Waiblingen

Neuer Glaube: Flüchtlinge in der Kirche

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Bei manchen Themen muss ein Symbol zur Illustration herhalten: Für Flüchtlinge, die zum christlichen Glauben übergetreten sind, kann sogar hier, im Deutschland mit dem Recht auf freie Religionsausübung, ein öffentliches Bekenntnis zur neuen Religion eine Gefahr bedeuten. © Schneider / ZVW

Waiblingen. Er habe den Glaubenswechsel nur vorgeschoben, hört mancher Flüchtling bei seiner Anhörung und der Asylantrag wird abgelehnt. Aber wer schaut dem Menschen wirklich ins Herz? Auch im evangelischen Kirchenbezirk Waiblingen lassen sich muslimische Flüchtlinge taufen. Warum? Rettet das vor Abschiebung? Oder steckt die Frage nach dem Sinn des Lebens und dem richtigen Weg auf dieser Welt dahinter?

Die alles entscheidende Frage im Asylverfahren ist die Frage: Drohte im Heimatland Gefahr für Leib und Leben? Hat ein muslimischer Flüchtling hier in Deutschland das Christentum für sich entdeckt und ist zum evangelischen oder katholischen Glauben übergetreten, kann die Religion nicht der Fluchtgrund gewesen sein.

Das heißt: Der Übertritt zum christlichen Glauben wird die Anerkennung als Asylbewerber nicht leichter machen. Der Übertritt sollte aber auch nicht als Grund genutzt werden, den Asylantrag abzulehnen.

Etwa 2500 Flüchtlinge leben im evangelischen Dekanatsbezirk Waiblingen

Die Anzahl der Konvertiten unter den Asylbewerbern ist verschwindend gering im evangelischen Dekanatsbezirk Waiblingen. Nicht ganz 2500 Flüchtlinge leben in dessen Gemeinden, etwa 20 Menschen haben sich taufen lassen. Das ist nicht einmal ein Prozent.

Viele von diesen Menschen kommen aus dem Iran. Dort waren die meisten schon in christlichen Gemeinden aktiv. Hausgemeinden sind es dort, sehr charismatisch-pfingstlerisch, sehr lobpreisend. Die Taufe spielt keine Rolle. Bibellektüre auch nicht. Auf dem Papier sind diese Menschen alle Muslime. Und trotzdem werden sie verfolgt. Die Familien werden bedrängt. Wer offiziell dem Islam den Rücken kehrt, dem droht der Tod.

Es gibt Geschichten wie diese: Die allererste Handlung der iranischen Familie in der Erstaufnahme in Heidelberg war, sich taufen zu lassen. Würde dieser Familie das Asyl verweigert, müsste sie zurück, ihr Schicksal wäre schrecklich.

Der christliche Glauben ein Weg zur Selbstbestimmung?

Hat diese Familie nun aber wirklich nur den christlichen Glauben angenommen, weil eine Rückkehr in die alte Heimat mit Gefahr für Leib und Leben einhergeht und deshalb vielleicht die Chancen besser stehen, hierbleiben zu können? Oder ist die Taufe ein Akt der Befreiung? Der christliche Glauben ein Weg zur Selbstbestimmung?

In einer kleinen Broschüre der evangelischen Kirchengemeinde Waiblingen und des Kreisdiakonieverbands Rems-Murr sind Zitate zusammengetragen aus einer Gruppe, die gemeinsam die Bibel gelesen hat. „Von schiitischen Geistlichen haben wir gesagt bekommen, es ist besser, traurig und weinend zu beten – hier lachen und singen wir“, heißt es da.

