Waiblingen

Profitieren Kunden und Geschäfte in Waiblingen von der gesenkten Mehrwertsteuer?

Elektrohaus Bauer Waiblingen
Das Elektrohaus Bauer weist schon im Schaufenster darauf hin: Die Mehrwertsteuer-Ersparnis wird an die Kunden weitergegeben. Geschäftsführer Thomas Bauer steht bereit. © ALEXANDRA PALMIZI

„Das mit der Mehrwertsteuersenkung zum 1. Juli ist so“, sagt ein Waiblinger Gastronom und Konzertveranstalter: „Ich bezahle jetzt weniger Umsatzsteuer auf die Einnahmen, die ich wegen der Corona-Krise nicht habe, und kann die dann mit den Investitionen verrechnen, die mir wegen fehlender Mittel nicht möglich sind.“

Seinen Namen möchte der Unternehmer nicht in der Zeitung lesen. So negativ wie er beurteilen andere Waiblinger Geschäftsleute die aktuelle Maßnahme aus Berlin allerdings auch nicht. Im Kampf gegen die von der Corona-Pandemie verursachte Wirtschaftskrise hat der Gesetzgeber für den Zeitraum vom 1. Juli bis zum 31. Dezember die Mehrwertsteuersätze gesenkt, von 19 Prozent auf 16 Prozent und von sieben Prozent auf fünf Prozent (das ist der ermäßigte Satz, der etwa für viele Lebensmittel, Bücher und Zeitungen gilt).

Die Hoffnung: dass die Kauflust der Kunden angeregt wird. Der Staat verzichtet dafür auf Milliardeneinnahmen, Verbraucher können Geld sparen – wenn Händler die Steuersenkung freiwillig weitergeben, also die Preise entsprechend senken, wozu sie nicht verpflichtet sind. Kunden könnten dann, rechnet die Verbraucherzentrale in einem Beispiel vor, bei einem Einkauf für 150 Euro im Supermarkt 2,67 Euro sparen, bei einer größeren Anschaffung wie etwa einem Fernseher für 999 Euro (inklusive Mehrwertsteuer) mache die Ersparnis knapp 25 Euro aus (Nettopreis 839,50 Euro, der Fernseher sollte also insgesamt 973,82 Euro kosten).

Ist dies lediglich ein Tropfen auf dem heißen Stein oder ein Faktor, mit dem man rechnen kann? Thomas Bauer vom Elektrohaus Bauer am Waiblinger Stadtgraben ist vorsichtig abwartend, was die Folgen der Mehrwertsteuersenkung anbelangt. Es werde länger als sechs Monate dauern, bis sich zeige, wer weiterbestehe und wer verschwunden sein wird. Für sich selbst ist er verhalten optimistisch: Auch während der Zeit, als der Ladenverkauf wegen des Lockdowns geschlossen war, war er als Handwerker mit Aufträgen gut versorgt. „Dadurch konnte manches ausgeglichen werden.“ Zudem, führt er stolz an, sei auf die Stammkunden und deren Treue stets Verlass gewesen. Somit sei es nur fair, nun auch die verringerte Mehrwertsteuer an sie weiterzugeben.

Postfiliale in Beinstein: Sowieso steuerfrei

Wie ist es in der Postfiliale von Margarete Dridi in Beinstein? „Der größte Teil des Postgeschäfts ist sowieso mehrwertsteuerbefreit“, erklärt die Inhaberin, „bei den anderen Operationen wird das System von der Deutschen Post zum 1. Juli umgestellt. Ich habe darauf keinen Zugriff, somit bringt es für mich auch keinen zusätzlichen Aufwand.“ Da die Post als „systemrelevant“ gelte, hatte Dridis Agentur auch in den Wochen des Lockdowns geöffnet, allerdings mit strengen Auflagen. Die würden bis heute nachwirken. „Viele Menschen sind nach wie vor unsicher, wie sie sich richtig verhalten sollen. Für die einen wurden die Lockerungen zu forsch vorangetrieben, anderen wiederum gehen sie nicht weit genug.“

