Waiblingen

Nacht der Ausbildung: Das Buhlen um den Nachwuchs

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Ein Streifenpolizist der Waiblinger Polizei erklärte Schülern die Einrichtung eines Einsatzwagens. © Alexandra Palmizi

Waiblingen. Fachkräftemangel? Den gibt es wohl wirklich – ein Indiz ist die „Waiblinger Nacht der Ausbildung“: Örtliche Unternehmen, Banken, Behörden wollen junge Leute „für ihren Betrieb begeistern“, wie es in der Veranstaltungsbroschüre heißt.

Man muss ja nicht immer alles gleich glauben, was Unternehmerverbände erzählen. Es gibt durchaus Gründe, dem Phänomen des Fachkräftemangels – von Kritikern auch „angeblicher Fachkräftemangel“ genannt – zu misstrauen. Denn wer den Teufel eines drohenden Personalengpasses an die Wand malt, befeuert den Ansturm auf bestimmte Berufe – was dazu führen kann, dass es mehr Bewerber als Stellen gibt; und dann lassen sich längere Arbeitszeiten und niedrigere Löhne leichter durchsetzen.

Aber: Dass die deutsche Gesellschaft vergreist, ist eindeutig. Bis ins Jahr 2040 werde bei uns die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter um zehn Prozent sinken, besagen Studien – aber nur, wenn jährlich 200 000 Leute aus dem Ausland zuwandern; sonst sähe es noch düsterer aus.

Allerdings gibt es auch Untersuchungen, die das Gegenteil nahelegen: Die Digitalisierung werde zu einer Steigerung der Arbeitsproduktivität führen, was bedeutet, dass künftig weniger Menschen gebraucht werden. Berühmt wurde eine (ob ihrer kühnen Pi-mal-Daumen-Methodik aber umstrittene) Schätzung der Universität Oxford, wonach bis 2030 rund 47 Prozent aller Arbeitsplätze in den USA der Automatisierung zum Opfer fallen könnten. „Die Zeit“ berichtete knackig: „Adieu, Jobs. Willkommen, Maschine.“

Also was denn nun? Dämmern dank des Fachkräftemangels goldene Zeiten für junge Leute herauf, die an der Schwelle zum Berufseinstieg stehen? Oder werden wir wegen der Digitalisierung bald alle arbeitslos? Wieder einmal bewahrheitet sich der alte Satz: „Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen.“

Die großen Player fischen den Markt leer

Lassen wir also die Kaffeesatzleserei, betrachten wir das Hier und Jetzt – und da stellen wir fest: Auch in Waiblingen gibt es nun eine „Nacht der Ausbildung“ und damit ein Veranstaltungsformat, das andernorts, von Heilbronn über Böblingen bis Göppingen, bereits etabliert ist. Die Organisation habe „relativ einfach funktioniert“, viele der angeschriebenen Unternehmen und Behörden haben „gleich zugesagt. Die zahlen sogar Geld dafür“, dabei sein zu dürfen, berichtet IHK-Mitarbeiter Oliver Kettner, ehrenamtlicher Geschäftsführer der veranstaltenden Wirtschaftsjunioren Rems-Murr. Die Autohäuser Lorinser und Hahn; die Baustoffmärkte Konz und Obi; die Geldhäuser Kreissparkasse und Volksbank; Stadtverwaltung, Stadtwerke und Finanzamt Waiblingen; das Polizeipräsidium Aalen: Sie alle wollen, wie es in der Veranstaltungsbroschüre heißt, die Gelegenheit nutzen, „sich individuell in den eigenen Räumlichkeiten zu präsentieren“ und potenziellen Berufsnachwuchs „für ihren Betrieb zu begeistern“.

Egal, ob es den Fachkräftemangel so ganz pauschal gesehen nun geben mag oder auch nicht – im Raum Stuttgart ist er offensichtlich kein bloßes Hirngespinst. Hier residieren große Player von Daimler über Kärcher und Stihl bis Bosch; sie greifen viele gute Bewerber ab. Wer gegen diese Konkurrenz bestehen will, muss sich herausputzen, auf sich aufmerksam machen, für sich werben.

Alle wollen studieren

Das Problem verschärft sich, sagt Kettner, weil Jugendliche mit „einigermaßen guten Schulnoten“ oft Abitur machen und danach studieren wollen. 2008 waren gut 1,9 Millionen Studierende an deutschen Hochschulen immatrikuliert – 2017 sind es 2,8 Millionen. Aber „es bringt, salopp gesagt, nichts, wenn wir nur Akademiker haben“, sagt Kettner. Man müsse jungen Leuten deshalb eine „Alternative“ zum klassischen Marsch an die Uni bieten.

Und diese Alternative zum Studium lautet oft: Studium; aber „dual“. Sprich: betriebliche Ausbildung plus Hochschulbesuch, praktische Arbeit im Unternehmen und parallel dazu theoretische Vorlesungen. Werfen wir einen Blick auf die Teilnehmer der „Nacht der Ausbildung“: Die Angebotspalette für Azubis reicht nicht nur vom Finanzwirt über Kaufmann, Lackierer oder Mechatroniker bis zu Erzieher, Bauzeichner, Gärtner. Fast alle Institutionen bieten auch ein duales Studium an: „Bachelor of Laws“ im Finanzamt, BWL/Fachrichtung Industrielles Servicemanagement bei den Stadtwerken, BWL/Handel bei Konz, Obi oder Hahn, BWL/Bank bei Kreissparkasse oder Volksbank, Studium im gehobenen Dienst bei der Polizei und „Public Management“ im Rathaus Waiblingen.

Handwerk macht zufrieden

„Wenn wir backen könnten“, sagt Pia Simmendinger von der Kreishandwerkerschaft, „würden wir Bewerber backen“. Die Nachwuchsrekrutierung ist eine Herausforderung. Deshalb präsentieren sich bei der „Waiblinger Nacht der Ausbildung“ auch die Schreiner-, die Friseur- und Kosmetik-, die Sanitär- und Heizungs-Innung in den Räumen der Gewerblichen Schule.

Viele Jugendliche „haben das Handwerk „nicht so auf dem Schirm“, beobachtet Hans-Jürgen Bucher, Leiter der Gewerblichen Schule Waiblingen. Die großen Industriebetriebe „fangen sehr früh an mit der Ausbildungsgewinnung“ – derzeit sind die Vorstellungsgespräche für nächsten Sommer größtenteils schon gelaufen. Das Handwerk habe da traditionell „andere Zeithorizonte“. Die Aufgabe für die Innungen lautet deshalb: rechtzeitig die Werbetrommel rühren. „Sie bemühen sich gerade stark. Und finden dann auch wirklich welche. Auch gute Leute! Nur müssen sie eben was dafür tun.“ Es gehe darum, bei Jugendlichen „ein Bewusstsein für die Möglichkeiten im Handwerk zu schaffen – es bietet unwahrscheinlich viel!“ In einem kleinen Betrieb kann ein junger Mensch „ein Produkt vom ersten Kundenkontakt bis zur Fertigstellung begleiten“ – Beratungsgespräch, Baustellenbesichtigung, gemeinsames Brainstorming, wie das Wunschbad oder die Ideal-Schrankwand aussehen soll, Entwurf auf dem Papier oder am Computer, handwerkliche Umsetzung, Übergabe . . . Karl Marx schrieb einst von „entfremdeter Arbeit“, wenn der Beschäftigte sich nur noch als Rädchen im Getriebe empfindet. Handwerk ist das Gegenteil. Das, sagt Bucher, „ist eine große Chance für die Zufriedenheit“.