Waiblingen

Nach Flucht vor Angriffskrieg: So gelingt Olesya und Mira der Neustart in Waiblingen

Olesya Kalvier
Mira (9), Mutter Olesya und Hanna Bauer (rechts hinten) probieren das von der 82-jährigen Anne Raucamp gespendete Klavier aus. © Gabriel Habermann

Hier klebt ein Zettel mit dem Begriff „das Fenster“, dort einer, auf welchem „die Tür“ zu lesen ist. „Mira und Olesya sprechen schon recht gut Deutsch“, sagt Hanna Bauer und hebt den Daumen in Richtung der beiden Ukrainerinnen mit einem aufmunternden Lächeln. „No, no“, antwortet Olesya und winkt entschieden ab. Doch die 26-jährige Hanna Bauer bleibt dabei: „Gestern hat sie einen Brief auf Deutsch vorgelesen, das war echt richtig gut!“ Immer wieder sei sie überrascht, was für Sätze oder Begriffe aus den beiden heraussprudeln.

Vor etwa sechs Wochen sind Olesya und ihre neunjährige Tochter Miroslava, die von allen Mira genannt wird, aus ihrer Heimat Kriwoy Rog in der Ukraine geflohen. In nur einer halben Stunde waren die wichtigsten Dokumente und ein paar Dinge zusammengepackt. Drei Tage lang waren sie in einem völlig überfüllten Zug unterwegs, der immer wieder stoppte, als es eine Warnung vor einem russischen Angriff gab. 

Es ist nun mein zweiter Besuch bei den beiden Frauen und dem Mädchen. Ich möchte wissen, wie es ihnen geht und ergangen ist und wie schwierig es ist, in einem fremden Land, in welchem man eher zufällig gelandet ist, Fuß zu fassen. Wieder unterhalten wir uns mit Hilfe eines automatischen Übersetzungsprogramms.

82-jährige Endersbacherin spendet Klavier  

„Gut!“, sagt die 34-jährige Olesya und dann sagt sie ein Wort, das ich nicht verstehe, aber so viel wie „Warte“ bedeutet. Sie spricht einen Text auf Russisch in ihr Smartphone ein, wenige Sekunden später spricht eine monoton klingende Stimme: „Ich fühle mich sehr gut und sehr sicher hier. Mira hat viele Freunde gefunden.“

Im Wohnzimmer von Hanna Bauer steht nun ein Klavier. Auf den Artikel „Mit dem Zug im Schritttempo durchs Kriegsgebiet der Ukraine nach Waiblingen“ hat sich Anne Raucamp aus Endersbach in der Redaktion gemeldet. Nachdem der Ehemann der 82-Jährigen gestorben war, habe niemand mehr auf dem Instrument gespielt. „Ich möchte es in guten Händen wissen“, sagt sie im Gespräch mit der Redaktion. Kinder und Enkelkinder hätten kein Interesse am Klavier gehabt. Sie selber sei Vertriebene aus dem ehemaligen Sudetenland und damals nach der Flucht gut aufgenommen worden. Sie wünscht sich, dass es Olesya und Mira genauso ergehe.

Den Transport hat eine Spedition gemeistert. Hanna Bauer zeigt ein Foto, wie das Klavier durch das Treppenhaus ihres Mehrfamilienhauses jongliert wurde. Am neuen Standort muss es nun noch durch einen Fachmann gestimmt werden. Hohe Kosten, mit denen die 26-jährige Sozialpädagogin nicht gerechnet hatte. Doch der Wunsch, Mira und Olesya eine Perspektive zu geben, überwiege alles, meint sie. „Der Rest wird sich zeigen!“

Ehrenamtlicher Klavierunterricht für ukrainische Schüler

Olesya gibt inzwischen wieder Klavierunterricht – wenn auch ehrenamtlich, erzählt sie stolz. Sie unterrichtet ihre ehemaligen Schüler via Internet. Geld von ihrer ukrainischen Musikschule erhalte sie nicht mehr, meint sie. „Außerdem habe ich ein Fitnessstudio gefunden, das für ukrainische Frauen wenig Geld kostet.“ Es sei in Stuttgart, erklärt sie. Dinge, die für sie einen Ausgleich darstellen und eine Perspektive in der neuen Heimat bieten.