Dorothea Vosseler vom „Bittenfelder Käslädle“ kann sich vorstellen, dass die Steuersenkung etwas bewirkt. Zwar sei auf den ersten Blick der Unterschied von sieben auf fünf Prozent bei Lebensmitteln nicht allzu groß. Sie würde bei ihren Kunden sowieso grundsätzlich auf zehn Cent abrunden. Wenn man sich allerdings den Sprung von 19 Prozent auf 16 Prozent anschaue, dann sei dies eine durchaus spürbare Entlastung für den Endverbraucher, „so wie es uns allen vor ein paar Jahren wehgetan hat, als es von 16 auf 19 Prozent hinaufging“. Schließlich, gibt sie zu bedenken, ziehe sich dies durch alle Gewerke, betreffe also auch Handwerkerrechnungen und Baukosten – und da kämen schnell ganz erquickliche Summen zusammen. Ein Bekannter habe bereits gemeint, er spiele mit dem Gedanken, den anstehenden Kauf eines neuen Autos vorzuziehen, erzählt Vosseler. Welche Auswirkungen das auf den Handel habe, lasse sich im Augenblick allerdings noch nicht vorhersagen. Das „Käslädle“ sei zum Glück gut durch die vergangenen Monate gekommen, „unsere Kunden und wir sind gesund geblieben, und das ist schließlich das Wichtigste“. Auch in „normalen Jahren“ werde es in den Sommermonaten immer etwas ruhiger, „aber dieser Moment ist heuer bisher noch nicht eingetreten. Die Menschen sind über Ostern daheim geblieben, und da die Restaurants geschlossen waren und es keine Veranstaltungen gab, haben sie zu Hause gekocht und gegessen. Viele Berufstätige haben das Kochen und Backen neu für sich entdeckt.“

Aus genau diesem Grund sieht auch Rocco Capurso seinen Remstal-Markt Mack in Endersbach „eher auf der Sonnenseite der Krise“. „Nein“, stellt er klar, „selbstverständlich freut sich niemand über die Corona-Pandemie“, aber er sei froh und dankbar, dass er seine Mitarbeiter weiter beschäftigen und die Umsätze halten konnte. Dies sei allerdings nicht von allein geschehen, betont er. Die Kunden hätten ihrem Markt unverbrüchlich die Treue gehalten. Um ihnen wie auch den Mitarbeitern ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln, habe er „richtig Geld in die Hand genommen“, für Plexiglasscheiben, für Masken, dafür, dass jede Nacht der Markt gründlich desinfiziert wurde. Natürlich sei auch die Warenbeschaffung ein großes Thema gewesen. Und selbstverständlich, betont Capurso, werde die Steuersenkung an den Kunden weitergegeben. Davon könne sich jeder an den Regalen überzeugen, an denen die neuen Preisschilder angebracht seien. Sorge bereite ihm allerdings die Aussicht auf eine neue Preisschlacht, zu der die großen Discounter bereits angetreten seien. Und es sei zu befürchten, dass dabei ethische Kriterien wie Tierwohl, Nachhaltigkeit, Regionalität ins Hintertreffen gerieten. „Das würde niemandem guttun“, so Capurso.

Schuhhaus Plieninger: „Leben mit angezogener Bremse“

Die Vermutung, dass diese Preisschlacht bereits in vollem Gang ist, legt zumindest ein Blick auf die Internetpräsenzen der Supermarktketten nahe. So verkündet Rewe: „Wir haben bei vielen Produkten die Preise gesenkt. Und zwar mehr als nur die Mehrwertsteuersenkung!“ Bei Aldi heißt es: „Wir geben die niedrigeren Steuersätze 1:1 weiter und setzen zusätzlich und freiwillig noch bis zu ein Prozent drauf.“

Auch Wilhelm Plieninger, seit 1961 Eigentümer des Waiblinger Schuhhauses Plieninger, reduziert die Preise entsprechend der Steuersenkung. Er hofft vor allem darauf, dass „vielleicht wieder eine glückliche Zeit kommt, in der die Menschen ohne Masken einkaufen gehen können“. Er sei froh und dankbar, dass sein Geschäft geöffnet sei, „aber im Augenblick leben wir alle wie mit angezogener Bremse“. Es sei für den Einzelhandel eine harte Zeit, wie er sie noch nie erlebt habe. Man müsse dankbar dafür sein, dass der Kunde überhaupt wieder in die Waiblinger Innenstadt komme, in ihr spaziere und neu entdecke, welche Freude das Einkaufen am Ort bereite, wie viel Lebensart verlorengehe, wenn dies mal nicht mehr möglich sein sollte.

„Das mit der Mehrwertsteuersenkung zum 1. Juli ist so“, sagt ein Waiblinger Gastronom und Konzertveranstalter: „Ich bezahle jetzt weniger Umsatzsteuer auf die Einnahmen, die ich wegen der Corona-Krise nicht habe, und kann die dann mit den Investitionen verrechnen, die mir wegen fehlender Mittel nicht möglich sind.“

Seinen Namen möchte der Unternehmer nicht in der Zeitung lesen. So negativ wie er beurteilen andere Waiblinger Geschäftsleute die aktuelle Maßnahme aus Berlin allerdings

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