Waiblingen

Mittagstisch im Jakob-Andreä-Haus in Waiblingen: Für viele Menschen wichtig

MittagstischKirche
Pfarrer Matthias Wagner und Marie Lisabeth Hübel kochen das Mittagessen. © Gaby Schneider

„Wir kommen vor allem wegen der Gemeinschaft, damit wir reden und natürlich miteinander ein Essen genießen können.“ Das sagt eine Waiblingerin, die am Freitag nach einer Sommerpause von drei Wochen zum „Mittagstisch für alle“ ins Jakob-Andreä-Haus gekommen ist. Insgesamt 14 Gäste sind heute da. Dort plaudern und essen sie miteinander, zudem hören sie einer kleinen Vorlesung zu.

In der Regel sind es Menschen ab 65 Jahren, die regelmäßig zum Mittagessen kommen, sagt Pfarrer Matthias Wagner, der selbst 65 ist. Er hat mit seinem Team das heutige Menü gekocht: eine Zwiebel-Zucchini-Suppe als Vorspeise, einen Burgunder-Salat als Hauptgericht und Pfannkuchen mit Mirabellenmarmelade zum Nachtisch - „typisch französisch“, so Matthias Wagner. Inzwischen gibt es nur noch vegetarische Gerichte.

Wie die Idee entstanden ist

„Die Idee des gemeinsamen Mittagstischs kam ursprünglich aus Backnang, wo ich zuvor für 15 Jahre in der Stephanuskirche gearbeitet habe“, sagt Matthias Wagner, der in Waiblingen in der evangelischen Michaelskirche predigt. In der früheren Gemeinde seien die Leute nach Trauergesprächsgruppen auf ihn zugekommen und hätten gefragt, ob nach dem Ende ein Zusammenkommen möglich sei. Daraufhin seien die Gemeinde und er auf die Idee eines wöchentlichen gemeinsamen Mittagessens gekommen.

„Zuerst waren es nur ungefähr sechs Personen und ich, aber es hat schnell die Runde gemacht. Kurz darauf waren wir dann ziemlich regelmäßig um die 30 Leute.“ Als er dann nach Waiblingen kam, hat er die Idee dem Kirchengemeinderat vorgeschlagen, welcher begeistert vom wöchentlichen Mittagessen gewesen sei. „Das ist jetzt zehn Jahre her - am 7. Oktober in diesem Jahr ist unser Jubiläum“, so der 65-Jährige. Natürlich gebe es Stammgäste, so der Pfarrer, aber neue Gesichter sehe man schon hin und wieder.

Die Gemeinschaft steht im Vordergrund

Ein Stammgast, beziehungsweise eines der „Gründungsmitglieder“, wie es Matthias Wagner nennt, ist die Waiblingerin Elsbeth Keyler. Sie ist schon seit dem Dietrich-Bonhoeffer-Haus dabei, wo sie vor zehn Jahren zuerst mit dem gemeinsamen Mittagessen angefangen habe. Für sie steht aber nicht das Essen, sondern die Gemeinschaft im Vordergrund, sagt Elsbeth Keyler. So sieht es auch eine 65-jährige Waiblingerin: „Man ist hier nicht wegen dem Essen, sondern vor allem weil man Gesellschaft braucht. Die Gemeinschaft ist so toll, weil man hier unter Gleichgesinnten ist.“

Shahla Shabankareh, eine 55-jährige Mitarbeiterin des gemeinsamen Mittagessens, bestätigt den Gemeinschaftsaspekt. Die 55-Jährige ist vor sechs Jahren aus dem Iran geflüchtet. Vor fünf Jahren hat sie Matthias Wagner kennengelernt und gefragt, ob sie als Aushilfe für die Kirche arbeiten könne. Seitdem ist sie beim Mittagstisch im Einsatz. „Wenn ich Zeit habe, dann bin ich freitags dabei“, so Shahla Shabankareh.

