Waiblingen

Mit Hubwagen Frau umgefahren

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Symbolbild. © Mathias Ellwanger

Waiblingen/Kernen. Zwei Angeklagte, fünf Zeugenaussagen – acht Geschichten. So ließe sich ein Prozess wegen Körperverletzung resümieren, der in Waiblingen verhandelt wurde. Ein 74-jähriger Rommelshausener soll die Frau eines 35-jährigen Italieners aus Winnenden mit einem Hubwagen umgefahren, dieser den Älteren daraufhin verprügelt haben.

Ursache des Streits war eine Gitterbox auf einer Palette. Eine Mauer auf dem Grundstück seiner spanischen Aktiengesellschaft habe er damit absichern wollen, eine Anordnung des Landratsamtes, gab der 74-jährige Angeklagte zu Protokoll. Das Problem: Das Konstrukt stand zu einem Großteil auf dem Grundstück seines Nachbarn, des 35-jährigen Angeklagten, der vor Ort eine Reinigung betreibt. Einig sind sich die beiden darüber, dass der Jüngere und seine Frau die Box wiederholt von ihrem Grundstück entfernt haben, uneinig über ihre Berechtigung dazu – und den Tathergang.

Der Ältere sieht sich als Opfer: An besagtem Vormittag im vergangenen Mai habe er die Palette mittels eines Hubwagens wieder an Ort und Stelle schieben wollen. Die Frau des Jüngeren habe ihn daran hindern wollen, sich gegen die schwere Box gestemmt und ihren Mann gerufen. Dieser sei aus dem Laden gestürmt und habe ihn gegen ein geparktes Auto gestoßen. Er sei zu Boden gegangen und der andere habe ihn mehrfach geschlagen und getreten – ins Gesicht, auf die Brust, in die Kniekehle. Bleibende Schäden an Gehör und Knie will er davongetragen haben: „Ich war ein begeisterter Alpin-Skifahrer, das kann ich nun nicht mehr“, sagte der korpulente 74-Jährige aus.

Auch der Jüngere sieht die Schuld beim anderen. Ja, er und seine Frau hätten die Box verschoben – und zwar, weil sie mit ihrem Lieferwagen nicht mehr vor ihrem Geschäft hätten parken können. Vorher hätten sie sich aber bei Polizei und Bauamt erkundigt, ob sie das dürften. An besagtem Maitag sei er in seiner Reinigung gewesen, als er seine Frau habe weinen hören. Er sei aus dem Geschäft gerannt und habe sie auf dem Boden liegen, den Älteren am Hubwagen stehen sehen. Nur weggeschubst habe er den Nachbarn, der sei gegen ein Auto gestürzt und zu Boden gegangen. Geschlagen oder getreten habe er ihn nicht.

Die Frau des jüngeren Angeklagten, eine 31-jährige Italienerin, sagte als Zeugin aus. In ihrer Version fuhr der 74-Jährige sie mit dem Hubwagen nicht nur um, sondern die Gitterbox landete sogar auf ihrem linken Schienbein. Dadurch habe sie Schürfwunden und Prellungen erlitten. Vorher soll der Nachbar noch zu ihr gesagt haben: „Entfernen Sie sich von meinem Grundstück, sonst entferne ich Sie mit dem Hubwagen!“

Die Rolle des Hubwagens ist unklar

Was genau zwischen dem Hubwagen und der Frau vorgefallen ist, kann auch keiner der weiteren vier Zeugen erhellen. Zwei von ihnen sind nach eigener Aussage erst hinzugekommen, als die 31-Jährige bereits auf dem Boden lag. Eine Zeugin, deren Aussage aufgrund ihres hohen Alters vor Gericht nur verlesen wurde, will gar gesehen haben, wie der jüngere Angeklagte den Älteren damit umgefahren habe. Brutale Faustschläge und Tritte will nur eine Zeugin beobachtet haben: eine 66-Jährige, deren Tochter mit dem Sohn des älteren Angeklagten verheiratet ist. Die Aussagen der anderen beiden Zeugen – einer 64-jährigen Heilpraktikerin und eines 53-jährigen Blumenhändlers – decken sich weitestgehend, auch mit der des Italieners: Er habe den Älteren geschubst, woraufhin dieser zu Boden gegangen sei. Es habe nicht besonders dramatisch gewirkt. Der Blumenhändler hat allerdings noch einen „Karatesprung“ und einen Schlag ins Gesicht, „wie eine Ohrfeige“, beobachtet – aber alles nicht so dramatisch.

Immer wieder kochte während der Verhandlung der Nachbarschaftsstreit hoch (siehe Infobox). Die Vorsitzende Richterin Bayer wunderte sich mehrfach, wieso die Sache nicht in einem Zivilprozess geregelt werde. Am Ende wurde das Verfahren mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft und beider Angeklagter eingestellt. Für den 74-Jährigen nach § 153 Abs. 2 ohne, für den 35-Jährigen nach § 153a mit einer Geldauflage. 500 Euro muss er an die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung zahlen.

Das Gehör des 74-Jährigen schien während der Verhandlung recht selektiv zu funktionieren. Hatte er zu Anfang noch den Schwerhörigen markiert und sich von seinem Anwalt „dolmetschen“ lassen, verstand er am Ende die leise vorgetragene Zustimmung der Staatsanwaltschaft zur Einstellung des Verfahrens hervorragend.

Gute Nachbarschaft?

Bereits seit fast zwei Jahren scheint ein Nachbarschaftsstreit zwischen den beiden Angeklagten zu schwelen.

Der 74-Jährige schreibe regelmäßig E-Mails an die Gemeinde oder das Landratsamt und versuche, ihn anzuschwärzen, gab der 35-jährige Angeklagte zu Protokoll.

Die 31-jährige Ehefrau des Jüngeren wittert einen Rachefeldzug: Die Reinigung habe ursprünglich dem Sohn des Älteren gehört, ihre Familie habe sie aus der Insolvenz herausgekauft.