Waiblingen

Neun Stunden Warten „im Rahmen des Normalen“

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© Benjamin Buettner

Winnenden. „Ich erwarte, dass jeder Beschwerdefall ernst genommen und aufgearbeitet wird“, schreibt Landrat Dr. Richard Sigel über die Zustände in der Notaufnahme des Winnender Klinikums. Sigel ist Aufsichtsratsvorsitzender der Rems-Murr-Kliniken. Die weisen in einer Stellungnahme auf ihre steigenden Patientenzahlen in der Notaufnahme und sinkende Beschwerdequoten hin.

Archivvideo vom 15.09.2016: Dr. Torsten Ade Chefarzt der Notaufnahme des Rems-Murr-Klinikum Winnenden

„Wir sind sehr froh, dass wir uns einer kontinuierlich zunehmenden Anzahl von Patienten widmen dürfen“, heißt es in der Stellungnahme der Rems-Murr-Kliniken zu unserem Kommentar „Notaufnahme: So geht es nicht weiter“. Der Autor Frank Nipkau hatte sechs konstruktive Forderungen erhoben, um die Situation dort zu verbessern. Die erste Forderung lautete:

„Freuen Sie sich, dass Sie Patienten haben!“

„In der Notaufnahme sind wir von jährlich 40 000 Patienten in 2015 auf 50 000 Patienten in 2016 angewachsen. Im stationären Bereich sind wir von 31 000 Patienten auf 35 000 gewachsen, was einer Steigerung von zwölf Prozent entspricht.“ Im Gegenzug sei die Beschwerdequote speziell in der Notaufnahme im letzten Jahr um 19 Prozent gesunken, heißt es in der von uns gekürzten Stellungnahme. Der Anteil liege bei 0,53 Prozent. Mit dem in 2015 neu aufgebauten Beschwerdemanagement würden täglich sämtliche Beschwerden schriftlich und mündlich erfasst.

„Nehmen Sie die Hausärzte ernst!“

Von Februar 2017 an wird die Notfallpraxis integrierter Bestandteil unserer Notaufnahme, schreiben die Kliniken zur Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Ärzten und der Notfallpraxis am Abend und an den Wochenenden. Nichtsdestotrotz gebe es noch zahlreiche organisatorischen Themen zwischen den Kliniken und den niedergelassenen Kollegen. Speziell bei der Überweisung von Patienten gebe es grundsätzlich zwei Wege: Entweder handele es sich bei der Problematik des Patienten um eine so dringliche Thematik, dass der Rettungswagen zum Einsatz kommen muss. Oder der Patient hat noch die Möglichkeit, mit dem notwendigen zeitlichen Vorlauf sich bei unseren Sprechstunden zur Prüfung der stationären Indikationen anzumelden. „Zwischen diesen beiden Wegen gibt es einen Graubereich, die dringlichen Indikationen. Dabei kommen die Patienten unangemeldet, obwohl sie zeitlichen Vorlauf haben, in unsere Notaufnahme und erwarten sofortige Zuwendung. Unsere internen Analysen haben ergeben, dass dies 82 Prozent unserer Behandlungsfälle ausmacht. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass circa 18 Prozent unserer Patienten die Notaufnahme wirklich benötigen. Diese Einschätzung tätigen wir über das sogenannte Manchester-Triage-System.“

Darunter wird ein standardisiertes und wissenschaftlich anerkanntes Verfahren verstanden, das in zahlreichen Krankenhäusern im In- und Ausland etabliert sei. Stufe 1 (rot) bedeutet dringlich sofort; Stufe 2 (orange) bis zu 15 Minuten; Stufe 3 (gelb) bis zu 30 Minuten; Stufe 4 (grün) bis zu 90 Minuten sowie Stufe 5 (blau) bis zu 120 Minuten Wartezeit bis zum Erstkontakt. Diese Zeit könne sich - je nach Arztvorgabe - bei sehr hohem Patientenaufkommen jeweils verdoppeln. Zurzeit ist laut Kliniken ein Projekt in der Umsetzung, das diesen Graubereich minimieren werde und die Zusammenarbeit zwischen den niedergelassenen Kollegen und der Klinik weiterhin verbessert.

