Waiblingen

Open Air im Schwanen als kleiner Trost fürs Altstadtfest

schwanenfest
In coronakonformer Sitzordnung und mit viel Abstand zur Bühne: Bandfestival im Schwanen, hier mit „Superwiser“. © Büttner

Natürlich ist das kein echter Ersatz fürs Altstadtfest, das zum zweiten Mal abgesagt wurde: Das Kulturhaus Schwanen hat aber mit dem zweitägigen Ersatzevent „Kult!ufer remembers Altstadtfest“ ein bisschen Unbeschwertheit zurückerobert und die Künstler unterstützt.

Der entgangene Trubel durch das coronabedingt abgesagte Traditionsfest mag für viele Innenstadtbewohner ein Segen sein, anderen fehlt genau das: ausgelassene Stimmung, feiernde Meute, überfüllte Straßen und Schlangen an den Getränkewagen. „Man hat an jedem Eck Leute getroffen, die man das ganze Jahr nicht sieht, weil sie überall verteilt leben“, sagt Jörg Sigle aus Weinstadt. Der Musikfan sitzt mit Kumpel Johannes Riesle am Biertisch, beide schauen - der coronabedingten Sitzordnung folgend - wie im Kino nach vorne, genießen Sound und Stimmung, wenn auch mit angezogener Handbremse: „Ein Konzert, bei dem alle in Reih und Glied sitzen, das ist im Moment schon noch gewöhnungsbedürftig, das Rumlaufen und Mittanzen fehlen, und natürlich die Live-Stimmung im Dekanatskeller“, so Jörg Sigle.

Alles ist noch ungewohnt für Bands und Publikum

Nach der langen Zeit, als gar nichts mehr ging, sei dieser Abend dennoch ein Geschenk, das das Kulturhaus Schwanen allen Musikfans und vor allem den Musikern macht. Der milde Abend ist perfekt fürs Musikhören unter freiem Himmel und führt einige vor die Bühne der Schwaneninsel. „Es ist immer noch besser als eine Videoübertragung“, meint Johannes Riesle. Auch er kennt die knisternde Konzert-Atmosphäre im Kellergewölbe, das sei ihr Haupt-Aufenthaltsort beim Altstadtfest.

Casual Vrisis Crew, Jiska, Superwiser und Rolacas

Für die Casual-Crisis-Crew, die bei ihren Auftritten in Büromontur mit Anzug und Krawatte vors Publikum tritt und mit der „Bürokaffeetasse“ anstößt, ist es der erste Auftritt. Sie taten sich in der Konstellation Anfang 2020 zusammen, kurz bevor Corona sämtliche Auftrittspläne durchkreuzte. Dafür machen die cool groovenden Krawattenträger ihre Sache live richtig gut, inklusive fetzig-flapsiger Kommentare: Sie legen Funk, Rock, Super-Gitarrenriffs, eingängige Melodien und einen erfrischend tanzbaren Sound vor, bevor als zweiter Live-Act die 21 Jahre junge Bassistin „Jiska“ alias Jana Binder mit ihrer Band auch mal leicht melancholische Töne tanzen lässt. Versiert ist sie im E-Bass wie auch als Kontrabassistin, was den Songs etwas Schwebendes, eine hin und her schwingende Tiefe mitgibt. An den Tischen schwingen sich die Leute ein auf die „neue“ Stimmung. Es muss ja fast wieder neu gelernt werden, dieses Unter-Menschen-Sein.

Auch den Musikern der Band Casual Crisis Club ist an der einen und anderen Äußerung anzumerken, dass sie erst wieder hineinfinden müssen. „Es ist ganz ungewohnt, wenn man das Publikum wieder hört“, ruft Sänger „Mr. Kropf“ in die Menge. Damit das Publikum das Abgehen und Mitgehen üben kann, eignet sich ihr Song „Hey-ho“, ein rhythmusbetonter, tanzbarer und funkiger Rocksong, zu dem die Musiker beim Refrain je ein Schild fürs „Hey“ und eins fürs „Ho“ hochhalten, damit jeder Zuhörer textsicher mit einstimmen kann.

Und so kann das Zusammensitzen mit Livemusik im Ohr sogar „echte Altstadtfestgänger“ zumindest ein Stück weit hinwegtrösten über das entgangene Schlendern durchs Getümmel. „Die Atmosphäre, alle Leute relaxt beisammen, die guten Bands“ - das verbindet Ralf Dünnschede aus Hohenacker mit dem Altstadtfest. „Ich hab grad zu ihm gesagt, es ist hier irgendwie noch ganz komisch“, sagt seine Frau Petra. Eigentlich würden sie jetzt grad durch die Menge bummeln, sich treiben lassen. „Seit 20 Jahren gehen wir immer freitags aufs Altstadtfest, meistens landen wir auf dem Marktplatz, weil da die beste Musik kommt.“

Die Jugend leidet sehr

Die Zeit seit dem letzten Altstadtfest komme ihnen ewig lang vor, das Ersatz-Open-Air-Konzert an Bierbänken sei okay, aber freilich nur "Ersatzprogramm": "Alles ist grad ungewöhnlich. Aber schön ungewöhnlich“. Sie hätten sich ja „schon fast“ mit dem Stillstand „abgefunden“, meinen Petra und Ralf Dünnschede. „Die Jugend allerdings leidet sehr, unsere jetzt 18-jährige Tochter trauert dem Altstadtfest sehr hinterher.“ Für sie und ihre Freundinnen sei es das Highlight gewesen. „Das war ihre Party des Jahres.“

Fest gespeichert im Kopf ist das Altstadtfest auch bei der „Ur-Waiblingerin“ Sigrid Mezger. Sie wäre am Eröffnungsabend wie immer irgendwo zwischen Zeller-Platz und Rathausplatz unterwegs. Eine feste Route durchs Festtreiben habe sie nie gehabt, aber durchaus ein Ritual: „Ich bin immer mit einer Gruppe gleich zur Eröffnung hingegangen und danach durch die Straßen gelaufen, auch zu den internationalen Angeboten.“ Verschiedene Stände, überall Musik - es sei schon bitter, darauf zu verzichten. Das Kult!ufer findet sie „eine tolle Idee“. Sie habe prompt im Biergarten Bekannte getroffen. „Es tut gut, sich mal wieder treffen und sehen zu können, auch Livemusik im Ohr ist toll.“

Natürlich ist das kein echter Ersatz fürs Altstadtfest, das zum zweiten Mal abgesagt wurde: Das Kulturhaus Schwanen hat aber mit dem zweitägigen Ersatzevent „Kult!ufer remembers Altstadtfest“ ein bisschen Unbeschwertheit zurückerobert und die Künstler unterstützt.

Der entgangene Trubel durch das coronabedingt abgesagte Traditionsfest mag für viele Innenstadtbewohner ein Segen sein, anderen fehlt genau das: ausgelassene Stimmung, feiernde Meute, überfüllte Straßen und Schlangen an den

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