisierter Gewalt sei bereits in den vergangenen Monaten gewachsen, weil es immer wieder öffentlich diskutiert und auch das Sexualstrafrecht verschärft wurde - Stichwort: „Ein Nein ist ein Nein“.

Auch die Zahl ihrer Klientinnen habe in diesem Jahr zugenommen. „Wir denken, dass dies mit mehr Öffentlichkeit für dieses Thema zu tun hat. … Wir haben die Hoffnung, dass Frauen immer mehr Mut haben, sich abzugrenzen.“



Beratungsstellen für Kinder und Erwachsene

Für Kinder und Jugendliche hat der Rems-Murr-Kreis drei Anlaufstellen für sexualisierte Gewalt:

  • eine in Waiblingen in der Bahnhofstraße 64 (0 71 51/ 50 11 49 6, anlaufstellegsg@rems-murr-kreis.de),
  • eine in Schorndorf in der Karlstraße 3 (0 71 81/ 93 88 95 02 4, h.heidenfelder@rems-murr-kreis.de)
  • sowie eine in Backnang in der Straße Am Obstmarkt 7 (0 71 91/ 89 54 05 8, a.gruber@rems-murr-kreis.de).

Die Pädagogen beraten Mädchen und Jungen kostenlos und auf Wunsch anonym. Diese können nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz wenn nötig ohne Wissen ihrer Eltern beraten werden.

Alle drei Anlaufstellen sind unter der Woche zwischen 8.30 und 12 Uhr telefonisch erreichbar.

Das pro familia-Angebot „Flügel: Beratung für Frauen bei sexualisierter Gewalt“ im Familienzentrum Karo (Alter Postplatz 17 in Waiblingen) richtet sich an Frauen, die älter als 21 Jahre sind, sowie an deren Angehörige. Ein Angebot für Männer ist für das kommende Jahr geplant.

  • Termine können vormittags telefonisch unter 0 71 51/ 98 22 48 94 0 vereinbart werden, zudem montags von 15 bis 17 Uhr.
  • Per E-Mail ist das Flügel-Team unter info@fluegel-waiblingen.de erreichbar.
  • Zusätzlich kann das Team unter der Mobilnummer 01 60/ 48 81 61 5 angerufen werden; insbesondere in Notfällen. Dort ist auch ein Anrufbeantworter geschaltet, der regelmäßig abgehört wird.

Die Beratungen sind ebenfalls vertraulich, kostenfrei und auf Wunsch anonym.


Beschämende Blicke, entwürdigende Bemerkungen: Scheinbare Kleinigkeiten können der Beginn sexualisierter Gewalt sein

Waiblingen. Wer sich über anzügliche Blicke und Bemerkungen beschwert, sieht sich bisweilen dem Vorwurf ausgesetzt, sexuelle Gewalt und Übergriffe zu verharmlosen. Das gilt auch für die #MeToo-Debatte. Doch die Ansprechpartner im Rems-Murr-Kreis sind sich einig: Es gibt keine Kinkerlitzchen.

Übergriffe beginnen schon im Kleinen: „Bei Bemerkungen, Blicken, die die Würde herabsetzen oder mit Mitteln der Sexualität beschämen“, sagt Oranna Keller-Mannschreck von der pro familia-Beratungsstelle „Flügel“.

Urban Spöttle-Krust von der Waiblinger Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt sieht das genauso: „Verbale Übergriffe sind oft der Beginn der sexualisierten Gewalt und stehen für uns bei allen Hinweisen an vorderster Front“, sagt er, „auch wenn es noch keine strafrechtlich relevanten Sachverhalte sind.“

Früh Kante zeigen

Täter testen, wie weit sie gehen können, erklärt Spöttle-Krust. Frei nach dem Motto: Kommt keine Reaktion, kann es ja nicht so schlimm sein. Umso wichtiger ist es, früh zu zeigen: Das ist mir unangenehm, das möchte ich nicht. Und umso wichtiger ist es auf der anderen Seite, solche Signale ernst zu nehmen, auch bei scheinbaren Kleinigkeiten. „Für uns gibt es keine Kinkerlitzchen.“

Das gilt spätestens dann, wenn jemand zu einer Beratungsstelle kommt. Betroffene können sich nur öffnen und ihre Erlebnisse verarbeiten, wenn ihre Beobachtungen und Äußerungen ernst genommen werden.

