Waiblingen

Mit dem Elektroauto von Waiblingen nach Flensburg: Die Realität auf der Autobahn

Kia EV6 laden
Beim Aufladen steht man oft im Regen wie Chefredakteur Frank Nipkau an einer Raststätte in Schleswig-Holstein. © Ramona Adolf

Mit dem Elektroauto von Waiblingen nach Flensburg: Eine Dienstreise mit vielen Terminen fest getaktet. Wir sind in der ersten Aprilwoche gefahren bei Kälte, Sturm und teils heftigem Regen. Mein Auto ist ein Kia EV 6, der nach Herstellerangaben bei idealen Bedingungen die 77,4 Kilowattstunden große Batterie von 10 auf 80 Prozent in 18 Minuten aufladen kann. Also ein Elektroauto für längere Strecken. Doch wie sieht die Realität auf den deutschen Autobahnen tatsächlich aus?

Wer einen Benziner fährt, weiß, was er oder sie tun muss. Wann muss ich tanken? Wo finde ich eine Tankstelle? Was kostet der Liter Benzin? Die Antworten darauf sind einfach und klar - auch bei längeren Reisen.

Wer mit einem Elektroauto auf Reisen geht, der muss die Fahrt planen und sich darauf einstellen, dass auch mal etwas nicht funktioniert. Vor allem bei Strecken, die zum ersten Mal gefahren werden. Wie bei unserer Reise nach Flensburg.

Das fängt schon bei den Ladesäulen an. Die muss man suchen. Dazu gibt es Apps. Ich empfehle für die Reiseplanung in Deutschland die EnBW-Mobility-App. Für die Reise mit dem Kia EV 6 brauchen wir unterwegs Schnellladesäulen mit mindestens 300 Kilowatt. Die gibt es inzwischen an allen Autobahnen, aber das Netz ist noch grobmaschig.

Wie groß ist die Reichweite des Kia EV6?

Und wie ist es mit der Reichweite des Autos? Mit dem Kia EV 6 komme ich bei Fahrten in der Region Stuttgart rund 460 Kilometer weit. Das ist allerdings meine Reichweite. Und die hängt von der Fahrweise und natürlich auch von der Strecke ab. Ich fahre im sparsamen Eco-Modus. Es gibt aber auch einen Normal- oder einen Sportmodus, der das Auto mit 325 PS in 5,2 Sekunden auf 100 Stundenkilometer beschleunigen kann.

Ich bin auch auf der Autobahn mit Eco-Modus unterwegs und komme dort auf 340 bis 360 Kilometer Reichweite. Ich fahre mit dem Elektroauto nicht langsamer als früher mit dem Benziner. Geplant war, mit einem konstanten Tempo von 130 Stundenkilometern nach Flensburg zu fahren. Das war aber wegen der Verkehrslage und dem Wetter so nicht möglich. Die Geschwindigkeiten auf der Fahrt lagen zwischen 100 und 145 Stundenkilometern.

Wann muss man während der Fahrt an die Ladesäulen? Da hat jeder seine eigene Philosophie. Ich gehe auf Nummer sicher und das heißt: Wir laden spätestens nach 250 Kilometern wieder auf und fahren damit die Reichweite nicht voll aus. Ich plane die Ladestopps so, dass ich noch eine Alternative in 30 bis 50 Kilometern Entfernung habe, falls die Ladesäulen belegt oder defekt sind.

Die Hersteller werben mit dem Aufladetempo bis 80 Prozent der Batterie, viele Schnellladesäulen zeigen die Minuten bis 80 Prozent auch groß an. Die letzten 20 Prozent dauern länger, weil das Auto dann den Strom herunterregelt. Wer voll auflädt, braucht auch mehr Zeit. Bei langen Strecken ist es aber sinnvoll, die volle Reichweite zu laden.

Wie lange dauert das Aufladen an der Schnellladesäule von Ionity?

Erster Stopp auf der Hinreise ist nach 242 Kilometern der Eurorastplatz Eichenzell kurz vor Fulda. Unser Ziel sind Schnellladesäulen von Ionity. Außentemperatur: sechs Grad. Die Auto-Batterie zeigt noch 22 Prozent Kapazität. Wir laden voll auf - und brauchen dafür exakt genauso lange wie für das Mittagessen. Allerdings war die Küche langsam, obwohl wir die einzigen Gäste waren. In 51 Minuten ist die Batterie vollgeladen. Die Ladesäule gibt in der Spitze 130 Kilowatt, zum Ende des Ladevorgangs sind es noch 39. Die Kia EV 6 könnte aber bis 240 Kilowatt ziehen.

Die erste Station der Reise ist Osnabrück. Wir fahren aber nicht durch, denn zwischen Paderborn und Osnabrück gibt es keine Schnellladesäulen. Also noch einmal Zwischenstopp in Paderborn. In einem ungemütlichen Gewerbegebiet gibt es tatsächlich EnBW-Schnellladesäulen. Gleiches Bild wie vorher: In der Spitze werden 133 Kilowatt geladen. Nach 20 Minuten fahren wir weiter.

