Waiblingen

Nach Tod eines Babys: Bewährungsstrafe

Justitia am Marktplatz Waiblingen gericht urteil verhandlung symbol symbolbild symbolfoto
Symbolfoto. © Joachim Mogck

Stuttgart/Waiblingen.
Zu einem Jahr und neun Monaten Jugendstrafe auf Bewährung hat das Landgericht eine 21-Jährige aus dem Rems-Murr-Kreis verurteilt, deren Baby nach der Geburt gestorben ist. Die damals 18-Jährige hatte das Kind ganz allein in einem Keller geboren. Aus Sicht des Gerichts liegt fahrlässige Tötung vor. Die junge Frau habe "schwere Schuld" auf sich geladen, sagte die Vorsitzende Richterin in der Urteilsbegründung. Hätte sie frühzeitig Hilfe geholt, wäre ihr Sohn noch am Leben. Eine werdende Mutter ist verpflichtet, spätestens ab Eintreten der Eröffnungswehen für einen möglichst sicheren Geburtsverlauf zu sorgen. Dies hat die Frau unterlassen. Die zweite Große Jugendkammer wertete das Verhalten der jungen Frau als "bewusste Fahrlässigkeit". Die Richterin bescheinigte ihr "emotionale Unreife". Sie neige dazu, den Kopf in den Sand zu stecken, die Dinge zu verdrängen. Künftig muss die Frau ihrem Bewährungshelfer nachweisen, dass sie sich regelmäßiger psychotherapeutischer Behandlung unterzieht. "Die ganze Sache ist unbewältigt", mahnte die Richterin: "Wenn sie es nicht aufarbeitet, wird es massive Auswirkungen auf ihr Leben haben." 

Zum Vater ist wenig bis nichts bekannt; es handelte sich wohl um eine Zufallsbekanntschaft. „Ich weiß nur, dass sie keinen Namen hat und nix“, hatte eine frühere Freundin der jungen Frau dazu vor Gericht ausgesagt. Der Betreffende weiß bis heute nichts von den Folgen seines Zusammenseins mit der 21-Jährigen.

Spätestens im Juni 2014 wusste die Frau, dass sie schwanger war. Ein erster Schwangerschaftstest fiel negativ aus. Bei einem zweiten Test Wochen später erhielt die werdende Mutter das eindeutige Ergebnis: Schwanger. Sie zog niemanden ins Vertrauen, auch nicht ihre Mutter, bei der sie damals noch wohnte. Die Mutter ahnte freilich trotzdem, was los war, und bohrte wohl mehrmals nach. Doch ihre Tochter stritt beharrlich ab, schwanger zu sein. Sie igelte sich ein, ging kaum noch aus. Erhebliche finanzielle Sorgen belasteten sie, und sie fürchtete, ihre Ausbildung, die im September 2014 begann, aufs Spiel zu setzen. Also schwieg sie beharrlich und hoffte wohl, so hieß es in der Urteilsbegründung, dass ihr schon keiner mehr böse sein würde, wenn das Kind erstmal geboren sei. Derweil "wurde alles dem Verheimlichen untergeordnet."

Im Oktober 2014 besuchte die junge, zerbrechlich und nervös wirkende Frau eine Gartenparty. Sie verließ das Fest gegen ein Uhr in der Nacht und ging zunächst zusammen mit einer Freundin zu Fuß zum Schorndorfer Bahnhof. Dort trennten sich die Wege. Die Freundin bot der Schwangeren – von deren Zustand sie nichts wusste – mehrfach an, sie könne bei ihr übernachten. Die 21-Jährige lehnte ab und machte sich auf, um zu Fuß den mehrere Kilometer langen Weg bis zu ihrem Wohnort zurückzulegen.

Unterwegs platzte die Fruchtblase. Die Frau ging trotzdem weiter, holte keine Hilfe. Später gab sie bei der Polizei an, ihr Handyakku sei leer gewesen. Das stimmt so nicht, zumindest ein Rest an Akkuladung war noch vorhanden, wie die Richterin ausführte. Zudem hätte sie irgendwo klingeln oder ein Auto anhalten können. Stattdessen irrte die Frau eine Weile umher, weil sie den richtigen Weg nicht fand. Schließlich kam sie nach Stunden zuhause an. Sie hätte in die Wohnung zu ihrer Mutter gehen können. Stattdessen verkroch sie sich im Keller. Der Aussage der Frau, sie habe sich mit letzter Kraft in den Keller gerettet, schenkte die Richterin keinen Glauben: "Das halten wir für nachträgliche Beschönigung."

Viele Stunden später brachte die Frau ganz allein einen Jungen zur Welt. Die Richterin verwies in ihrer Urteilsbegründung auf Aussagen einer Rechtsmedizinerin, wonach das Baby geatmet und mindestens fünf, maximal 30 Minuten gelebt hat.Der Junge ist dann erstickt - vielleicht weil das Tuch, in das er eingewickelt war, über seinem Gesicht lag. Laut der Richterin gibt es keinen Anhaltspunkt dafür, dass die Mutter aktiv eingewirkt habe. Von hohem Blutverlust und der langen Anstrengung war sie so geschwächt, dass sie über Stunden hinweg in einem Dämmerzustand verharrte.

Erst, nachdem alles längst vorbei war, ging die Frau nach oben. Ihre Mutter hatte sie schon den ganzen Tag verzweifelt gesucht. Nun war die Tragödie nicht mehr zu verheimlichen. Zusammen mit ihrer Mutter fuhr die junge Frau nach Stuttgart und legte den toten Säugling in der Babyklappe ab.

Die Öffentlichkeit war in weiten Teilen vom Prozessgeschehen ausgeschlossen. Rechtsanwalt Jens Rabe, der Verteidiger der Angeklagten, hatte vorgebracht, eine öffentliche Erörterung des Falles verletze die schutzwürdigen Interessen der Frau. Das Gericht gab dem Antrag statt. Als die Angeklagte ihre Sicht der Dinge schilderte, waren deshalb keine Journalisten und keine anderen Zuhörer im Saal zugelassen. Als der Verteidiger und die Staatsanwältin ihre Plädoyers hielten, blieben die Türen ebenfalls verschlossen.

Die junge Frau hat nach dem Tod ihres Kindes noch einige Monate ihre Ausbildung fortgesetzt. Bis sie nicht mehr konnte; im Juni 2015 brach sie die Lehre ab. Kürzlich hat sie nun einen erstenTermin bei einer Psychotherapeutin wahrgenommen. Jens Rabe: „Das Geschehen belastet sie immens.“