Waiblingen

Nach Attacke auf alte Dame: 3,5 Jahre Haft

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Korb/Stuttgart. Dreieinhalb Jahre muss ein 35-jähriger Tunesier in Haft, urteilte das Der Mann hat eine 92-jährige Dame in Korb brutal niedergeschlagen und ihre Handtasche geraubt. Die Ärztin Heidi Gromann hält den Verurteilten für auffällig, aber nicht krank.

Der Mann hat sich nach Überzeugung des Gerichts des schweren Raubs und der vorsätzlichen Körperverletzung schuldig gemacht. An einem Sonntag im März 2017 schlug er in Korb einer Seniorin so heftig mit der Faust mitten ins Gesicht, dass die Frau zu Boden ging und liegen blieb. Die damals 92-Jährige zog sich eine Platzwunde am Hinterkopf zu; ihr Gesicht schwoll an. Die Attacke hätte noch weitaus schlimmere Folgen nach sich ziehen können.

Frau verkraftet Überfall vergleichsweise gut

Die alte Dame bewies beeindruckende Stärke, erschien sogar selbst vor Gericht und erzählte, sie erledige ihre Angelegenheiten im Ort genauso wie zuvor. Gleichwohl hat die Frau ihre Unbefangenheit verloren. Wie vergleichsweise gut sie den Überfall verkraftet hat, grenze „fast schon an ein kleines Wunder“, sagte der Vorsitzende Richter Ulrich Tormählen in seiner Urteilsbegründung. Er verwies auf das „brutale, rücksichtslose Vorgehen“ des 35-Jährigen, bei dem die Polizei zudem zwei Taschenmesser gefunden hatte. Diese hatte der Mann vermutlich aus der Handtasche der Seniorin genommen – doch das spielt keine Rolle. Er führte gefährliche Werkzeuge mit, wodurch sich die Mindeststrafe laut Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes deutlich erhöht.

Angeklagter hat sich nicht entschuldigt

Der Staatsanwalt forderte gar fünfeinhalb Jahre Haft für diese Attacke gegen ein „wehrloses Opfer“. Nicht mal zu einer Entschuldigung habe sich der Angeklagte durchringen können, als die Seniorin ihm direkt gegenüber im Zeugenstand saß.

Der Anwalt des 35-Jährigen versuchte nicht, irgendetwas zu beschönigen. Ihm selbst habe „für einen Moment der Atem gestockt“, als er den Haftbefehl gelesen habe. Ohne Frage sei eine Freiheitsstrafe zu verhängen – eine bestimmte Höhe empfahl der Anwalt nicht.

Fachärztin Gromann: 35-Jähriger nicht krank

Vor den Plädoyers hatte die Fachärztin Heidi Gromann ihr Gutachten abgegeben. Ihr Fazit: Der 35-Jährige ist nicht psychisch krank, auch nicht suchtkrank. Der Mann hat sich im Gefängnis mit einer Rasierklinge eine Verletzung am Penis zugefügt – ein ohne Frage überaus auffälliges Verhalten, wie die Gutachterin sagte. Offenbar hatte die Selbstverletzung damit zu tun, dass der Mann auf diese Weise Druck ausüben wollte, um an Tabak zu kommen. In einem anderen Fall drohte der 35-Jährige damit, ein Feuer zu legen, wenn man ihn gegen seinen Willen in eine andere Zelle verlege. Der Häftling zündete tatsächlich eine Matratze an – das Verfahren wegen Brandstiftung wurde eingestellt. Im Gefängniskrankenhaus wurde der 35-Jährige mit Medikamenten behandelt und zeitweise im Bett fixiert. Zuvor hatte er offenbar mit einem Stuhl gegen die Wand geschlagen.

Selbstverletzung zugefügt

Eine „ganz niedrige Schwelle“, sich selbst und andere zu verletzen, stellte Heidi Gromann beim Verurteilten fest. Gleichzeitig bescheinigte sie ihren Kollegen im Justizvollzugskrankenhaus, gleich mehrmals eine falsche Diagnose gestellt zu haben. Offenbar hatte der Mann behauptet, er habe Stimmen gehört und Schatten gesehen. Schon hatte er die Diagnose „paranoide Schizophrenie“ in der Akte stehen. Das stimmt aus Sicht von Heidi Gromann ebenso wenig wie eine andere Diagnose, die man aus einer ganz alten Schublade geholt habe: Konversionsstörung. Später wurden diese Diagnosen wieder zurückgenommen.

Heidi Gromanns Einschätzung nach fünfeinhalb Stunden Auseinandersetzung mit dem 35-Jährigen: Er hat manipulative Züge. Er besitzt keine intensive Neigung zu Suchtmittelkonsum. Er wirkte „nicht authentisch“ auf die Ärztin. Er ist nicht krank. Aber schwer verhaltensauffällig.

Er war schon ausgewiesen

So wirkt der Mann hier in Deutschland – doch „es gibt Orte auf der Welt, wo er nicht auffällig wäre“. Im Gefängniskrankenhaus habe das Personal beispielsweise von einem theatralisch-bizarren Verhalten berichtet. Heidi Gromann verwies auf den völlig anderen kulturellen Hintergrund des Mannes. Was in Deutschland als ganz und gar abwegiges Verhalten gelte, könne in einem anderen Kulturkreis ganz normal wirken. Die Fachärztin gab zu bedenken: Sie selbst würde wohl in diversen anderen Ländern als total verrückt gelten. Der „Strauß“ an Diagnosen, den Psychiater hierzulande nutzen, lasse sich nicht so einfach auf Kulturen übertragen, „die anders ticken“.

Der 35-Jährige stammt offenbar aus Tunesien. Sein Asylantrag wurde abgelehnt; trotz Abschiebungsandrohung und Ausweisung blieb er in Deutschland. Er ist aktuell „vollziehbar ausreisepflichtig“.