Waiblingen

Mit „gehörig Wucht“ zugestochen

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Symbolfoto. © Joachim Mogck

Fellbach/Stuttgart. Eine Attacke mit einem Kreuzschlitz-Schraubenzieher hätte für das Opfer tödlich enden können: Im Prozess gegen einen 21-jährigen Griechen nach einer üblen Schlägerei beim Fellbacher Herbst 2017 haben am Dienstag ein Sachverständiger und Polizisten ausgesagt. Ganz offensichtlich ging es seinerzeit hoch her in Fellbach.

Der Hauptangeklagte befindet sich seit Oktober in Untersuchungshaft. Der Vorwurf lautet auf versuchten Totschlag. Außer dem 21-Jährigen müssen sich vier weitere Angeklagte seit Mitte April vor dem Stuttgarter Landgericht verantworten, darunter die Freundin des Hauptbeschuldigten.

Die Beteiligten zeichnen ein sich widersprechendes Bild

Der 21-Jährige hat bereits eingeräumt, seinem Kontrahenten mehrfach einen Kreuzschlitz in den Rücken gerammt zu haben. Beim Fellbacher Herbst war es wiederholt zu Randale und Schlägereien gekommen. Ein 28-Jähriger, der mit einem Elektroschocker bewaffnet das Fest besucht hatte, erlitt bei der Kreuzschlitz-Attacke schwere Verletzungen und musste operiert werden.

Von wem die Aggression zuerst ausgegangen war, blieb auch am dritten Verhandlungstag unklar. Die Beteiligten zeichnen ein sich widersprechendes Bild. Als mehrere Polizisten die Kontrahenten trennten, hatten sie es zum Teil mit heftiger Gegenwehr zu tun.

Wer Täter und wer Opfer war, ließ sich offenbar nicht so leicht erkennen, weshalb auch der 28-Jährige mit den Stichen im Rücken zunächst mit aufs Revier musste. Seine Verletzungen traten erst kurze Zeit später zutage, woraufhin die Beamten sofort einen Notarzt riefen.

Tiefe Wunden zugefügt

„Gehörig Wucht“ war nötig, um dem 28-Jährigen mit einem Kreuzschlitz-Schraubenzieher solch tiefe Wunden zuzufügen, sagte ein Sachverständiger am Dienstag vor Gericht. Das Werkzeug durchdrang erst die Jacke des Opfers, dann dessen Haut – das passiert mit einem Kreuzschlitz nicht so einfach. Der Sachverständige bestätigte, dass die Verletzungen vom Grundsatz her lebendsbedrohlich hätten werden können, etwa wenn nicht so schnell die richtige Behandlung gefolgt wäre.

Am ersten Prozesstag hatte der Angeklagte ausgesagt, sein Kontrahent habe sich zuerst äußerst aggressiv verhalten und seine Freundin mit seinem Elektroschocker traktiert. Von Seiten des Sachverständigen hieß es nun, die Verletzungen der Frau, im Wesentlichen Rötungen, seien nicht jener Art gewesen, die üblicherweise bei Elektroschocker-Attacken auftreten.

Unübersichtliche Lage

Den Aussagen mehrerer Polizisten zufolge bot sich den Beamten an diesem denkwürdigen Abend im Oktober 2017 in Fellbach ein unübersichtliches Bild. Die Stimmung sei aufgeheizt gewesen. Einer der Polizisten rief plötzlich: „Jetzt geht’s da drüben weiter!“, woraufhin mehrere Beamte losrannten. Einer der Polizisten realisierte im ersten Moment, dass eine Person auf eine andere einschlug, woraufhin er den Schläger festgehalten habe und sich heftigen Widerstands erwehren musste.

Nur mit vereinten Kräften gelang es den Beamten, den jungen Mann zu bändigen und ihm Handschellen anzulegen. Bei diesen Kontrahenten handelte es sich aber offenbar nicht um den Hauptangeklagten und dessen Opfer. Der junge Mann, der sich so heftig wehrte, sitzt jetzt aber auch auf der Anklagebank – wegen Widerstands gegen Polizeibeamte. Weil die Polizisten damals bei ihm ein Taschenmesser fanden, merkte der Staatsanwalt am Dienstag vor Gericht an, es komme nun „eine besonders schwere Widerstandshandlung“ in Betracht.

Ein anderer junger Mann, ebenfalls Angeklagter, hatte auch versucht, sich gegen die Polizei zu wehren. Einer der Polizisten schlug ihm, wie er selbst vor Gericht aussagte, mit dem Schlagstock auf den Unterarm, „um diesen Widerstand zu brechen“.

Das wirkte. Später entschuldigte sich der junge Mann bei dem Polizisten, und jetzt im Gerichtssaal noch einmal. Ob der junge Mann seinerzeit um sich geschlagen hatte, allein um sich zu wehren, oder ob er den Beamten gezielt angreifen wollte – das wollte der betreffende Polizist nicht bewerten. Zu mehr als zwei bis drei Abwehrbewegungen sei es nicht gekommen; „mehr lass’ ich gar nicht zu“, sagte der Polizist im Zeugenstand: „Ich bin ja nicht da, um mich schlagen zu lassen.“