Tabuthema: Gewalt gegen Männer

„Wir haben ganz selten Fälle, wo sich Äußerungen als Falschaussagen herausstellen. Die zu verallgemeinern würde dem Thema und den betroffenen Menschen nicht gerecht“, sagt Spöttle-Krust.

Ebenso wenig wird es den Betroffenen gerecht, nur Frauen in den Blick zu nehmen. Nicht alle Männer sind Täter; nicht alle Opfer sind Frauen. Von den 225 Fällen, die die drei Anlaufstellen gegen sexualisierte Gewalt 2016 hatten, ging es bei 52 Fällen um Jungen und junge Männer.

Verantwortung übernehmen

Auch bei pro familia werde Keller-Mannschreck zufolge immer wieder nach einem Beratungsangebot für Männer gefragt. Doch obwohl das Thema zunehmend in die Öffentlichkeit rückt, sei es bei Männern nach wie vor stark tabuisiert.

Trotzdem sind Frauen weiterhin mehr von sexualisierter Gewalt betroffen als Frauen. „Es geht um Rollenbilder und Machtverhältnisse“, sagt Keller-Mannschreck. Umso bemerkenswerter findet sie, wie sich verstärkt Männer in die Diskussion einbringen und ihre eigene Rolle reflektieren. Es gehe eben nicht nur darum, wie Frauen sich verhalten und wehren sollen. Sondern auch darum, wie Männer etwas ändern können, an ihrem eigenen Verhalten und dem von anderen. „Beide Geschlechter müssen Verantwortung übernehmen.“


Beratungsstellen für Kinder und Erwachsene

Für Kinder und Jugendliche hat der Rems-Murr-Kreis drei Anlaufstellen für sexualisierte Gewalt:

  • eine in Waiblingen in der Bahnhofstraße 64 (0 71 51/ 50 11 49 6, anlaufstellegsg@rems-murr-kreis.de),
  • eine in Schorndorf in der Karlstraße 3 (0 71 81/ 93 88 95 02 4, h.heidenfelder@rems-murr-kreis.de)
  • sowie eine in Backnang in der Straße Am Obstmarkt 7 (0 71 91/ 89 54 05 8, a.gruber@rems-murr-kreis.de).

Die Pädagogen beraten Mädchen und Jungen kostenlos und auf Wunsch anonym. Diese können nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz wenn nötig ohne Wissen ihrer Eltern beraten werden.

Alle drei Anlaufstellen sind unter der Woche zwischen 8.30 und 12 Uhr telefonisch erreichbar.

Das pro familia-Angebot „Flügel: Beratung für Frauen bei sexualisierter Gewalt“ im Familienzentrum Karo (Alter Postplatz 17 in Waiblingen) richtet sich an Frauen, die älter als 21 Jahre sind, sowie an deren Angehörige. Ein Angebot für Männer ist für das kommende Jahr geplant.

  • Termine können vormittags telefonisch unter 0 71 51/ 98 22 48 94 0 vereinbart werden, zudem montags von 15 bis 17 Uhr.
  • Per E-Mail ist das Flügel-Team unter info@fluegel-waiblingen.de erreichbar.
  • Zusätzlich kann das Team unter der Mobilnummer 01 60/ 48 81 61 5 angerufen werden; insbesondere in Notfällen. Dort ist auch ein Anrufbeantworter geschaltet, der regelmäßig abgehört wird.

Die Beratungen sind ebenfalls vertraulich, kostenfrei und auf Wunsch anonym.