Eine Heimat, in der sie eher zufällig gelandet seien. Eigentlich war ihr erstes Ziel, in die Westukraine zu fliehen. Dort hätten sich, Olesyas Angabe zufolge, die Wohnungspreise verzehnfacht. So habe sie kurzfristig den Entschluss gefasst, weiter nach Deutschland zu reisen. Über eine Bekannte landete sie schließlich bei Hanna Bauer, die ein Zimmer ihrer Wohnung Flüchtlingen über ein Internetportal anbot.

Gleich zu Beginn unseres Gesprächs merke ich, dass Olesya und Mira gelöster wirken als beim ersten Treffen. Alles, was sie erlebt haben, alle Sorgen und Ängste bezüglich des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine scheinen in weiter Ferne und doch irgendwie präsent zu sein. Im nächsten Moment zieht sich Mira in ihr Zimmer zurück, in welchem sie mit ihrer Mutter lebt, quasi in einer WG auf Zeit zusammen mit der 26-jährigen Hanna Bauer.

Eben hatte Mira dort noch online Tanzunterricht, den ihre ukrainische Lehrerin den Schützlingen übers Internet ermöglicht. Sie selber lebe inzwischen in Polen, erzählt mir Hanna Bauer. Außerdem tanzt Mira Hip-Hop an einer Waiblinger Tanzschule. Eine Freundin der Familie hat die Patenschaft übernommen und begleitet sie zu den Tanzstunden. Sie mache sich sehr gut, berichtet Hanna Bauer. Das sei genau ihr Ding, sie verfüge über ein gutes Taktgefühl und ginge voll und ganz darin auf.

Mira besucht Unterricht der Staufer-Gemeinschaftsschule

Nur wenige Tage nach unserem ersten Gespräch hatte Mira ihren ersten Schultag an der Staufer-Gemeinschaftsschule. Sie geht in die dritte Klasse. Die Aufnahme sei sehr unkompliziert verlaufen, so Bauer. Sie habe dort angerufen, am nächsten Tag waren sie vor Ort, um Mira anzumelden, und einen Werktag später konnte Mira direkt starten. Dass sie bis dato kein Wort Deutsch konnte, schien zunächst keine Barriere für sie zu sein. Ein oder zwei Wochen später wurde an der Schule eine Vorbereitungsklasse etabliert. Damit Mira den Kontakt zu ihren neuen Freunden nicht verliert, hat sie einen eigenen Stundenplan erhalten, um beides wahrzunehmen.

Für Mama Olesya sei die erste Zeit sehr hart gewesen, da sie es nicht gewohnt war, von Mira getrennt zu sein. Sie sorgte sich um das Wohl ihrer Tochter.

Vor den Osterferien gab es einen Online-Elternabend, an welchem Olesya und Hanna Bauer teilnahmen. „Two moms (zwei Mütter)“, sagt Olesya und lacht. Dabei erfuhren sie, dass Mia gut angekommen sei. Als sie ihre neuen Freunde aufzählt, scheint die Liste kein Ende zu nehmen. Einmal sei sie auch schon von der Lehrerin ermahnt worden, weil sie etwas frech gewesen sei, weiß Hanna Bauer und grinst.

In der Freizeit Schulunterricht aus der Ukraine via Internet

In ihrer Freizeit nimmt Mira weiterhin am ukrainischen Schulunterricht teil, den ihre Lehrerin übers Internet ermöglicht. Sie sei in der Stadt Kriwoy Rog, die im Süden der Ukraine liegt – etwa 300 Kilometer Luftlinie von der zerstörten Hafenstadt Mariupol entfernt – geblieben. Unterricht finde nur statt, wenn gerade keine Sirenen vor einem Angriff warnen. Von 35 Kindern hätten am Vormittag unseres Gesprächs nur drei Schüler teilgenommen. Eigentlich hätte Mira wie alle anderen Schulkinder in Baden-Württemberg Osterferien. Mutter Olesya möchte aber, dass sie dennoch am Unterricht teilnimmt, damit sie ihren Wissensstand beibehält und keine Lücken entstehen. Feiertage seien in der Ukraine während des Kriegs ausgesetzt worden, meint Olesya.

