Waiblingen

Moslemische Nachbarn: Gar nicht so fremd

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Wunderbare Kacheln, kühl blau und voller Ornament, in der Waiblinger Sultan-Ahmed-Camii-Moschee. Diese Kacheln aber schmücken nur den vorderen Teil der Moschee. Der Rest ist schlicht und „bescheiden“, wie Hasan Degirmenci erklärt © Büttner / ZVW

Waiblingen. „Was glaubt mein Nachbar?“ fragte das evangelische Kreisbildungswerk Rems-Murr und besuchte die Waiblinger Ditib-Moschee im Ameisenbühl. Dort gab’s Infos zu den fünf Säulen des Islam und allerlei einfach Menschliches – so, wie Nachbarn eben sind.

Was macht einen guten Nachbarn aus? Mit einem guten Nachbarn kann man nett über den Gartenzaun quatschen, manchmal ein Festle feiern, man hilft sich, wenn’s Not tut und ansonsten stört man sich nicht.

Die Waiblinger Ditib-Gemeinde mit ihrer Sultan-Ahmed-Camii-Moschee fällt nur dem auf, der sehr genau die Hauswand entlang guckt. Ein Schild, sonst nichts. Hinter dem Zaun auf dem Hof stehen zur Zeit Zelte, wie bei so vielen Häuslesbesitzern: Platz für gemeinsames Sitzen trotz Regens oder Sonnenscheins. Die Moschee, die Gemeinde, sagt Hasan Degirmenci, sei „bescheiden“. Mit diesem Wort kämpft er. Ramadan, Fastenzeit. Kennen die Christen übrigens auch. Wenn auch nicht ganz so konsequent. Die Moslems wählten eben, sagt Degirmenci, „die harte Version“. Und so leidet der Kopf unter Mangel. Seine Gäste helfen ihm bei den Wortfindungsschwierigkeiten. So wie’s gute Nachbarn halt tun.

Das evangelische Kreisbildungswerk Rems-Murr hatte um den Besuch in der Moschee gebeten. Der Themenschwerpunkt hieß „Gott und die Welt“. Die Gastgeber bedankten sich für das Interesse mit einem Vortrag über den Islam und der Erkenntnis, dass Nachbarn meist die gleichen Geschichten und Regeln haben wie wir. Nur dass wir mit der einen oder anderen Regel etwas schlampiger umgehen. „Schuhe ausziehen“ zum Beispiel heißt’s, bevor ein Haus betreten wird. Und zur sauber zu haltenden Zone gehört auch schon der Teppich vor der Wohnungstür. Oder der Moscheentür.

Und sonst? Können uns diese Nachbarn geheuer sein? Fünf Glaubenssäulen definieren den Islam. Der Dschihad, der Glaubenskrieg, sagt Degirmenci, gehört nicht dazu. Und die Kaaba, das Ziel der Wallfahrt, die jeder Moslem einmal in seinem Leben machen sollte, ist ein „leerer Würfel“. Nichts Geheimnisvolles drin: drei Säulen, ein kleines Extrazimmer. Und warum, du meine Güte, muss man diese unbedingt berühren? Muss man nicht, sagt Degirmenci. „Da kommt man nicht näher zu Gott. Manche übertreiben alles.“

Ah, in der Moschee gibt’s auch ‘ne Kanzel. Der Prophet, sagt Degirmenci, stieg einst auf einen Baumstumpf, damit die Gläubigen ihn besser sahen. Daraus ist halt eine Treppe geworden. Das ist der Lauf der Zivilisation. Und Parallelen dazu lassen sich ganz problemlos in unseren Kirchen, in unseren biblischen Geschichten finden.

Und dann gibt’s da noch den ewigen Streitpunkt: das Minarett. Was den Christen die Glocke, die aus luftiger Turmeshöh’ zum Gottesdienst ruft, ist dem Moslem der Muezzin, der die Gebetszeiten ausruft. In Waiblingen geschieht das sehr diskret und nicht nach außen schallend. Diese Nachbarn nehmen Rücksicht auf die Befindlichkeiten der Anwohner, die den fremden Ruf vielleicht nicht hören wollen. Doch selbst dort, wo das Minarett noch wirklich genutzt wird, hat die Moderne Einzug gehalten. Gegen Straßen- und sonstigen Lärm kommt selbst der beste Muezzin nicht an – sein Ruf wird mit Mikrofonen verstärkt. Und da das passiert, muss der Rufer auch gar nicht mehr hoch auf den Turm. Das Mikro kann auch von unten bedient werden. „Die werden auch immer fauler.“ Naja, welche Kirchenglocken werden denn noch von Hand in Schwung gebracht?

Und dann, in aufgeregten Zeiten, noch eine grundsätzliche Frage: Religion und Politik, Religion und Staat – wie eng ist das verzahnt? Wie stark nehmt Ihr hier in Waiblingen Einfluss auf die Meinung Eurer Glaubensgemeinschaft? „Ich finde“, sagt Hasan Degirmenci, „Staat und Religion sollten getrennt sein.“ Er sagt, er denke laizistisch. „Da seid Ihr uns voraus. Das müssen wir noch lernen.“

Die fünf Säulen des Islam

Es gibt fünf eherne Glaubenssätze, auf denen der Islam gründet. Dazu gehört das Glaubensbekenntnis: Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet.

Außerdem das tägliche Gebet: vor Sonnenaufgang, am frühen Vormittag, am Mittag, vor Sonnenuntergang und vor Mitternacht. Allerdings: Wer aus ernstzunehmenden Gründen nicht beten kann, kann auch nur dreimal am Tag beten. Ein Gebet dauert nur wenige Minuten.

Das Gleiche gilt für das Fasten: Religion, sagt Degirmenci, dürfe nicht zur Qual werden. Deshalb ist der Gläubige unter bestimmten Bedingungen vom Fasten befreit. Ansonsten gilt während des Ramadans: 30 Tage lang von Sonnenaufgang bis -untergang nichts essen oder trinken.

Die soziale Pflichtabgabe: 2,5 Prozent des Einkommens sollte ein gläubiger Moslem für Bedürftige spenden. Und hier geht es um wirklich Bedürftige. Wer rauche, wer ein Handy habe, sagt Degirmenci, sei nicht arm. Die Waiblinger Ditib-Gemeinde spendet oft nach Afrika.

Die Pilgerfahrt nach Mekka: Einmal im Leben sollte ein Gläubiger diese Pilgerfahrt machen. Man darf auch öfter. Aber besser ist es, dann lieber einem armen Menschen eine Pilgerfahrt zu finanzieren.