Waiblingen

Neue Fahrradwerkstatt für Flüchtlinge

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Der Iraker Fareed Wheed Kadhim Al-Rubaye (links) und der Syrer Rozan finden die Fahrradwerkstatt für Flüchtlinge im alten Waaghäusle beim Wohngebiet Trappeler gut. Wer als Asylbewerber ein kaputtes Rad hatte, musste vor einigen Wochen noch zum Schönbühl kommen – für Bewohner der Unterkünfte am Heuweg oder auf dem Cabrio-Gelände ein Riesenumweg. © Palmizi / ZVW
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Der Endersbacher Christoph Glathe ist einer von sieben Ehrenamtlichen, die derzeit in der Fahrradwerkstatt für Flüchtlinge arbeiten. © Palmizi / ZVW

Weinstadt-Endersbach. Bahn- und Bustickets sind teuer, Autos sowieso unerschwinglich: Räder sind für Flüchtlinge die einzige Chance, mobil zu sein. Der Freundeskreis Asyl hat das früh erkannt: Nun gibt es nach dem Schönbühl auch im Trappeler eine Radwerkstatt für Asylbewerber. Die Stadt stellt dafür das ehemalige Waaghäusle kostenlos bereit. Und auch Flüchtlinge helfen beim Reparieren mit.

Video: Christoph Glathe leitet die 2. Fahrradwerkstatt des Weinstädter Freundeskreis Asyl

Christoph Glathe gibt alles. Immer wieder justiert er am Fahrrad des jungen Irakers nach, holt neues Werkzeug, schraubt, prüft die Bremsen, lässt den Besitzer Probe fahren und setzt sich zum Schluss sogar selbst auf den Sattel. Rund 30 Minuten investiert Christoph Glathe allein in dieses Rad – was der junge Iraker, der in der Flüchtlingsunterkunft auf der Cabrio-Wiese wohnt, sehr zu schätzen weiß. „Er ist ein sehr guter Mann. Er hilft uns umsonst. Wir wissen nicht, wie wir ihm danken sollen“, sagt er und lächelt. Der gute Service in der neuen Fahrradwerkstatt für Flüchtlinge hat sich nach seiner Auskunft mittlerweile auch außerhalb von Weinstadt herumgesprochen. Auch aus Waiblingen und Schorndorf kommen laut dem Iraker Asylbewerber mit ihren Rädern zum alten Waaghäusle im Trappeler, in der Hoffnung, dass diese für wenig Geld repariert werden. Christoph Glathe freut es, wenn er helfen kann – und er ist nicht allein.

Je besser der Zustand, umso teurer das Rad

Mittlerweile sieben Ehrenamtliche bringen in der Fahrradwerkstatt ihre Fähigkeiten ein, die einmal in der Woche für eine Stunde geöffnet hat. Auch Asylbewerber helfen mit. Leute wie Christoph Glathe gucken zudem bei ihrem Einsatz nicht auf die Uhr: Wenn ein Problem mehr Zeit braucht, dann macht der Endersbacher eben nicht pünktlich Feierabend, sondern bleibt so lange, wie es nötig ist. Zudem haben Flüchtlinge die Möglichkeit, in der Werkstatt ein gebrauchtes Rad zu erwerben. 90 Stück wurden bislang veräußert. Hier gilt: je besser der Zustand, umso teurer. Christoph Glathe hat erst jüngst ein Rad für rund 130 Euro verkauft. Auch sonst ist nichts umsonst: Für Kinderräder zahlen die Flüchtlinge im Schnitt zehn bis 20 Euro, für Damen- und Herrenräder 15 bis 40 Euro, für neue Schlösser zehn Euro, für neue Schläuche vier Euro und für neue Mäntel 15 Euro. Kleinere Reparaturen kosten zwischen einem und fünf Euro.

Klar ist: Wer kein Asylbewerber ist, der kann die Radwerkstatt auch nicht nutzen. Schließlich soll das Angebot keine Konkurrenz für heimische Fachgeschäfte sein, sondern ein Hilfsangebot für Menschen, die sich sonst eine Reparatur oder ein Rad niemals leisten könnten.

Mindestkriterium ist die Funktion von Bremsen, Beleuchtung und Schaltung

Christoph Glathe und seine Helfer bekommen von den Bürgern ganz unterschiedliche Räder für die Werkstatt gespendet. Nicht alle finden unter den Asylbewerbern einen Abnehmer. „Die wollen keinen alten Schrott, der zehn Jahre in der Garage vergammelt ist“, weiß der Endersbacher. Seine Schrauber-Kollegen und er setzen bei allen Rädern, die sie an Flüchtlinge verkaufen, ein paar Mindestkriterien an: Die Bremsen müssen funktionieren, die Beleuchtung und die Schaltung ebenfalls. Und wenn das gespendete Rad eine der Bedingungen nicht erfüllt, wird es vorher repariert. Schließlich soll die Unfallgefahr reduziert werden.

Sehr dankbar sind die Ehrenamtlichen der Radwerkstatt der Stadt Weinstadt: Die stellt das alte Waaghäusle im Trappeler kostenlos bereit. Das hat einen entscheidenden Vorteil im Gegensatz zur Radwerkstatt bei der Asylbewerberunterkunft auf dem Schönbühl: Es gibt eine funktionierende Heizung. So kann auch im Winter unter annehmbaren Bedingungen gearbeitet werden. „Insofern ist das ein Quantensprung.“

@ Auf Facebook zeigen wir ein 360°-Video aus der Werkstatt.

Sachspenden sind jederzeit erwünscht

Haben Sie ein gut erhaltenes Fahrrad, das Sie nicht mehr brauchen? Einen funktionstüchtigen Helm, eine Fahrradtasche oder einen Transportkorb? Dann wenden Sie sich einfach an Christoph Glathe: Er ist Ansprechpartner für die Fahrradwerkstatt für Asylbewerber im Trappeler. Diese befindet sich seit einigen Wochen im ehemaligen Waaghäusle beim Steinbruch (Birkelstraße 34). Es ist die mittlerweile zweite Werkstatt dieser Art in Weinstadt. Im April wurde bereits eine im ehemaligen Jugendheim Schönbühl eröffnet.

Vorbeikommen können Asylbewerber, die ein defektes Rad haben, künftig immer mittwochs von 18.30 Uhr bis 19.30 Uhr. Christoph Glathe und seine Mitstreiter haben den Tag und die Uhrzeit jüngst geändert, um es durch den späteren Beginn auch Berufstätigen leichter zu machen, sich zu engagieren.

Wer als Schrauber in der Werkstatt ehrenamtlich mitarbeiten will oder etwas spenden möchte, klickt hier und füllt ein Kontaktformular aus.