Olesya hat nun einige Behördengänge hinter sich. Sie ist dabei, ihr ukrainisches Diplom anerkennen zu lassen. Doch das muss zunächst übersetzt und dann an entsprechender Stelle eingereicht werden. Wo, das wisse sie noch nicht, gibt mir Olesya zu verstehen und wirkt etwas ratlos. „Es ist einfach so viel“, stöhnt Hanna Bauer. Bei einigen dieser Gänge wurde Olesya von Hanna Bauers Mutter begleitet. Alleine würde sie als Begleiterin die Vielzahl der Termine nicht schaffen. Olesya habe nun auch eine Steuernummer vom Finanzamt erhalten mit dem Gedanken, selbstständig als Musiklehrerin zu arbeiten, wenn sie keine Anstellung an einer Musikschule bekommt. Doch zunächst will sie die Sprache lernen, wofür sie zweimal pro Woche einen Kurs an der Volkshochschule besucht.

Nach und nach sollen die beiden auf eigenen Beinen stehen, wobei die 26-Jährige sie begleitet. „Mein Kopf ist voller Informationen“, stöhnt sie. Dazu zählt etwa auch, dass die drei jungen Frauen sämtliche Hilfen beantragen. Vom Ausländeramt des Kreises hat Hanna Bauer eine Wohnungsgeber-Pauschale erhalten. „Das hilft etwas!“, so die Sozialpädagogin.

In der Wohnung in Kriwoy Rog in der Ukraine leben Flüchtlinge aus Mariupol

Olesya und Tochter Mira sehen ihre Zukunft in Waiblingen. „Ich möchte unbedingt die Sprache lernen und eine Arbeit in meinem Fachgebiet als Musiklehrerin finden“, sagt Olesya. Und das, obwohl ihre Eltern noch in der Ukraine in Kriwoy Rog leben. Ihnen gehe es gut und sie verteidigen die Stadt, meint Olesya. Kürzlich habe es einen Raketenangriff gegeben. Die Raketen seien aber 15 oder 20 Kilometer entfernt vom Wohnort eingeschlagen. Versuche, die beiden ebenfalls zur Flucht zu bewegen, seien bislang gescheitert. Ihre Mutter (75) und ihr Vater (68) wollen ihr Zuhause nicht verlassen, da es viele Plünderer gebe. „Wie viele im Alter wollen sie sich nicht mehr verändern!“, sagt Olesya über den automatischen Übersetzer auf dem Mobiltelefon. Das Haus und die Wohnung, in welcher sie mit Mira gelebt hatte, würden noch stehen, sagt sie. Inzwischen hätten ihre Eltern dort Flüchtlinge aus Mariupol untergebracht.

Die Ukraine biete keine Perspektive mehr. „Nach Prognosen der Politik zu urteilen, wird die Situation noch lange anhalten. Ich will mein Leben und das meines Kindes nicht gefährden!“, spricht es aus dem Mobiltelefon. „Alle Universitäten sind zerstört! Die wirtschaftliche Situation in dem Land wird auch noch in den kommenden Jahren schwierig sein.“

In Waiblingen sind die beiden angekommen. Hier wollen sie bleiben – zumal Mira inzwischen gut etabliert ist. Sie genießen die Nähe zu Stuttgart. Vor kurzem besuchten sie ein Benefiz-Klassik-Konzert in der Liederhalle. Immer noch von den Eindrücken erfüllt, berichtet Olesya von dem Besuch.

Am Ende des Gesprächs verabschiede ich mich, wieder völlig überwältigt von dem Mut und dem Engagement der drei jungen Frauen.

Hier klebt ein Zettel mit dem Begriff „das Fenster“, dort einer, auf welchem „die Tür“ zu lesen ist. „Mira und Olesya sprechen schon recht gut Deutsch“, sagt Hanna Bauer und hebt den Daumen in Richtung der beiden Ukrainerinnen mit einem aufmunternden Lächeln. „No, no“, antwortet Olesya und winkt entschieden ab. Doch die 26-jährige Hanna Bauer bleibt dabei: „Gestern hat sie einen Brief auf Deutsch vorgelesen, das war echt richtig gut!“ Immer wieder sei sie überrascht, was für Sätze oder

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