Waiblingen

Projekt beendet: Kein Parkplatzlotse für P+R-Anlagen

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Bosch entwickelt die Parksensoren nun doch nicht weiter. Foto: Bosch © Bosch

Waiblingen/Stuttgart. Nach dem Motto „Operation erfolgreich, Patient tot“ wird ein Pilotprojekt im Rems-Murr-Kreis beerdigt, das Autofahrer zu freien Stellplätzen auf den P+R-Anlagen führen sollte. Bosch wird die Technik mit den im Boden eingelassenen Sensoren nicht zur Serienreife weiterentwickeln, teilt das Unternehmen auf Anfrage mit.

Die Idee erschien verlockend. Autofahrern sollte per App der Weg zu freien Parkplätzen auf den P+R-Anlagen entlang der S-Bahnlinien 2 und 3 gewiesen werden. Auf 15 Anlagen wurde rund 2500 Sensoren installiert, die freie Plätze meldeten. Der Verband Region Stuttgart, mit dem die Robert Bosch GmbH das Projekt betrieben hat, erhoffte sich im Herbst vergangenen Jahres durch die Echtzeitinformation neue Erkenntnisse für ein regionales Park+Ride-Konzept. Anfang 2017 sollte das Pilotprojekt in den regulären Betrieb gehen.

Wer jedoch heute nach der versprochenen App oder auf der Internetseite des VVS nach freien Parkplätzen sucht, sucht vergeblich. Im November wird das auf zwei Jahre angelegte Projekt beendet. Ist es gescheitert? Nein, versichert Annett Fischer, Pressesprecherin der Robert Bosch GmbH. Es sei erfolgreich abgeschlossen worden. Doch Bosch verfolge die Sensortechnik nicht weiter. Für eine Großserie sei der Aufwand zu hoch. Bosch setze bei der Parkplatzsuche auf eine andere Technik, das „Community based parking“, für die die Mercedes S-Klasse bereits Daten liefert (siehe unten „Parkplatzsuche leicht gemacht“).

„Ab 8 Uhr sind die Parkplätze sowieso immer voll“

Der Sinn und Zweck der Sensoren auf P+R-Anlagen war von umstritten: „Für mich ist das völliger Blödsinn“, schrieb eine Leserin unserer Online-Ausgabe zu dem Pilotprojekt: „Ab 8 Uhr sind die Parkplätze sowieso immer voll.“ Echtzeit hin, Echtzeit her: Mehr Stellplätze kann eben auch die beste App nicht herbeizaubern. Und tatsächlich zeigt der Blick auf die VVS-Homepage zu den Belegungsfrequenzen der rund zwei Dutzend größeren P+R-Anlagen, dass vor allem die Gebührenfreien werktags ab 8 Uhr komplett belegt sind und – wie beispielsweise in Schwaikheim – auch die Zufahrtsstraßen von Pendlern zugeparkt werden. „Bei uns kriegst du keinen Parkplatz mehr auf der Gass’“, meint eine Anwohnerin über die prekäre Parkplatzsituation. Dies liege auch, aber nicht nur am nahe gelegenen S-Bahnhof.

Aus Sicht der Internet-Zeitschrift „Golem – IT-News für Profis“ hat sich das Konzept als Fehlschlag erwiesen. Firmensprecher Jörn Ebberg erklärte auf Anfrage von Golem, dass die Detektionsergebnisse offenbar nicht gut genug waren. „Wir haben damit nicht die Qualitätsansprüche von Bosch erfüllen können. Um das mit entsprechender Marktreife zu erreichen, wäre unverhältnismäßiger Entwicklungsaufwand nötig“, so Ebberg. Zwar werde das Pilotprojekt bis Ende November noch fortgeführt, jedoch sollen die Daten - anders als geplant - nicht im Verkehrsverbund Stuttgart (VVS) zur Verfügung gestellt werden.

Auch Siemens scheiterte

Auch Siemens ist mit einem ähnlichen Projekt auf die Nase gefallen. In Berlin sollten mit einem von der Bundesregierung gefördertes Pilotprojekt Radarsensoren, die an Lichtmasten installiert wurden, die Belegung von Ladestationen für Elektroautos kontrolliert und angezeigt werden. Doch die Fehlerrate war zu hoch.

