Waiblingen

Navis: Blind vertrauen? Lieber nicht

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Waiblingen. „Bitte wenden Sie jetzt“, sagt die Computerstimme – und das mitten auf der Autobahn. Es wurden schon Autos aus Teichen gezogen, von Treppen gehievt und aus dem Wald gerettet, weil ihre Fahrer dem Navi mehr vertrauten als ihren Augen. In Zukunft passiert so was nicht mehr so oft. Die Geräte und Programme werden immer besser.

Vermutlich hat ein 50-Jähriger, der Anfang Mai in Rosengarten (Kreis Schwäbisch Hall) Opfer seines Navis geworden ist, das Teil hernach hochkant entsorgt. Der Mann verließ sich auf dessen Umleitungsempfehlung, verfuhr sich daraufhin im Wald, rutschte mit seinem Wagen eine Böschung hinunter – und irrte sechs Kilometer durch den Wald, bis er wieder Handyempfang hatte. Er informierte einen Abschleppdienst und setzte einen Notruf ab. Die Polizei eilte herbei, suchte zusammen mit dem Mann dessen Auto - und fand den Abschleppwagen. Der steckte nun seinerseits im Wald fest. Viele Stunden später und viele Nerven ärmer fanden sich alle auf wegsamem Gelände wieder.

Dem Navi gehorcht und auf der B29 gewendet

Darüber kann noch schmunzeln, wer nicht selbst betroffen ist. Alles andere als lustig ist dieser Fall: Anfang März hat ein ortsunkundiger 52-Jähriger auf der B29 zwischen den Anschlussstellen Lorch-Ost und Schwäbisch Gmünd-West gewendet, weil sein Navi ihn dazu angewiesen hatte. Als der Mann den Fehler bemerkte, wendete er abermals, fuhr ab und richtig wieder auf. Die Polizei hielt den Mann in Plüderhausen an.

Immer wieder geraten LKW-Fahrer wegen des Navis in brenzlige Situationen. Ende April war ein 66-jähriger Lasterfahrer in Remshalden in eine für sein Fahrzeug zu enge Straße gefahren. Ein geparkter Audi war hernach nicht mehr fahrbereit.

Immer wieder bleiben Fahrer in Unterführungen stecken

In Unterkochen bewies Ende Dezember ein ukrainischer Fahrer eines polnischen Sattelzugs seinem Navi absolute Treue: Nachdem das Gerät ihn in eine viel zu enge Einmündung gelotst und er einen Gartenzaun sowie Verkehrszeichen überfahren hatte, wies die Polizei ihm den rechten Weg. Woraufhin der Mann seinen Weg samt Navi fortsetzte – und kurz drauf an derselben Stelle strandete.

In Unterführungen oder Tunneln bleiben Fahrer auch immer wieder deshalb stecken, weil sie glauben, das Navi schützt sie vor jeder Unbill. Das klappt zwar auch – aber nicht immer. Vor knapp zwei Jahren zerbröselte es einen Umzugslaster im Eichenweg in Winterbach, weil das Fahrzeug viel zu hoch war für die Bahnunterführung. Ob das Navi wirklich schuld war oder der Fahrer schlicht die Höhe des Lasters nicht richtig eingespeist hatte, bleibt offen.

Die wenigsten sind ohne elektronische Hilfe unterwegs

Dabei war das Navi doch angetreten, um dem Autofahrer Nerven und Zeit zu sparen. Das gelingt zugegebenermaßen immer besser, weil die Hersteller Geräte und Programme stetig weiterentwickeln. Eine ganze Reihe von Navi-Apps beurteilte die Stiftung Warentest im März mit „gut“, was deren ureigene Aufgabe, die Navigation, angeht. Neun Navigations-Apps für Smartphones sowie zwei Navigationsgeräte, die Autofahrer mittels Saugnäpfen an der Windschutzscheibe befestigen, hatten die Tester unter die Lupe genommen.

Vermutlich sind nur noch die wenigsten Autofahrer ganz ohne elektronischen Helfer unterwegs. Die Frage lautet nicht, Navi ja oder nein, sondern: Welche Art Navi darf’s sein?

Welche Art Navi darf’s denn sein?

In neueren Autos sind die Systeme eh fest eingebaut. Wer über diesen Luxus nicht verfügt, entscheidet sich entweder für eine Navigations-App auf dem Smartphone oder für ein gesondertes Navigationsgerät. Diese beiden Varianten hat die Stiftung Warentest im März dieses Jahres verglichen und die Frage aufgestellt: „Warum Hunderte Euro für ein Navi zahlen, wenn Handyprogramme gratis ans Ziel führen?“

Die Stiftung Warentest gibt keine eindeutige Antwort, listet jedoch deutlich mehr Pro-Argumente für die Apps auf im Vergleich zu den Navi-Geräten. Für ein gesondertes Navigationsgerät spricht, dass mehrere Personen sie benutzen können; „sein Smartphone hingegen gibt kaum jemand aus der Hand.“ Ein gestohlenes Navi-Gerät ist „nur“ mit finanziellem Schaden verbunden, während Handy-Klau mit dem Verlust wertvoller privater Daten einhergeht. Ferner nimmt die Stiftung Warentest den Verbrauch von Datenvolumen ins Visier: Auf den Navi-Geräten sind die Karten direkt gespeichert, während Apps auf Smartphones nur mit schnellen, stabilen Datenverbindungen zuverlässig arbeiten.

Gratis-Apps verbrauchen mehr Datenvolumen

Hier liegt auch der entscheidende Unterschied zwischen Apps, für die der Kunde zahlt, und Gratis-Apps. Für Kauf-Apps spricht laut Stiftung Warentest, dass diese Karten offline auf dem Smartphone speichern. Dadurch verbraucht der Nutzer weniger Datenvolumen.

Egal, für welches System ein Fahrer sich entscheidet: Aktualität nützt, und dennoch sollte ein Fahrer das Navi nicht als Hirnersatz begreifen. Der elektronische Helfer kann keine Fahrzeughöhen erraten und keine Unterführungshöhen schätzen.