„Schaffen Sie Transparenz während der Behandlung! Nehmen Sie die Angehörigen ernst!“

„Wir sind immer bestrebt, Transparenz herzustellen und die Angehörigen einzubinden, müssen allerdings um Verständnis bitten, dass in Zeiten eines hohen Patientenaufkommens die Versorgung der bedrohlichen Notfälle Vorrang hat. Wir sehen durchschnittlich 130 Patienten am Tag in der Interdisziplinären Notaufnahme. Wir haben 35 Behandlungsplätze. Dem gegenüber stehen sechs Pflegekräfte, zwei medizinische Fachangestellte, sechs bis sieben Ärzte - tagsüber bis 21 Uhr, nachts und am Wochenende drei bis vier Ärzte bei gleicher Anzahl der Pflegekräfte. Dies ist ausreichend für die Erstversorgung und die weitere Betreuung der Notfallpatienten.“

„Verändern Sie die Abläufe!“

Insgesamt seien die Wartezeiten auf den ersten Arztkontakt im letzten Jahr deutlich gesunken. „In der Summe um 36 Prozent, wobei zu beachten ist, dass selbstverständlich die Verbesserung bei den Patienten mit hoher medizinischer Dringlichkeit unser Kernaugenmerk war. Hier konnten wir die Zeit auf ein Drittel senken, ohne dass nicht bedrohlich erkrankte Patienten deswegen über Gebühr länger warten mussten. Bis zu zwei Stunden bis zum ersten Arztkontakt sind bei den am wenig dringlichsten Patienten normal und zumutbar. Im Übrigen sprechen Sie von Aufenthaltsdauer von neun Stunden und nicht von Wartezeit bis zum Erstkontakt. Eine Magenspiegelung wird grundsätzlich von einem Arzt durchgeführt. Die Aufwachzeit nach einer Kurznarkose dauert mindestens eine Stunde. Insofern ist die Aufenthaltsdauer von neun Stunden mit Diagnose, Aufklärung, Vorbereitung, Untersuchung und Überwachung durchaus im Rahmen des Normalen, insbesondere bei einem ungeplanten Patienten. Wie Sie erkennen, finden in dieser Zeit auch mehrere Arztkontakte statt.“

„Schaffen Sie kompetente Ansprechpartner!“

Seit dem 1. Juli 2016 werde die INA von einem neuen Chefarzt verantwortet, und gemeinsam sei die bereits vorbereiteten Verbesserungen erfolgreich umgesetzt worden, weisen die Kliniken auf die Aufstockung des Pflegepersonals und des ärztlichen Kernteams hin. „Im Sinne der Serviceorientierung wurde ein offener Anmeldetresen eingeführt und mit zwei ausgebildeten medizinischen Fachangestellten besetzt. Die dortige Anwesenheitszeit wird ab 1. Februar 2017 auf sieben Tage die Woche bis jeweils 24 Uhr ausgedehnt. Das Mitarbeiterteam wurde ergänzt und wird aktuell geschult. Hier haben wir in den Prozessabläufen in der Tat noch Optimierungspotenzial.“ – Bereits seit Sommer 2016 habe das Klinikum einen Kümmerer in Person eines „Pflegekoodinators“ etabliert. „Je nach Arbeitsbelastung steht dieser für Auskünfte zur Verfügung. Die Sorgen der Angehörigen und deren Wunsch nach Auskünften sind für uns nachvollziehbar, allerdings hat die Patientenversorgung selbst Vorrang und der Patient selbst erhält zuerst Auskünfte. Aus Datenschutzgründen dürfen sich Angehörige auch leider nicht im Patientenuntersuchungsbereich aufhalten, da mehrere Patienten parallel betreut werden.“


Landrat Sigel: "Es trifft mich persönlich"

Der Landkreis Rems-Murr lässt sich seine Krankenhäuser viele Millionen Euro im Jahr kosten. Umso mehr ärgert Landrat Dr. Richard Sigel, wenn die Rems-Murr-Kliniken für Schlagzeilen sorgen. „Ich sage es ganz offen: Es trifft mich persönlich, von Fällen zu hören, in denen Patienten die Notaufnahme unserer Klinik enttäuscht verlassen“, schreibt Sigel, als Landrat auch Aufsichtsratsvorsitzender der Rems-Murr-Kliniken, in einer Stellungnahme, die wir wörtlich zitieren: „Schließlich investieren wir als Gesellschafter derzeit großzügig in die Notaufnahme – in die bauliche Verbesserung und in die personelle Ausstattung. Diese Investitionen müssen spürbar werden und die geringe Beschwerdequote gibt uns im Grundsatz recht: Von 35 000 stationären Patienten im Jahr 2016 haben sich nur zwei Prozent beschwert, speziell bezogen auf die Notaufnahme-Patientenkontakte waren es nur 0,5 Prozent. Aber dennoch erwarte ich, dass jeder einzelne Beschwerdefall ernst genommen und aufgearbeitet wird – nicht nur der von Chefredakteuren. Nur so können wir alle Bürger von der medizinischen Qualität unserer Rems-Murr-Kliniken überzeugen.“