Der Verkehrsverbund Stuttgart hat seine Hausaufgaben gemacht und eine Schnittstelle zur VVS-App geschaffen, betont VVS-Geschäftsführer Horst Stammler. Bloß fehlen nun die Daten. Lediglich das Parkhaus Österfeld könne derzeit mit Echtzeit-Daten seiner Belegung dienen. Geplant sei, auch die Parkhäuser Degerloch und Bietigheim anzuzeigen. Der VVS halte am Ziel fest, die Autofahrer möglichst umfassend über Parkmöglichkeiten an den P+R-Anlagen zu informieren.

Neue Parkkonzepte entwicklen - aus den gewonnenen Erfahrungen

Der Verband Region Stuttgart wertet das Modellprojekt ebenfalls nicht als Fehlschlag. Der Betrieb auf Basis der installierten Bosch Parkplatz-Belegungssensoren während der verbleibenden Projektlaufzeit werde dafür genutzt, grundlegende Echtzeitbelegungsdaten zur Verbesserung der Datengrundlagen zu ermitteln. „Gleichzeitig werden aus der gewonnenen Erfahrung neue innovative Parkkonzepte entwickelt“, teilt die Region auf Anfrage mit. Die ermittelten Daten werden den beteiligten Projekt-Städten zur Auswertung überlassen. „Damit bekommen sie erstmals einen exakten Aufschluss über die Belegung ihrer P+R-Flächen, und zwar über einen längeren Zeitraum“.

Diese Daten seien insofern erhellend, da bisher bei Stichprobenerhebungen immer nur punktuell „gezählt“ wurde, nun aber präzise Daten für Tages- und Wochenverläufe zur Verfügung stehen werden. Auf dieser Grundlage können zum Beispiel Spitzen- oder Schwachlastzeiten, beispielsweise bei Fußballspielen oder dem Volksfest auf dem Cannstatter Wasen, minutenscharf bestimmt werden. Auch ein möglicher Bedarf an weiteren Plätzen ließe sich daraus ableiten. Die meisten P + R-Plätze sind im Besitz von Städten und Gemeinden sowie Dritten („Bahntöchter“). Insgesamt gibt es 224 P+R-Anlagen an 115 Haltestellen mit 17 500 Plätzen im Gebiet der Region. Derzeit sind 1000 zusätzliche P+R-Plätze in der Region in Planung.

Finanziell bleibe im Übrigen an der Region nichts hängen. Das Pilotprojekt wurde aus Fördergeldern des Landes („Nachhaltige Modellregion Stuttgart“) finanziert. Die Firma Bosch erhält daraus die Fördersumme, die der erbrachten Leistung entspricht.

Lesen Sie hier weiter: So parken wir in der Zukunft

P+R-Plätze sind knapp. Vor allem die kostenlosen Anlagen sind begehrt – und tagsüber meist belegt. Im Rems-Murr-Kreis gibt es über 50 Park + Ride-Anlagen von vier Parkplätze in Rudersberg-Nord bis 327 Plätze im Parkhaus Waiblingen. Die Auslastung zur Spitzenzeit reicht von 25 bis 35 Prozent in Burgstall, Murrhardt und Michelau bis zu 100 Prozent in Grunbach, Stetten-Beinstein, Schwaikheim, Waiblingen und Winterbach.

Vor dem Hintergrund drohender Fahrverbote in der Landeshauptstadt Stuttgart ist der Umstieg vom Auto auf die S-Bahn ein drängendes Problem. Wer umsteigen und sein Auto stehenlassen will, braucht jedoch einen freien Parkplatz in S-Bahn-Nähe. Wer auch beim zweiten Feinstaubalarm keinen freien Parkplatz findet und morgens vergeblich seine Runden dreht, wird am dritten Alarmtag den Appell, bitteschön Busse und Bahnen zu benutzen, in den Wind schreiben.

Der VVS bietet auf seiner Homepage eine Übersicht über sämtliche P+R-Anlagen in der Region an, darunter die von mehr als 50 im Rems-Murr-Kreis. Außer der Anzahl der Plätze und die Auslastung im Tagesverlauf informiert die Seite www.vvs.de über die genaue Lage und Gebühren (Rundum mobil/Park + Ride).