Waiblingen

"Nein heißt Nein" - Gewaltschutzseminar für Frauen

Gewalttat
Laut einer Statistik des Bundesfamilienministeriums spielt bei häuslicher Gewalt in rund 40 Prozent der Fälle Alkohol eine Rolle. © Habermann / ZVW

Waiblingen. Nachts im Parkhaus oder in der S-Bahn kann was passieren, das stimmt schon. Doch in den meisten Fällen erleben Frauen Gewalt dort, wo sich Menschen sicher fühlen sollten: zu Hause. Warum sich Frauen so oft so viel gefallen lassen und wie sie sich schützen können, darum ging es bei einem Seminar der Polizei.

„Sonst ist er nicht so“ – „Männer können manchmal nicht anders“ – „Sie hat ihn provoziert“: Bleibt nach einer Gewaltattacke die Frage nach dem Warum offen, „versuchen wir, die absurdeste Erklärung zu finden“, sagt Marei Schmitt. Die Wirtschaftspsychologin hat im ersten Teil des Gewaltschutzseminars speziell für Frauen bei der Polizei in Waiblingen ein paar gängige Fehlurteile entlarvt. Sie stellt klar: Opfer von Gewalttaten tragen keine Schuld.

„Frauen wehren sich zu spät" 

„Frauen wehren sich zu spät oder gar nicht oder zu selten“, sagt Marei Schmitt. Sei artig, sei brav, sei leise – solche Sätze aus der Kindheit wirken nach. „Und dann duckt man sich wie das Häschen im Grase“, beschreibt Marei Schmitt ein gängiges Verhalten.

Täter gehen zuweilen schrittweise vor. Es fängt harmlos an mit einer gelegentlichen Berührung am Arm, am Rücken. Mal eine anzügliche Bemerkung, ein obszöner Witz. Dann die Frage: Gehen wir mal essen? Wann gehen wir denn endlich mal essen?

„Wenn es sich komisch anfühlt, dann ist es komisch“

Harmlose Anmache? Oder bereits sexuelle Belästigung? Marei Schmitt legt den rund 20 Seminarteilnehmerinnen dringend ans Herz, ihrem Gefühl zu vertrauen: „Wenn es sich komisch anfühlt, dann ist es komisch. Ende der Geschichte.“ Und: „Ein Nein ist ein ganzer Satz.“

Der Satz muss gut hörbar sein. Frauen tun sich eher schwer, draufloszubrüllen. Genau das sollten sie im Fall der Fälle aber tun, zumal ein Angreifer damit nicht rechnet. „Je mehr Strategien zur Gegenwehr eingesetzt werden, desto häufiger wird eine Gewalttat abgebrochen“, erklärt die Trainerin. Selbst milde Gegenwehr führe häufig zu Tatabbrüchen, während Bitten und Weinen tendenziell die Gefahr noch erhöhe, dass es nicht beim Vergewaltigungsversuch bleibt.

Oft spielen Alkohol und Frust eine Rolle

Die Hälfte aller Vergewaltigungen wird nicht in einer dunklen Ecke eines Parkhauses oder im Park verübt. Sondern daheim im Bett vom Partner oder Ex-Partner. Ganz oft spielt Alkohol eine Rolle und Frust wegen einer schwierigen Lebenssituation. Männer, die selbst Gewalt erlebt haben, neigen eher zur Gewalttat. Das ist keine Entschuldigung, nur eine Erklärung.

Marei Schmitt beruft sich auf eine Studie des Bundesfamilienministeriums, wonach knapp 40 Prozent aller Frauen schon mal körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt haben. Wobei sich das Empfinden, was Gewalt ist, von Mensch zu Mensch unterscheidet. Marei Schmitt unterscheidet im Seminar zwischen körperlicher, sexueller und psychischer Gewalt, sexueller Belästigung und Stalking.

„Bleiben Sie nicht allein damit“

Fast die Hälfte der Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, schweigen. Aus Scham, aus Angst. Frauen, die zu Hause Gewalt ausgesetzt sind, erdulden das oft viele Jahre. Sie meinen, für die Kinder die Ehe erhalten zu müssen, oder fürchten, alleine nicht klarzukommen. Sie werden vermutlich ohne professionelle Hilfe nur schwer den Ausweg finden: „Bleiben Sie nicht allein damit“, mahnt Marei Schmitt und rät dringend, Beratung zu suchen.

Neues Strafrecht

  • Im Sexualstrafrecht gilt erst seit ein paar Monaten das Prinzip „Nein heißt Nein“. Um eine Vergewaltigung zu bestrafen, reicht es nun aus, wenn das Opfer „Nein“ gesagt, sich aber ansonsten nicht aktiv gewehrt hat.
  • Vor dieser Strafrechtsänderung wurde ein Täter nur dann für eine Vergewaltigung bestraft, wenn er sein Ziel mittles Gewalt und Drohungen erreicht hatte.
  • Der Bundestag hat das schärfere Gesetz einstimmig beschlossen.