Wie niedergelassene Ärzte das Problem sehen

Dr. Markus Schuler ist Facharzt für Allgemeinmedizin mit einer großen Praxis in Leutenbach. Und er ist der Sprecher der Allgemeinärzte im Rems-Murr-Kreis. Für ihn ist der geschilderte Fall in gewissem Sinne ein Zwischenfall. Einer, der im System der akuten Versorgung auch seiner Ansicht nach noch nicht richtig geregelt ist.

Für Schuler stellt sich die Situation in Winnenden so dar: Die Notaufnahme ist da für Notfälle. Der Name sagt es. Dann gibt es den Fall, dass der Haus- oder Facharzt einen Patienten überweist. Für beide Fälle sieht er das Winnender Krankenhaus mittlerweile gut gerüstet. Schließlich ist ja für die interdisziplinäre Notaufnahme im Juli extra ein Chefarzt bestallt worden.

Was aber gewissermaßen doch Not leidet, das sei der Fall, dass jemand akut ein Leiden hat, damit zum niedergelassenen Arzt geht. Und der dann eine Abklärung durchs Krankenhaus will. Und zwar dringlich. Der Patient geht damit sofort ins Krankenhaus. Und trifft dabei auf die Notaufnahme. Die eigentlich da ist für die ganz akuten und schweren Fälle. Und genau im geschilderten Fall fehle es noch an einer befriedigenden Regelung. Markus Schuler spricht von einer „unglücklichen Mischung“. Von einem „Zwischending“. Im Schorndorfer Krankenhaus sei dies inzwischen besser geregelt. Da gibt es eine zentrale Nummer für alle Sprechstundenfälle.

Schuler will die Handelnden in der Notaufnahme in Schutz nehmen. Die akuten und schwer Erkrankten würden ja vorrangig drangenommen. Schuler verspricht sich auch durch die anstehende Umstrukturierung der Notaufnahme eine Verbesserung. Denn schon Anfang Februar wird es eine Notfallpraxis niedergelassener Ärzte auf dem Klinikgelände geben. Sie taugt als Anlaufstelle zwar nur nachts und am Wochenende. Aber Schuler sieht die Klinik im Prozess des Umsteuerns und Neudenkens. Gedacht ist die interdisziplinäre Notaufnahme eigentlich als Anlaufstelle, wenn die Sprechstunde einen Patienten überwiesen und einen Termin ausgemacht hat. Es sei natürlich ein Ärgernis für Angehörige und den Patienten, der akut krank ist und aktuell was geklärt haben möchte – weil ihn ja auch der Hausarzt geschickt hat.

Warten – und nicht wissen weshalb

Der Winnender Hausarzt Horst Schlüter überweist regelmäßig Patienten ins Klinikum, und etliche von ihnen erzählen ihm hinterher, sie warten und wissen nicht weshalb. „Es ändert auch nicht viel, wenn ich die Patienten anmelde und mit einer Vordiagnose ins Klinikum schicke.“ Zu unserem Beitrag „Notaufnahme: So geht es nicht weiter“, sagt Schlüter ausdrücklich: „Dieser Kommentar spricht mir aus dem Herzen.“ Tendenziell sei zwar in den letzten Wochen eine leichte Verbesserung zu verzeichnen, meint Schlüter, „aber es ist noch nicht da, wo es sein soll.“

Die Notaufnahme des Rems-Murr-Klinikums hat seit ihrer Eröffnung im Sommer 2014 zu Ärger geführt. Derzeit wird die Notaufnahme umgebaut und mit der Notfallpraxis der niedergelassenen Ärzte zusammengelegt. Seit Sommer 2016 hat die Notaufnahme einen eigenen Chefarzt. Dr. Torsten Ade war zuvor leitender Arzt in der Notaufnahme des Klinikums Esslingen.

Durchschnittlich werden rund 130 Patienten täglich in der Notaufnahme behandelt. Aber nicht jeder „Notfall“ ist ein Notfall für eine Behandlung im Krankenhaus im eigentlichen Sinne, hat Dr. Torsten Ade nach seinem Amtsantritt die Probleme in den überlasteten Notaufnahmen umrissen.