Unter Gleichgesinnten scheinen auch die beiden anderen Küchenhilfen zu sein: Marie Lisabeth Hübel und Erika Rötz erzählen, wie sie sich vor vielen Jahren hier kennengelernt haben - „seitdem gehe ich immer nur zum Mittagessen, wenn sie auch kommt“, so Erika Rötz und lächelt ihre Freundin Marie Lisabeth Hübel an.

Im Lockdown wurde geliefert

Während der Corona-Lockdowns habe die Kirchengemeinde sehr viel darüber nachgedacht, wie man den Mittagstisch fortführen könnte, so Matthias Wagner. Und so sei die Gemeinde auf die Idee „Lieferservice“ gekommen - so nennen sie es gerne. Das Prinzip dahinter: Das Essen wurde coronakonform im Jakob-Andreä-Haus zubereitet und dann mit Elektro-Fahrrädern zu den früheren Gästen nach Hause geliefert.

Den „Lieferservice“ hat der Mittagstisch beibehalten. Meistens fährt ihr Mann das Essen aus, doch an diesem Freitag ist Ingrid Storz mit ihrem Fahrrad eingesprungen. Darauf, dass sie nicht per Auto liefern, ist das Team stolz.

Aber nicht nur das ist nachhaltig: Die Gemeinde bezieht ihre Produkte aus Bio-Gärtnereien und auch aus Eigenanbau. Zum Beispiel die Mirabellen, die Matthias Wagner und sein Team aus Ehrenamtlichen für die Marmelade verwendet haben. „Klar, die steigenden Preise sind ein Problem, aber wir wollen Frische und Qualität beibehalten“, so der Pfarrer. Und eine Alternative sei, so habe er festgestellt, vegetarische Gerichte zu kochen. „Fleisch ist teurer, und seit diesem Jahr gibt es bei uns ausschließlich vegetarische Gerichte. So sparen wir Kosten, aber keine Qualität ein“, erklärt Matthias Wagner. „Als Kirche hat man eine gewisse Verantwortung. Und diese ist nicht nur, den Leuten die Gemeinschaft in schwierigen Zeiten näherzubringen, sondern auch, ökologisch zu handeln“, so der Pfarrer.

Gäste können Geld einwerfen: Es ist aber kein Muss

Nach dem Essen steht an der Eingangstür ein Körbchen, in das die Gäste Geld einwerfen können. „Es ist kein Muss, nur eine Empfehlung von sieben Euro. Die meisten schmeißen sogar mehr ins Körbchen“, so der Pfarrer. Das Geld verwendet die Gemeinde für verschiedene Zwecke. Das diesjährige Spendenprojekt werde vermutlich die Sanierung der Michaelskirche, so Pfarrer Wagner. Das Jahr zuvor ging die Spende an die Partnerkirche in Tirunelveli in Indien. 2018 sind Jugendliche von dort für zwei Wochen nach Waiblingen gekommen, wo sie Interessierten auch ihr indisches Christentum näherbringen konnten. Gemeinschaft zwischen den Konfessionen, und auch vor Ort zwischen den Waiblingern, das ist für Pfarrer Matthias Wagner zentral: „Diese Gemeinsamkeit finde ich so toll an dieser Aktion. Wenn ich mal in den Ruhestand gehe, dann werde ich das Mittagessen noch immer ehrenamtlich weitermachen - es macht einfach so viel Spaß.“

„Wir kommen vor allem wegen der Gemeinschaft, damit wir reden und natürlich miteinander ein Essen genießen können.“ Das sagt eine Waiblingerin, die am Freitag nach einer Sommerpause von drei Wochen zum „Mittagstisch für alle“ ins Jakob-Andreä-Haus gekommen ist. Insgesamt 14 Gäste sind heute da. Dort plaudern und essen sie miteinander, zudem hören sie einer kleinen Vorlesung zu.

In der Regel sind es Menschen ab 65 Jahren, die regelmäßig zum Mittagessen kommen, sagt Pfarrer Matthias

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