Waiblingen

Neuer Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer

f780f889-905b-48dd-aead-84845bba858c.jpg_0
Thomas Hoefling, 61, ist seit August neuer Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart. © Schneider / ZVW

Waiblingen „Digitalisierung ist keine Frage des Sich-beteiligen-Wollens, sondern ein Muss“, sagt Thomas Hoefling, seit 1. August Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart. Wir wollten im Redaktionsgespräch wissen, wo der neue Mann an der Spitze seine größten Herausforderungen sieht.

Video: Thomas Hoefling im Redaktionsgespräch.

Nachhaltigkeit steht bei der Handwerkskammer nicht nur auf dem Papier, sie wird auch gelebt: Mit einem E-Auto kommen Thomas Hoefling, Hauptgeschäftsführer, und Gerd Kistenfeger, Leiter der Pressestelle der Handwerkskammer Region Stuttgart, zum Redaktionsgespräch. Digitalisierung ist das erste Thema, das Hoefling anspricht. Dabei unterteilt der gebürtige Freiburger in drei Bereiche: zunächst die innerbetriebliche Nutzung von Informations-Technologien, dazu gehört zum Beispiel ein innovatives Kunden-Management-System. An zweiter Stelle steht die Produktgestaltung, etwa mit Hilfe von 3-D-Druckern oder computergesteuerter Werkzeuge. Dritter Bereich sind die Randbedingungen, wie etwa ein Breitband-Internetzugang. „Außerhalb von Ballungszentren gibt es in Baden-Württemberg noch Nachholbedarf im Ausbau des Breitband-Netzes“, findet der ehemalige IT-Projektleiter.

Um Digitalisierung im Handwerk voranzutreiben, führt die Handwerkskammer im vierten Quartal dieses Jahres Themenwochen durch. Mit Vorträgen wie „Die Welt von Apps im Handwerk nutzbar machen“ oder Besuchen in besonders innovativen Betrieben, wie einer Schorndorfer Firma für Raumausstattung, Maler- und Stuckateurleistungen, sollen Handwerker an das Thema herangeführt werden. „Einem Ein-Mann-Friseurgeschäft hilft es zum Beispiel, wenn Kunden online Termine vereinbaren, statt anzurufen“, erklärt Hoefling, wie auch Kleinst-Unternehmen, die beim Thema Digitalisierung noch ganz am Anfang stehen, vom Wandel profitieren.

Eine weitere Herausforderung für die Kammer ist die Integration Geflüchteter. Aktuell scheitert das oft noch an fehlenden Qualifikationen, wie etwa Sprachkenntnissen. „Das wird sich jedoch in den nächsten Jahren zunehmend ändern“, ist sich der 61-Jährige sicher.

In Zusammenarbeit mit dem Jobcenter hat die Handwerkskammer begonnen, sogenannte „Matchings“ durchzuführen. Dabei prüft eine kammerinterne Bildungsakademie vom Jobcenter vermittelte Geflüchtete auf vorhandene Qualifikationen. Bei der Frage „Was kann jemand?“ geht es um mehr als um Lebensläufe auf dem Papier.

So kann ein junger Syrer beispielsweise seine Fähigkeiten an der Werkbank unter Beweis stellen. „Wir testen die jungen Leute in der Praxis, um so möglichst passgenaue Kandidaten zu finden, die wir dann den Betrieben als mögliche Auszubildende vorschlagen“, erklärt Gerd Kistenfeger, Leiter der Stabsstelle für Öffentlichkeitsarbeit, das Prinzip. Laut einer Handwerkskammer-Umfrage wären gut drei Viertel der Betriebe bereit, Geflüchtete als Auszubildende einzustellen.

Auch wenn es noch keine weiteren, belastbaren Zahlen gebe, sei die Integration Geflüchteter eine „Chance fürs Handwerk“, findet Kistenfeger. Gerade, weil unter den Landsleuten das Interesse, einen handwerklichen Beruf zu ergreifen, in den letzten Jahren stark nachgelassen hat.

