Waiblingen

Mikrochip-Mangel: Firmen aus dem Rems-Murr-Kreis warnen vor "Katastrophe"

Firma Kraus
Hier fehlt was: Diese Steuerung für einen Pizzakäse-Streuer können Hans-Peter Kraus (re.) und seine Mitarbeiter Stefan Neller (li.) und Bruno Broos nicht fertigstellen und an den Kunden liefern. Die Lage für das Waiblinger Unternehmen ist ernst. © ALEXANDRA PALMIZI

Ein kleines Industrieunternehmen aus Waiblingen bangt um seine Existenz. Dabei sind genug Aufträge da, und auch die steigenden Energiekosten interessieren den Chef derzeit nur am Rande. Die „wirtschaftliche Katastrophe“ für Hans-Peter Kraus ist, dass er auf wichtige Teile bis zu zwei Jahre warten muss. Sie enthalten Mikrochips, bei deren Nachschub es seit Corona klemmt. Wichtige Hersteller wie Siemens können nicht liefern, und die Waiblinger Kraus GmbH kann nur warten und hoffen. Branchenkenner bestätigen das Ausmaß des Problems.

Kraus baut und programmiert in Waiblingen Schalt- und Automatisierungsanlagen. Sie werden in diversen Maschinen gebraucht. In guten Jahren erwirtschaftete Kraus einen Umsatz von bis zu einer Million Euro, beschäftigte acht Mitarbeiter. Nun sind es noch vier Festangestellte, so Geschäftsführer Hans-Peter Kraus Er fragt sich: „Wie soll ich die noch über Monate beschäftigen, wenn ich kein Material kriege?“

In der Firma im Ameisenbühl steht laut dem Chef seit Monaten ein Schaltschrank. Die Hälfte der elektronischen Komponenten fehlt. Die Steuerung ist für eine Käsestreuer-Maschine eines namhaften Fertigpizza-Herstellers bestimmt. Aber Kraus kann sie nicht liefern. Weil er wegen des Mikroprozessoren-Mangels die Teile nicht bekommt, die er nach eigenen Angaben schon im Januar bestellt hat. Erst sollten sie im Mai kommen, dann wurde der Termin mehrmals verschoben. Ob sie im September geliefert werden, ist offen.

Firmenchef Hans-Peter Kraus: "Existenzgefährdend"

„Existenzgefährdend“ sei die Situation für seine Firma, so Kraus. Mehrfach, erzählt er, hat er sich an Siemens gewandt, in zunehmender Verzweiflung. An dem deutschen Konzern führt bei diesen Dingen kaum ein Weg vorbei. Gebracht hat es bislang nichts. Für ein bestimmtes Elektronikmodul aus der „Simatic“-Reihe von Siemens ist Kraus zuletzt eine Wartezeit von zwei Jahren genannt worden, sagt er. Dabei sind im Industriekunden-Onlineshop als Regellieferzeit ab Werk 135 Tage angegeben.

Nachschub via Ebay - zu horrenden Preisen

Zu finden ist das Teil hingegen auf Ebay, für Preise zwischen 1000 und 2000 Euro - laut Kraus ein Vielfaches des Listenpreises von 280 Euro. Doch es gebe Unternehmer, die hier in ihrer Verzweiflung zuschlagen. Woher die Ebay-Verkäufer die Komponenten haben, ist unklar.

Siemens will sich zu dem konkreten „Simatic“-Bauteil nicht äußern. Allgemein teilt die Kommunikationsabteilung auf Anfrage mit: „Weltweite Herausforderungen wie die Corona-Pandemie und damit verbundene Lockdowns in China, der Krieg in der Ukraine, die Chipknappheit, hohe Rohstoff- und Energiepreise sowie eingeschränkte Transportkapazitäten im internationalen Container- und Luftverkehr haben die globalen Lieferketten in den letzten beiden Jahren massiv gestört.“

Siemens: "Engpässe bei Bauteilen"

Siemens habe „frühzeitig“ reagiert, „zum Beispiel durch intelligente Produktionssteuerung und die Nutzung unseres weltweiten Netzwerkes. Dadurch konnten größere Unterbrechungen in der Lieferkette trotz der oben genannten Herausforderungen verhindert werden. Aufgrund der großen Produktpalette von Siemens kam und kommt es bedauerlicherweise dennoch bei einzelnen Produkten zu längeren Lieferzeiten. So kam es im dritten Quartal teilweise zu Engpässen bei Bauteilen für Elektronikprodukte.“

Siemens arbeite „intensiv“ daran, „die Auswirkungen auf ein Minimum zu reduzieren“, so eine Pressesprecherin. Aber: „Die Situation wird sich mutmaßlich nur allmählich entspannen und über das Geschäftsjahr 2022 hinaus eine Herausforderung bleiben.“

Branchenkenner: "Mittelschwere Katastrophe"

Für die Firma Kraus aus Waiblingen verheißt das nichts Gutes. Doch sie ist nicht allein. „Der Unternehmer aus Waiblingen hat völlig recht“, sagt ein Ingenieur, der bei einem größeren Automatisierungsunternehmen arbeitet. Für bestimme Komponenten habe Siemens als Lieferdatum genannt: Ende 2023. Für die Firmen, die darauf angewiesen sind, um produzieren zu können, sei das eine „mittelschwere Katastrophe“. Alles in der Automatisierung, was mit den überwiegend aus Asien stammenden Computerchips und Halbleitern zu tun habe, sei betroffen.

