Waiblingen

Mit Hintersinn kräftig aufklären

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Jürgen Gröner
Zeichner Jürgen-Roland Gröner, die Fußpilze und Naschen vom Baum der Erkenntnis. © Sarah Utz
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Jürgen Gröner
Jürgen Gröner Weinstadt Endersbach Großheppacher Straße 5. Jürgen Gröner zeichnet herrliche Karikaturen. Foto: Buettner © ZVW
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Jürgen Gröner
Jürgen Gröner Weinstadt Endersbach Großheppacher Straße 5. Jürgen Gröner zeichnet herrliche Karikaturen. Foto: Buettner © ZVW

Weinstadt. Man muss wissen, woher man kommt. Sollte dann aber auch nicht hocken bleiben, sondern für den Sprung bereit sein – geografisch, geistig. So hält es der Pädagoge, Jazz-Pianist und Maler Jürgen Gröner aus Endersbach. Der jetzt sein grafisches Werk zeigt. Es spielt auf wunderbare Weise mit unseren verschiedenen Herkünften.

Was wir von einem Pilz sehen, ist noch nicht einmal die Spitze des Eisbergs. Pilze breiten sich bei ihrem Wirt, dem Baum, unterirdisch aus, und zwar in der Dimension einer Tiefgarage oder Fußgängerzone. Jürgen Gröner, der Grafiker, der er eben auch ist, nimmt die Nadel, ritzt in die Zinkplatte ein urtümliches Gewächs, Bäume bilden das Spalier. Ist es ein krumm gewachsener Pilz? Oder ist es einer dieser „Sterren“, wie die Wengerter sagen, ein besonder uriger Weinstock? Nein, wir haben es mit einem Fuß zu tun, starke Überbeine zeichnen ihn zusätzlich. Fuß? Pilz? Aha, gestatten, es verkörpert sich hier der Fußpilz. Er dient dem Fortschritt der Erkenntnis.

Der Satiriker Gröner verletzt nicht auf ätzende Weise

Gröner, der Schöpfer des Gebildes, lächelt noch nicht einmal still in sich hinein. Für schiere Genugtuung ist kein Platz. Gegen diesen Fußpilz nützt kein Desinfektionsmittel. Die Zinkplatte ist unwiederbringlich geätzt. Gröner ist bei seinen Beobachtungen freilich auch nicht der Gesellschaftskritiker mit der verletzenden Ätzkraft. Dazu lebt er zu gerne, muss selber Kompromisse machen. Aber wie er hier etwas vom Kopf auf die Füße stellt, und diese dann wiederum in den Himmel wachsen lässt, das hat schon Hintersinn in der Feinarbeit. Davor sehen wir drei kleine Fliegenpilze. Wir sehen sie grinsen.

Wie breit dieser Mann aufgestellt ist, wie weit sein Horizont ist, das zeigt allein schon die Geschichte, wie er zur Technik des Radierens kam. Typisch für ihn.

Er will lebenslang lernen. Er, der Lehrer, will das nicht einfach nur dem Nachwuchs anempfehlen. Also hat er sich nochmals an der Universität angemeldet. Fürs Studium generale an der Uni Stuttgart. Dort kam er mit Leuten zusammen, die die Radierung zu ihrem Metier des Ausdrucks erkoren haben. Die Uni hat auch eine Werkstatt dazu.

Die Füße sind geerdet, der Mann auch. Er steht wahrlich auf zwei Beinen. Da wäre das Geistige und das, was dann vielleicht nur Künstler erspüren und versuchen umzusetzen. Sein Vater war ein guter Maler wie auch ein guter Musiker, sagt der Sohn. Der Vater aber wusste, dass sich damit keine Familie nähren lässt.

Also wurde er Lehrer. Jürgen, der Sohn, hat das, was der Vater ihm mitgeben kann, angenommen. Hat immer schon gezeichnet und Musik gemacht. Entschied sich aber fürs Ingenieur-Studium, Richtung Elektrotechnik. Es führte, wiederum dem Vater folgend, ins Lehramt. Mathe hat er unterrichtet. Es führte aber auch in eine gewisse Leere. Also setzte er ein Musikstudium drauf, ebenfalls fürs Unterrichten an der Schule.