„Wir wollen zeigen, dass Geld nicht alles ist“

Damit kommt ein weiterer Punkt zum Gespräch: der Mangel an Nachwuchskräften. Weil viele Eltern und Schüler der Meinung sind, nur mit Abitur und Studium lässt sich Karriere machen und gutes Geld verdienen, werden Handwerksberufe immer unattraktiver. Wenn dann noch Tageszeitungen über die Höhe von Boni in der Automobilindustrie berichten, zweifeln die wenigen, die sich für eine handwerkliche Ausbildung entschlossen haben, an ihrer Berufswahl. „Wir wollen zeigen, dass Geld nicht alles ist und es in einem erfüllenden Beruf auf andere Faktoren ankommt“, erklärt Hoefling. Für einen handwerklich begabten Menschen kann es beispielsweise wesentlich befriedigender sein, einen Raum farblich zu gestalten, als am Computer zu arbeiten.

Karriere sei außerdem auch im Handwerk möglich: Etwa, wenn ein Restaurator über Zusatzqualifikationen Nischenmärkte besetzt. Oder ein 28-jähriger Meister ein Unternehmen gründet und so Arbeitsplätze schafft, während Gleichaltrige noch in den Studiensälen sitzen.

Über Bildungspartnerschaften mit Schulen oder die aktive Teilnahme an Berufsbildungsmessen will die Kammer „die Vielfalt des Handwerks“ zeigen. In der Region Stuttgart gibt es schließlich 130 verschiedene Ausbildungsberufe im Handwerk.

„Die Durchlässigkeit akademischer und beruflicher Bildung hat begonnen“, sagt Hoefling. Das will die Handwerkskammer Schülern und Eltern rechtzeitig vermitteln. „Ein Meisterbrief bedeutet gleichzeitig Fachhochschulreife“ erklärt der Familienvater, wie Sprösslinge auch nach einer Ausbildung und Weiterqualifikation noch studieren können.

Nicht nur die handwerklichen Betriebe, auch die Kreis-Innungen wünschen sich mehr Nachwuchs. Der Trend, sich neben dem Beruf noch ehrenamtlich zu engagieren, ist rückläufig. „Es gibt aber Hoffnung“, sagt Hoefling. Die Handwerkskammer will den Rückwärtstrend aufhalten, indem sie Attraktivität und Nutzen einer Innungs-Mitgliedschaft in den Vordergrund stellt. „Netzwerken, voneinander lernen, aktuelle Informationen und Entwicklungen als Erster mitbekommen“, fasst der Hauptgeschäftsführer die Vorteile zusammen.

Wir sprechen weiter über Service im Handwerk. „Auch hier ändert sich das Handwerk rapide“, weiß Hoefling. Kunden- und Serviceorientierung habe in den letzten Jahren zugenommen; ist inzwischen fester Bestandteil der Ausbildung.

Weil der Nachfrage an handwerklichen Aufträgen oft zu wenig Fachkräfte gegenüberstehen, kommt es dennoch zu Schieflagen. Kunden bemängeln lange Wartezeiten. Oder dass sie vor allem für Klein-Aufträge kaum noch jemanden finden, der „wegen ein paar heruntergefallenen Ziegeln“ kommt.

„Im Augenblick gehören Arbeitsplätze im Handwerk zu den sichersten“, schließt Hoefling unser Gespräch. Sogar in Zeiten der Wirtschaftskrise hätten Handwerksbetriebe - im Gegensatz zu Konzernen - kaum Leute entlassen müssen. Vielmehr hätten die Unternehmen alles getan, um qualifizierte Mitarbeiter zu behalten.

Daten und Fakten

29 585 Handwerksbetriebe waren im vergangenen Jahr in der Region Stuttgart gemeldet. Davon 5379 im Rems-Murr-Kreis. 180 000 Beschäftigte erwirtschafteten einen Umsatz von 20,7 Milliarden Euro.

Von den 651 Innungen in Baden-Württemberg befinden sich 100 in der Region Stuttgart.

10 347 Ausbildungsverträge wurden 2015 in der Region geschlossen. Mit einer Anzahl von 2043 die meisten davon im Rems-Murr-Kreis.