Stillstände wegen Corona, aber auch der Brand einer sehr wichtigen Fabrik in Japan Anfang 2021 haben dazu beigetragen. Einfach durch Konkurrenzprodukte ersetzen kann man fehlende Teile, etwa von Siemens, auch nicht, sagt der Ingenieur. Denn das Software-Programm für die Maschine werde genau dafür geschrieben. „Einen Motor können Sie austauschen, die Steuerung nicht - das ist das Gravierendste“, so der Kenner, der nicht genannt werden möchte. Auch er sagt: „Ebay ist jetzt für viele die erste Anlaufadresse.“

Verpackungsmaschinen aus dem Remstal: „Massives“ Problem

Das Problem kennt man auch in der Verpackungsmaschinen-Branche, die im Remstal und der Region stark vertreten ist. „Schon seit geraumer Zeit“ gebe es Lieferschwierigkeiten bei Steuerungen, Sensoren oder Antriebssystemen, sagt Martin Buchwitz vom Verein Packaging Valley mit Geschäftsstellen in Schwäbisch Hall und Waiblingen. „Der gesamte Verpackungsmaschinenbau ist betroffen. Je komplexer die Maschine, desto höher der Anteil intelligenter Elektronikkomponenten, desto größer die Lieferproblematik.“

Das Problem sei „massiv“, so Buchwitz. Wenn die Maschinenbauer etwa für Steuerungen „heute als Liefertermine das Jahr 2024 genannt bekommen, dann kann man sich ungefähr vorstellen, was das bedeutet“. Gleichzeitig seien die Auftragsbücher voll, „das ist ein maximaler Verriss, in dem die Unternehmen stehen“.

Etwas abgemildert werden könne die Situation bei vielen Mitgliedern durch „gute und vorausschauende Lagerhaltung und in vielen Fällen langjährige, vertrauensvolle Lieferantenbeziehungen“. Manchmal könne man die Teile ersetzen. Doch das sei nicht immer möglich, und auf jeden Fall mit viel Aufwand verbunden.

Verband: "Summe der weltweiten Krisen gepaart mit Abhängigkeiten"

Und wenn die Elektroteile doch verfügbar sind, dann seien „die teilweise horrend gestiegenen Preise eine große Herausforderung für den Verpackungsmaschinenbau“, so Branchenvertreter Buchwitz. Auch, weil Elektronik wegen der Digitalisierung in immer mehr Geräten benötigt werde. Das treibt die Preise ebenfalls. Die Verpackungsmaschinen-Bauer hätten jedoch nur „sehr geringe Gewinnmargen“, weil sie viel Personal, Entwicklungsarbeit und Material bräuchten.

Wie konnte es dazu kommen? Buchwitz’ Antwort: „Es ist die Summe der weltweiten Krisen gepaart mit den ungesunden Abhängigkeiten bei Energie und Lieferketten, warum sich die Situation so extrem verschärft hat.“ Die Pandemie habe „vieles an die Oberfläche gebracht und verstärkt“, und auch „die Folgen der Ukraine-Invasion von Russland“ kämen hinzu.

Kraus: Jetzt sind die Aufträge da, doch nächstes Jahr?

Für Hans-Peter Kraus und seine noch vier Angestellten heißt es: weiter warten. Und auch wenn die Teile wie durch ein Wunder doch kommen - das nächste Problem kündigt sich an: Kurz- und mittelfristig seien seine Auftragsbücher voll, doch schon jetzt fehlten Aufträge für 2023, so Kraus. Die hielten seine Kunden, vor allem aus der Lebensmittelindustrie, gerade zurück, weil sie um die Gas-Versorgung bangen.

Ein kleines Industrieunternehmen aus Waiblingen bangt um seine Existenz. Dabei sind genug Aufträge da, und auch die steigenden Energiekosten interessieren den Chef derzeit nur am Rande. Die „wirtschaftliche Katastrophe“ für Hans-Peter Kraus ist, dass er auf wichtige Teile bis zu zwei Jahre warten muss. Sie enthalten Mikrochips, bei deren Nachschub es seit Corona klemmt. Wichtige Hersteller wie Siemens können nicht liefern, und die Waiblinger Kraus GmbH kann nur warten und hoffen.

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