Waiblingen

Nach Schubser halbseitig gelähmt

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An diesen Treppen ist ein Mann nach einem Schubser böse gestürzt. © Bernhardt / ZVW (Archiv)

Waiblingen. Ein Streit, ein Stoß vor die Brust, ein Aufprall: Wie ein gefällter Baum sei ein betrunkener 57-Jähriger im Sommer 2015 von der Freitreppe am Alten Postplatz auf den Boden gekippt, berichten Zeugen. Er zog sich eine Kopfverletzung zu. Die Folge ist eine halbseitige Lähmung. Der Mann, der ihn geschubst hatte, wurde für schwere Körperverletzung angeklagt – und vom Amtsgericht Waiblingen freigesprochen.

„Ich wollte ihm nichts Böses“: Wieder und wieder hat der 38-jährige Stefan B. glaubhaft in seiner Hauptverhandlung am Amtsgericht Waiblingen beteuert, wie leid ihm der Sturz des 57-jährigen Albert G. tut (Namen von der Redaktion geändert). Im Streit hatte er ihn auf einer Treppe geschubst. Der Mann fiel und erlitt eine schwere Kopfverletzung. Nun ist er halbseitig gelähmt.

Stefan B. war deshalb der schweren Körperverletzung angeklagt worden. Am Montag wurde er freigesprochen, weil die Schuldfrage nicht eindeutig geklärt werden konnte: „Im Zweifel für den Angeklagten“, begründete Richter Steffen Kärcher das Urteil. Stefan B.s Erleichterung war spürbar. Doch die lebenslangen Folgen für Albert G. bleiben.

Streit um Nichtigkeiten

Im Juni 2015 waren die beiden Männer auf der Freitreppe am Alten Postplatz aufeinandergetroffen. Albert G. hatte einen Alkoholspiegel von mehr als zwei Promille. Auch Stefan B. war mit etwa 0,6 Promille nicht ganz nüchtern. Wie schon bei früheren Gelegenheiten kam es zur Auseinandersetzung: Albert G. war der Meinung, Stefan B. schaue ihn schräg und böse an. Stefan B. wiederum fühlte sich provoziert. Es wurde laut – selbst ein Zeuge mit Hörproblemen konnte den Streit aus etwa zwanzig Metern Entfernung hören, berichtet ein Polizist.

Als Albert G. eine Bewegung in Richtung von Stefan B.s Gesicht machte – ob es ein Anfassen war oder ein Schlag, konnte nicht zweifelsfrei festgestellt werden –, schubste der ihn zweimal von sich. Erst fiel Albert G. gegen ein Fahrrad. Als er sich wieder aufrichtete, gab Stefan B. ihm einen zweiten Stoß vor die Brust – wie beim ersten Mal nicht mit voller Kraft, so die Zeugen. „Ich wollte nur, dass er weggeht“, erklärte der 38-Jährige vor Gericht.

Doch diesmal setzte bei Albert G. kein Abfangreflex ein. „Wie ein gefällter Baum“ sei er nach hinten gefallen und mit dem Hinterkopf auf der Straße aufgeschlagen, gaben Zeugen zu Protokoll. Schuld daran war der Alkoholpegel: „Das ist ganz typisch“, sagte Rechtsmediziner Frank Wehner vom Tübinger Uniklinikum aus.

Lebensgefährliche Kopfverletzung

Albert G. stürzte vermutlich von der untersten Stufe der Treppe aus, möglicherweise stand er schon auf der Straße. Für die Folgen macht die Fallhöhe kaum einen Unterschied, sagte Wehner: Albert G. erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma. Sein Schädel war teils gebrochen, im Bereich der rechten Schläfe kam es zu Kontusionsblutungen. Er war kurzzeitig bewusstlos. Zeugen riefen Polizei und Krankenwagen. Als Albert G. wieder aufwachte, konnten ihn die Hilfskräfte nicht davon überzeugen, ins Krankenhaus zu gehen. „Er wollte partout nicht“, berichtet ein Polizist.

Keine halbe Stunde später kippte Albert G. wieder um und wurde eingeliefert. Er schwebte in Lebensgefahr, lag drei Wochen im Koma. Als er aufwachte, hatte er Lähmungserscheinungen in der rechten Körperhälfte und brauchte Reha-Maßnahmen. Bei der Verhandlung war er auf Stützschienen und Rollator angewiesen. Deutlich ist die Einschätzung Wehners: „Es kann sich sicherlich noch leicht bessern, aber erfahrungsgemäß: Nach eineinhalb Jahren mit dieser Restsymptomatik ... Das heilt nicht vollständig aus.“

War Stefan B. schuld an dem Sturz?

Doch so schlimm die Folgen für Albert G. sind – war Stefan B. schuld an dem Sturz? Staatsanwalt und Nebenkläger vertraten die Ansicht: Ja. Stefan B. hätte spätestens ab dem ersten Stoß wissen müssen, dass Albert G. nicht stabil steht und unglücklich fallen könnte. Sie forderten Strafen von 16 Monaten auf Bewährung bis zu 25 Monaten.

Sein Verteidiger widersprach. Stefan B. wurde provoziert und hätte nicht damit rechnen können, dass ein „leichter Schubser“ solche Folgen zeitigt. Er plädierte auf Freispruch.