Waiblingen

Mutige Bürger als Retter geehrt

_A8B2709_0
Die Geehrten und Vertreter der Initiative sicherer Landkreis (ISL), von links: Klaus Auer (ISL), Ivonne Schiele, Roland Dittmer, Claudia Maurer-Banke (ISL), Petra Hänger, Michael Winkler, Tanja Hahn, Erich Apperger (ISL), Marcel Hagmann, Sebastian Fischer, Felix Maier, Yunus Yilmaz, Rolf Mai und Eva Geiger. Nicht im Bild ist Markus Schmollinger, der bei der Ehrung nicht dabei sein konnte. © Laura Edenberger

Waiblingen. Sie haben hingeschaut statt weggesehen und beherzt gehandelt: Tanja Hahn und Marcel Hagmann sind zwei von zwölf Bürgern, welche die Initiative sicherer Landkreis für außerordentlichen Einsatz ausgezeichnet hat. Ohne ihre Hilfe wäre eine Frau Opfer einer Vergewaltigung geworden und eine ältere Dame hätte ihre gesamten Ersparnisse verloren.

Vor gut einem Jahr, Anfang Januar 2016, wurde für eine 57-Jährige in Winnenden ein Albtraum zur Realität. Sie ging nachts allein zu Fuß zu ihrem Auto, das auf dem Wunnebad-Parkplatz beim SV Winnenden geparkt war. Ein Mann griff sie an und warf sie zu Boden. Die Frau schrie panisch um Hilfe. Zu dieser Zeit trat Marcel Hagmann aus dem Wunnebad. Er hörte die Schreie, ließ seine Tasche fallen und rannte los. Als der Täter das bemerkte, ließ er von der Frau ab und flüchtete. „Ich hab noch geschaut, in welche Richtung er rennt, bin dann aber bei der Frau geblieben“, erzählt Marcel Hagmann. Er rief die Polizei und leistete der Frau Beistand, so gut es ihm möglich war. „Das war Beschützerinstinkt“, sagt der 31-Jährige heute.

Er folgte den Hilferufen

Hagmann arbeitet nebenberuflich bei einem Sicherheitsdienst. Er hatte keine Angst, berichtet er. Als er die Frau panisch schreien hörte, dachte er nicht weiter nach, versuchte nur, möglichst schnell zu orten, woher die Stimme kam. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand hier nicht geholfen hätte.“ Als sich der Vorfall kürzlich jährte, erinnerte sich der Wüstenroter noch einmal besonders intensiv an den Vorfall. Voll Mitgefühl denkt er noch heute an die Frau und daran, wie sie wohl mit dieser Tat umgeht.

Das Opfer hatte bei dem Überfall schwere Verletzungen erlitten – vom seelischen Leid ganz zu schweigen. Drei Monate lang war die Krankenschwester krankgeschrieben. Ihr Peiniger, ein damals 27-jähriger Deutscher aus dem Rems-Murr-Kreis, ist kurz nach der Tat im Januar 2016 in Brandenburg festgenommen worden. Ein Gericht hat ihn zu drei Jahren Haft verurteilt.

Der Mann war wegen einer ähnlichen Straftat schon einmal verurteilt worden, das war im Jahr 2013. Bis August 2014 saß er in Haft. Er hatte versucht, eine 14-Jährige zu vergewaltigen. Nur wenige Tage vor der Tat in Winnenden überfiel der Mann eine Frau in Mainhardt. Sie konnte flüchten.

Taxifahrerin verhindert Trickbetrug

Nicht um einen körperlichen Angriff, sondern schlicht um sehr viel Geld ging es bei einem anderen Fall, in dem Tanja Hahn aus Winnenden eine rettende Rolle gespielt hat. Die 27-jährige Taxifahrerin erhielt im September vergangenen Jahres den Auftrag, eine ältere Dame nach Winterbach zu einer Bank zu fahren. Am selben Tag hatte die Dame schon einmal ein Taxi geordert, ebenfalls wegen eines Bankbesuchs. Im Gespräch mit der Dame erfuhr Tanja Hahn, dass die Frau einen größeren Geldbetrag hatte abheben wollen, bei der ersten Bank das Geld aber nicht erhalten habe. Alles habe seine Richtigkeit, versicherte die 81-Jährige ein ums andere Mal, erzählt Tanja Hahn.

Eine falsche Verwandte bittet um finanzielle Hilfe

Die Seniorin hatte offenbar zuvor von der Schwiegermutter ihres Enkels einen Anruf erhalten – nur dass es sich eben nicht wirklich um die Schwiegermutter handelte, was die Seniorin aber nicht glauben wollte. Die angebliche Schwiegermutter hatte die Seniorin offensichtlich dazu gebracht, zu einem dringlichen – erlogenen – Wohnungskauf völlig überstürzt die stolze Summe von 40 000 Euro in bar beizusteuern. Im Taxi erzählte die arglose ältere Dame von mehreren Anrufen – „und das kam mir dann schon komisch vor“, berichtet Tanja Hahn.

Als die Frau in der Bank war, rief sie ihren Chef an und schilderte den Fall. Er riet, die Frau gezielt auf die Sache anzusprechen und sie auf die Gefahr eines Betrugs hinzuweisen. „Wir haben das menschlich gesehen“, sagt Tanja Hahn. Sie sprach erneut mit der Frau, doch diese ließ sich nicht abbringen vom festen Glauben, alles habe seine Richtigkeit. Sobald die Frau mit all dem Geld in der Tasche zu Hause war, rief die Taxizentrale vorsorglich die Polizei. Beamte überwachten die Wohnung, doch die Betrügerin tauchte nicht auf. Offenbar war es zu einem weiteren Telefonat gekommen, im Zuge dessen die Gauner Verdacht geschöpft hatten.