Heute, mit seiner Lebensleistung als gefragter Mann im Oberschulamt und im Kultusministerium, mit seiner jahrzehntelangen Programm-Arbeit für den Jazzclub Armer Konrad, mit seinen ständigen Auftritten als Jazzpianist und mit seiner Tätigkeit als Musikkritiker für diese Zeitung, kann er sagen: „Wenn wir an der Musikkultur unserer Gesellschaft etwas ändern wollen, müssen wir ganz unten anfangen.“ Und auch da hat er im Ursprungssinn gewirkt: Mit Programmen, wie man Erzieherinnen Handreichungen geben kann – für die musikalische Früherziehung.

Wenn sich das Nutzlebewesen Pilz nicht im Urgrund und in der Fläche ausbreiten kann, treibt es auch keine Früchte und Blüten. Das hat Sinn und manchmal auch Hintersinn. Jürgen Gröner ist froh, dass die Kultur bei uns noch einen Stellenwert hat. Dass es noch Etat-Posten für sie gibt. Nicht nur deshalb, weil kluge Wirtschaftslenker wissen, dass es einer ewig sich erneuernden kreativen Klasse bedarf, um morgen auf dem Weltmarkt konkurrieren zu können. Er ist da Realist, und nicht bloß der Schöngeist, der Idealen nachhängt.

Das hat ihn, der zur Zeit des 68er-Aufbruchs beim Studentenbund in Stuttgart aktiv war, schon immer bewegt: Veränderung ja, auch ein System in Frage stellen. Aber all das, was dem Menschen eine Identität verschafft, die Kultur, die Bildung, das Humane - das darf nicht einfach einer Idee geopfert werden, und sei sie auch noch so groß. Bildung, Kultur - all das macht immun gegen Ideologien.

Dazu passt eine andere Radierung, genannt „Brandstifter“. Zündhölzer en masse marschieren in eine Richtung. Sie tragen Banner ohne Text. Sprich: Jeder kann sich selbst eintragen, was gemeint sein könnte. Sobald jemand hinter einer Fahne dreinläuft, sagt der geschichtsbewusste Zeitdiagnostiker Gröner, ist es für ihn so weit, dass er nicht mit will und nicht mit kann. Kein Mitläufer zu sein, das ist allemal Haltung genug.

Wichtig ist nicht das Ergebnis, sondern das Tun

Dazu kann er Sätze sagen, die nun mal gedruckt gehören: „Es ist nicht das wichtig, was bei einer künstlerischen Arbeit herauskommt, das Tun ist es. Mit der Zeit stellt sich dann auch was Brauchbares dabei heraus.“

Zweiter Blick ins Gröner'sche Dachjuhe an der Großheppacher Straße. Auf der Staffelei steht ein Großformat, eine Acrylmalerei. Nebenan hängen Fotos mit Köpfen von sogenannten großen Männern. Gröner vereinigt den Papst mit Arafat, vielleicht malt er noch Erdogan dazu. Das Werk heißt „Hinz und Kunz“. Soll heißen: „Wir alle sind nur einfache Menschen“. Reißt denen die Maske vom Gesicht, die einen Kult aus sich machen. Demut vor dem Volk, dem einfachen Menschen.

Das wünscht sich der Pädagoge und Künstler in einer Person, Jürgen Gröner.

Vernissage mit selbst gemachter Musik

Jürgen-Roland Gröner zeigt sein grafisches Werk im Salon des Weinguts Kern in Rommelshausen. Eröffnet wird die Schau diesen Donnerstag, 12. Mai, 19 Uhr. Zu sehen sind die Arbeiten noch bis Mitte Juli zu den Geschäftszeiten des Weinguts.

Musik gibt es von Jürgen Gröner, Keyboard, und Manfred Bauerle, Saxofon.