Oder: „Wir dürfen Gott auch anklagen.“ Und: „Wir sind eine kleine Gruppe und alle sind mit dem gleichen Bibeltext beschäftigt. Trotzdem hören wir viele verschiedene Meinungen. Ich habe Gedanken gehört, die ich selbst nie gehabt hätte. Im Iran haben die Mullahs uns gesagt, wie wir den Koran verstehen sollen, aber wir sollten nicht selbst denken. Hier gefällt mir diese große Freiheit, selbst denken zu dürfen.“

Gemeinschaft erleben, Heimat finden

Wer von den Flüchtlingen zum christlichen Glauben übertritt, trägt dies meist trotzdem nicht offen in die Welt. Die Angst ist groß, auch hier. Einen Zeitungsbericht darüber, dass der junge Mann jeden Sonntag im Gottesdienst hilft? Nein – er fleht richtig –, nur nicht. „Sie wissen nicht“, sagt er. Er hat Angst.

Trotzdem: Zum christlichen Glauben übertreten heißt für die Menschen auch, Gemeinschaft zu erleben. Oder Dankbarkeit auszudrücken gegenüber jenen, die helfen. Es heißt auch, eine Heimat zu finden. Die Heimat gibt’s allerdings auch ohne Taufe: In den Neustädter Kirchenchor kommt jede Woche ein Flüchtling aus Syrien. Er ist Moslem und will das auch bleiben. Und singt trotzdem und ohne Schmerzen die vielen Kirchenlieder mit.

Arabische Christen sagen zu Gott „Allah“. Ist es ein und derselbe Gott, der Gott der Muslime und der Gott der Christen? Unterscheidet die Religionen nur die dazugehörige Kultur? Die Gleichheit der Frau, die Freiheit im Leben, im Handeln und im Denken? Was ist das Ziel von Christentum?

Die Bibel lesen und verstehen

Zum christlichen Glauben übertreten heißt für die baldigen Konvertiten vor allem: Zeit investieren, sich Abende lang mit christlichen Aussagen auseinandersetzen. Bibel lesen. Bibel verstehen. Taufe einfach so und gleich sofort gibt’s hier nicht. Hier müssen Hürden überwunden werden: die heilige Dreieinigkeit – unerklärlich, unvorstellbar, im Islam Vielgötterei.

Der vierte Glaubens- und Taufkurs seit der großen Flüchtlingswelle vor drei Jahren läuft zurzeit. In den Kursen finden Gespräche statt, die hätten einen „theologischen Ertrag“, wie er selten zu bekommen wäre. Hier werden Dinge diskutiert, über die denkt der alltags- und gewohnheitsgläubige Remstäler vermutlich nicht mal an Ostern nach.

Und dann, im alles entscheidenden Gespräch vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, wird der etwa 30 Jahre alte Mann dazu aufgefordert, sich zur Bergpredigt zu äußern. Die Übersetzerin spricht aber vom Berg Mose. Der Flüchtling ist verwirrt. Einspruch des begleitenden Pfarrers, der die falsche Übersetzung erkennt. Der „Entscheider“ sagt: Ich meine Matthäus 5 bis 7. Der Flüchtling konnte die Frage nicht beantworten. Der Asylantrag wurde abgelehnt wegen zu geringer Kenntnis christlicher Inhalte.

Wer hätte einfach so gewusst, was in Matthäus 5 bis 7 geschrieben steht?

„Die meisten Flüchtlinge kommen aus Ländern, in denen man sich ein Leben ohne Religion nicht vorstellen kann.“ Erlebt haben sie dort aber Schreckliches. Sie sind auf der Suche nach einem Leben, nach Glück, vielleicht auch nach einer anderen Religion. Natürlich gibt es Glaubenswechsel aus Kalkül. Doch wer kann den Menschen ins Herz schauen und sicher wissen, ob sie die Wahrheit sprechen oder lügen?


Das Gespräch

Bei diesem Gespräch dabei waren Dekan Timmo Hertneck vom evangelischen Kirchenbezirk Waiblingen, Diakonin Hanna Fischer, Beauftragte für Flüchtlingsarbeit in den Kirchenbezirken, Pfarrer Joachim Bauer von der Kirchengemeinde Neustadt, Pfarrer Matthias Wagner von der Michaelskirche in Waiblingen: Außerdem hatte Pfarrerin Silke Stürmer von der evangelischen Kirchengemeinde Schorndorf von ihren Erfahrungen berichtet.