Waiblingen

Nach Beinahe-Busunfall: Hilfsangebote für Schüler

Bus
Es ist zum Glück kein Unfall passiert: Ein Busfahrer war am Steuer aus medizinischen Gründen nicht mehr fahrfähig. © pixabay.com (CC0 Creative Common

Backnang/Waiblingen. Busfahrer müssen alle fünf Jahre zum Gesundheitscheck. Je älter sie sind, desto mehr Untersuchungen stehen an. Trotzdem. Ein Busfahrer ist ein Mensch. Niemand kann ein medizinisches Problem während der Fahrt ausschließen. Vergangene Woche hätte solch ein Problem fast zu einer Katastrophe geführt.

Der Fall nochmals in Kürze: Am frühen Freitagmorgen vergangener Woche startete ein Doppeldecker mit 73 Menschen an Bord bei der Gewerblichen Schule Backnang zu einer Skiausfahrt. Doch ganz offensichtlich war der Busfahrer nicht fahrtauglich. Wie in Trance saß er am Steuer, reagierte nicht auf Ansprache, fuhr einfach auf der B 14 immer weiter, Kilometer um Kilometer. Auf Höhe der Ausfahrt Waiblingen-Mitte schafften es Lehrer im Bus, den Fahrer zum Abbremsen zu bringen. Der Bus kam auf dem Verzögerungsstreifen zum Stehen.

Was für ein Albtraum. Der Gedanke daran, wie diese Blindfahrt hätte enden können, lässt schaudern.

Laut Polizeisprecher Rudolf Biehlmaier hat eindeutig ein medizinisches Problem den Fahrer außer Gefecht gesetzt. Weder Alkohol noch Drogen waren im Spiel, das sieht die Polizei als gesichert an.

Busfahrer müssen alle fünf Jahre zur Untersuchung

Der Busfahrer ist dem Vernehmen nach über 50 Jahre und damit in einem Alter, ab welchem sich diese Berufsgruppe umfangreichen Untersuchungen unterziehen muss. Alle fünf Jahre steht ein Check an, erläutert Klaus Zimmermann, Pressesprecher des Verbandes baden-württembergischer Omnibusunternehmer. Busfahrer verlieren ihre Erlaubnis zur Personenbeförderung, sofern sie nicht alle fünf Jahre Tests bestehen. Ab einem Alter von 50 Jahren kommt zur allgemeinen ärztlichen Untersuchung, etwa der Prüfung des Sehvermögens, noch ein Check der Leistungsfähigkeit hinzu: Die Busfahrer müssen in Tests nachweisen, dass ihre Belastbarkeit, Orientierung, Aufmerksamkeit, Reaktion und Konzentration in Ordnung sind.

Immer geht es bei den Untersuchungen auch darum, Krankheiten auszuschließen, die eine Arbeit als Busfahrer unmöglich machen würden.

"Riesen-Fahrermangel": Busunternehmen fragen bei älteren Fahrern an

Passieren kann trotzdem etwas, „eine Garantie gibt es nicht“, sagt Klaus Zimmermann: „Eine spontane Erkrankung kann man nicht vorhersehen.“ Vor einem Schlaganfall oder Herzinfarkt ist niemand gefeit.

Zukünftig werden eher mehr ältere Busfahrer auf den Straßen unterwegs sein, so Klaus Zimmermann. „Es gibt einen Riesen-Fahrermangel“, der sich in den nächsten Jahren noch verstärken werde. Deshalb fragen Busunternehmen bei Bedarf auch Fahrer an, die bereits das Rentenalter erreicht haben. Was nichts heißen muss. Diese Fahrer verfügen über viel Erfahrung.

Psychologische Betreuung für Schüler

Eine Erfahrung, wie sie die 73 Insassen im Fast-Unglücksbus vergangenen Freitag gemacht haben, wirkt nach. Die Gewerbliche Schule Backnang hat am Montag alle Betroffenen zu einer Veranstaltung eingeladen. Schüler und Lehrer sollten über das Erlebte sprechen können, und Schulleiterin Dr. Isolde Fleuchaus bot den Schülern an, psychologische Betreuung in Anspruch zu nehmen. Darum kümmert sich das Regierungspräsidium Stuttgart. Spontan hatte sich am Montag kein Schüler dafür angemeldet, berichtet die Schulleiterin. Ihrem ersten Eindruck nach nickten alle zur Frage, ob sie wieder in einen Bus einsteigen würden.

Erlebnis kann Spätfolgen nach sich ziehen

Trotzdem. Der Schulleiterin ist sehr bewusst, dass solch ein Erlebnis Spätfolgen nach sich ziehen kann, selbst wenn ein Schüler auf den ersten Blick die Sache problemlos wegsteckt. Die Lehrer werden nun einen genauen Blick darauf richten, ob jemand den Anschein erweckt, von Spätfolgen betroffen zu sein, so Isolde Fleuchaus. Während der Veranstaltung am Montag hat sie die Schüler als „sehr ruhig“ und „sehr nachdenklich“ erlebt.

Katja Lumpp vom Regierungspräsidium Stuttgart betont, dass die Schüler das Kriseninterventionsteam jederzeit auch in Zukunft in Anspruch nehmen können. Beim Gespräch am Montag waren rund 50 Jugendliche und drei Lehrer dabei. „Dort wurde intensiv über den Vorfall gesprochen, unter anderem auch darüber, wie Einzelne den Vorfall erlebt haben“, berichtet Katja Lumpp.

„Schwere Busunfälle sind relativ selten“

Den Dank der Schulleiterin nahmen sowohl Schüler als auch Lehrer entgegen, sowohl fürs „sehr gute Verhalten“ wie fürs „hervorragende Krisenmanagement“.

Rein statistisch betrachtet dürfen Busse als relativ sicheres Verkehrsmittel gelten (siehe Infobox). Doch wenn etwas passiert – dann sind viele Menschen betroffen, und oftmals sind es Kinder. Der jüngste schwere Unfall in Baden-Württemberg liegt erst zweieinhalb Wochen zurück. Seinerzeit ist in Eberbach bei Heidelberg ein Bus frontal gegen eine Hauswand geprallt. Acht Menschen erlitten schwere Verletzungen. „Schwere Busunfälle sind relativ selten“, resümiert dennoch die Unfallforschung der Versicherer. Am Freitag vergangener Woche wäre beinahe solch ein Unfall geschehen. Beinahe.

Isolde Fleuchaus: „Wir haben einfach wahnsinniges Glück gehabt.“


 

Die Fakten

Das Statistische Bundesamt hat diese Daten zu Busunfällen veröffentlicht:

Im Jahr 2016 waren bundesweit Busse an 5732 Unfällen mit Personenschaden beteiligt, das waren 0,5 Prozent weniger als im Vorjahr. Bei diesen Unfällen verunglückten 5532 Insassen von Bussen, 9,4 Prozent weniger als im Jahr davor.

Rückläufig ist die Zahl der Leichtverletzten, und zwar um 9,4 Prozent auf 5141 Personen, die Schwerverletzten um 9,8 Prozent auf 387 Personen.

Die Zahl der Todesopfer in Bussen hat sich von fünf auf vier im Jahr 2016 verringert.