Wir übernachten nur in Hotels mit Elektroladesäulen. In Osnabrück kostet das Laden in der Hotelgarage 20 Euro. Ein guter Preis für eine Vollladung, wenn es denn nur funktionieren würde. Diese Ladesäule lädt den Kia aber nicht. Da sei ich nicht der erste Kunde, dem das passiert, tröstet man mich an der Rezeption. Deshalb müssen wir am nächsten Morgen vor dem Termin bei der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ) eine Ladesäule suchen.

Die EnBW hat auch in der Osnabrücker Innenstadt Ladesäulen

Die EnBW hat selbst in der Osnabrücker Innenstadt Schnellladesäulen. Eine davon funktioniert nicht, aber es gibt noch eine zweite 300 Kilowatt-Säule. 44 Kilowattstunden laden wir hier in 28 Minuten. Das hätten wir aber nicht machen müssen. Im Hof der NOZ gibt es auch Ladesäulen, das wussten wir aber vorher nicht.

In Flensburg und Büdelsdorf sind wir beim Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag (SHZ) zu Gast. Dafür übernachten wir in einem Hotel in Glücksburg. Dort gibt es drei normale öffentliche Ladesäulen, die immer frei sind. Schließlich ist keine Saison.

Bei diesen weit verbreiteten Ladesäulen zieht der Kia 11 Kilowatt pro Stunde. Die Batterie ist dann in sieben Stunden aufgeladen. So einfach geht es aber nicht. In allen Tarifen gibt es inzwischen unterschiedliche Blockiergebühren, die nach einer (Schnelllader) oder vier Stunden (Normallader) greifen, damit die Säulen schneller frei werden. Also folgt in Glücksburg die Aufladung in Etappen. Wir bleiben zwei Nächte - kein Problem.

Auf der Rückfahrt erleben wir dann, dass das Laden an der Autobahn auch nicht immer funktioniert. Auf der Rastanlage Harz West an der A 7 sind vier Ionity-Schnellladesäulen, davon ist eine defekt. An der Zweiten kommt zeitgleich ein schwedischer Audi an und lädt problemlos. Der Kia bekommt aber an den zwei restlichen Säulen keinen Strom und wir wissen nicht, warum. Also geht es weiter.

Wie teuer ist die Fahrt mit dem Elektroauto?

Auf der geplanten Strecke gibt es nach rund 30 Kilometern eine Alternative an einer Aral-Tankstelle in Northeim. Aral errichtet, wie viele andere Tankstellen-Betreiber auch, Ladesäulen direkt an seinen Standorten. In Northeim stehen vier Schnellladesäulen vom gleichen Typ, den auch die EnBW benutzt. Hier geht es auch am schnellsten. Die Batterie lädt von 28 auf 86 Prozent in 30 Minuten. Wir sitzen derweil in einem Imbiss.

Was haben die 2000 Kilometer Fahrt mit dem Elektroauto gekostet? Genau 209,20 Euro. Das ist deutlich billiger als mit einem vergleichbaren Benziner. Dazu muss man aber wissen, dass ich eine Kia Charge Card verwende, die im ersten Jahr des neuen Autos besonders günstige Konditionen hat. So kostet mit dieser Karte die Kilowattstunde an einer Ionity-Schnellladesäule 0,29 Euro. Der Normalpreis liegt bei 0,79 Euro. Schnellladen ist besonders teuer.

Bei der EnBW zahle ich als Stromkunde an normalen Ladesäulen zwischen 0,38 bis 0,48 Cent pro Kilowattstunde. Damit bin ich in der Region billiger unterwegs als mit einem vergleichbaren Benziner. Aufgrund des Tarifdschungels und der steigenden Preise lassen sich solche Aussagen aber derzeit nur schwer verallgemeinern. Aber der Umstieg auf ein Elektroauto lohnt sich, weil es viele lukrative Förderprogramme gibt.

Lohnt sich die Fahrt mit dem Kia EV6?

Fazit nach der ersten großen Fahrt mit dem Kia: Die idealen Bedingungen für die 18 Minuten Ladezeit suche ich immer noch. Aber die tatsächlichen Pausen beim Autofahren sind aus meiner Sicht noch in Ordnung. Ein dichteres Netz an Schnellladesäulen ist aber wünschenswert, damit man die Reichweite auch stärker ausfahren kann. Das nächste große Projekt ist die Fahrt mit dem Kia EV 6 nach Binz auf Rügen. Das Ostseebad ist rund 950 Kilometer von Waiblingen entfernt. Die besten Ladesäulen stehen dort am Haus des Gastes und am Kleinbahnhof. Die Nutzung ist kostenlos.

Mit dem Elektroauto von Waiblingen nach Flensburg: Eine Dienstreise mit vielen Terminen fest getaktet. Wir sind in der ersten Aprilwoche gefahren bei Kälte, Sturm und teils heftigem Regen. Mein Auto ist ein Kia EV 6, der nach Herstellerangaben bei idealen Bedingungen die 77,4 Kilowattstunden große Batterie von 10 auf 80 Prozent in 18 Minuten aufladen kann. Also ein Elektroauto für längere Strecken. Doch wie sieht die Realität auf den deutschen Autobahnen tatsächlich aus?

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