Später erschien die Seniorin zusammen mit ihrer Tochter in der Taxizentrale „und hat sich 1000-mal bedankt. Sie war echt glücklich.“ Um Haaresbreite hätte die alte Dame auf einen Schlag ihre gesamten Ersparnisse verloren.



Die Initiative sicherer Landkreis Rems-Murr ehrt jedes Jahr Bürger „für ihre tatkräftige Mithilfe und ihren sehr persönlichen Einsatz bei der Rettung von Menschenleben oder Aufklärung von Straftaten“. Doch nie zvor in der 20-jährigen Vereinsgeschichte wurde so vielen Bürgern diese Ehre zuteil. Die Geschichten der zwölf Geehrten – darunter vier Frauen und acht Männer – klingen ganz unterschiedlich:

Eva Geiger aus Oppenweiler war im Januar vergangenen Jahres frühmorgens als Zeitungsausträgerin in Backnang-Strümpfelbach unterwegs, als ihr in einem Haus verdächtige Geräusche auffielen. Tatsächlich war ein Einbrecher am Werk, der versucht hatte, Kleidungsstücke von der Garderobe durch den Briefkastenschlitz zu angeln. Die Zeitungsausträgerin vereitelte den Einbruch; der 30-jährige Litauer ist bereits verurteilt.

Reizgas ins Gesicht gesprüht

Ein anderer Einbrecher konnte im April 2016 in Fellbach flüchten, obwohl Felix Maier ihn zunächst verfolgt und gestellt hatte. Felix Maier hatte beobachtet, wie der Mann ins Nachbarhaus eingebrochen war. Der Täter sprühte seinem Verfolger Reizgas ins Gesicht und entkam trotz Fahndung der Polizei.

Verletzungen im Gesicht hat sich Markus Schmollinger bei einem mutigen Einsatz im August in Schorndorf zugezogen. Er hatte sich einem algerischen Asylbewerber in den Weg gestellt, der in einem Straßenlokal von einem Tisch einen Geldbeutel, ein Handy und eine Brille gestohlen hatte. Der Bestohlene verfolgte den Dieb, was Markus Schmollinger bemerkte. Er stellte sich dem Täter in den Weg; es kam gar zu einem Kampf. Zusammen mit einem weiteren Passanten überwältigte Markus Schmollinger den Mann. Der Algerier ist laut Polizei bereits mehrfach wegen Diebstahls- und Gewaltdelikten aufgefallen. Es liegt gegen ihn ein Antrag auf Erlass eines Haftbefehls wegen Fluchtgefahr vor.

Gleichgültig zugeschaut

Längst nicht jeder schreitet ein, wenn jemand in Not ist. Ivonne Schiele aus Schorndorf hätte Helfer gut gebrauchen können, als im November in Schorndorf eine Gruppe Jugendlicher auf einen türkischen Jugendlichen einschlug und ihn noch mit Tritten gegen Kopf und Körper traktierte, als er schon am Boden lag. Ivonne Schieles Beobachtung nach sahen mehrere Eltern gleichgültig zu. Die Erwachsenen hielten sich ganz in der Nähe auf, weil sie ihre Kinder von der nahe gelegenen Schule abholen wollten. Offenbar schritt niemand ein – außer Ivonne Schiele. Sie eilte dem türkischen Jugendlichen zu Hilfe und brachte ihn zu sich nach Hause. Die Schläger gingen auch die Helferin an, doch konnte sie sich unverletzt aus der Situation retten. Der Jugendliche wurde später im Krankenhaus ambulant behandelt.

Sinnlose Randale

Rolf Mai aus Fellbach ist im Dezember Zeuge sinnloser Zerstörungswut geworden. Er beobachtete, wie ein Mann die Außenspiegel an drei Fahrzeugen abtrat. „Allein der Aufmerksamkeit des Herrn Mai ist zu verdanken, dass eine ganze Serie dieser Taten zugeordnet werden konnte“, heißt es in der Laudatio der Initiative sicherer Landkreis. Denn nach einem Presseaufruf in dieser Sache meldeten sich 18 Personen, deren Fahrzeuge ebenfalls beschädigt worden waren. Rolf Mai hatte seinerzeit den Täter verfolgt. Die Polizei überwältigte schließlich den Mann. Es kam zu einem Handgemenge, bei dem Beamte leicht verletzt wurden.

Selbstmord verhindert

Petra Hänger hat keine Straftat verhindert – aber ein Leben gerettet. Am ersten Weihnachtsfeiertag beobachtete sie, wie ein Mann am Eisenbahnviadukt bei der Laufenmühle in Welzheim übers Geländer stieg und offenbar springen wollte. Die Aalenerin trat vorsichtig näher und verwickelte den Mann in ein Gespräch. Sie ging offenbar höchst umsichtig und einfühlsam vor, denn der Mann stieg im Verlauf des Gesprächs wieder hinter das Geländer zurück und gab sein Vorhaben auf. Die Polizei nahm den Mann in Gewahrsam. Bei ihm zuhause wurde später ein Abschiedsbrief gefunden.