Waiblingen

Psychische Folgen von Corona: Therapiebedarf bei Kindern steigt stark

Psyche der Jüngsten
Schon bei den Jüngsten nehmen depressive Verstimmungen und Angststörungen zu. © pixabay

Ein Kleinkind, das plötzlich aggressiv reagiert. Eine 14-Jährige, die sich in ihrem Zimmer verschanzt und kaum mehr isst. Das sind nur zwei von vielen Beispielen, die Ruth Adam Sorgen machen. Zusammen mit Julia Fohr betreibt sie eine Praxis für Kinder- und Jugendmedizin in Fellbach. Die Ärztinnen haben eine Petition gestartet und fordern Präsenzunterricht ohne Präsenzpflicht für alle Grundschulklassen und alle Klassen der weiterführenden Schulen sowie die Öffnung von Sportstätten, Musikschulen und anderen kultureller Bildungseinrichtungen für alle Kinder und Jugendlichen mit angemessenem Hygienekonzept.

Die Medizinerinnen unterschätzen die Gefahren einer Covid-19-Erkrankung nicht. Dennoch glauben sie, dass gerade bei Kindern und Jugendlichen die Kollateralschäden inzwischen größer sind als die Risiken einer Erkrankung. Fast jedes dritte Kind leidet ein knappes Jahr nach Beginn der Pandemie unter psychischen Auffälligkeiten, ist das Ergebnis der COPSY-Studie (Corona und Psyche), die vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf durchgeführt wurde. „Die sozialen Kontakte fehlen massiv, ebenso wie der Stressabbau über den Sport“, sagt Adam. Immer häufiger wird sie in der Praxis mit psychosomatischen Beschwerden wie Bauch- und Kopfschmerzen konfrontiert. Die Sprachkompetenz vieler Kinder habe deutlich abgenommen, das Gewicht dagegen häufig zugenommen. Besonders schlimm seien die Auswirkungen in Familien, in denen es schon vor Beginn der Pandemie Probleme gegeben habe.

Die Ärztinnen hatten sich zunächst mit Briefen an die Landesregierung gewandt. Nun haben sie zusätzlich eine Petition gestartet und dafür viel Zuspruch erhalten. Viele ihrer Kollegen machten ähnliche Beobachtungen, ebenso wie Kinder- und Jugendpsychiater, berichtet Ruth Adam.

Zukunftsängste und Depressionen

Der Therapiebedarf steigt, bestätigt Birgit Meixner, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin mit Praxis in Waiblingen. In der Woche erreichten sie seit dem Herbst etwa so viele Anfragen wie früher im ganzen Monat. Vor allem Angststörungen und Depressionen nähmen zu oder verstärkten sich. Erfolgreich begonnene Behandlungen stagnierten, weil die Weiterentwicklung fehle, wenn Kinder und Jugendliche hauptsächlich zu Hause seien. „Jugendliche entwickeln Zukunftsängste und können sich nur schwer vom Elternhaus lösen, weil der Kontakt zu Gleichaltrigen fehlt“, beschreibt Meixner. Einer kleineren Gruppe ihrer jungen Patienten, die unter sozialen Phobien leide, komme die Isolation zwar entgegen, doch Meixner befürchtet, dass es für diese Kinder doppelt schwer werden wird, irgendwann in den Alltag zurückzufinden.

Auch ihr Arbeitsalltag ist durch Corona schwieriger geworden. Birgit Meixner führt fast alle Gespräche persönlich, greift nur in Ausnahmefällen wie etwa bei einer Quarantäne auf digitale Kommunikationskanäle zurück. Doch der emotionale Ausdruck ist durch das Tragen einer Maske gestört. „Es ist paradox“, sagt Meixner, „Psychotherapie braucht Nähe und Nähe ist gerade etwas Bedrohliches.“ Sie hofft sehr, dass Impfungen bald Entlastung und mehr Normalität für alle bringen. Bis dahin sei es wichtig, dass die Erwachsenen die Hoffnung nicht verlieren und diese weitergeben: „Die Kinder leben von dieser Hoffnung.“

Folgen der Pandemie werden Beratungsstellen lang beschäftigen

Bei der Beratungsstelle für Familien und Jugendliche des Kreisjugendamts steigt die Nachfrage nach Beratung nicht, das liegt laut Fachbereichsleiterin Daniela Schwitzer aber vermutlich auch daran, dass vielen Familien wegen geschlossener Schulen die Zeit fehle, um die Beratung wahrzunehmen.

„Wir beobachten einen Anstieg psychischer Auffälligkeiten vor allem bei Kindern und Jugendlichen ab der Sekundarstufe“, sagt Schwitzer. Oft seien es bereits vorhandene Probleme, die sich verschärften, darunter Angststörungen, Essstörungen, Zwänge und depressive Verstimmungen. Besonders betroffen seien Kinder und Jugendliche in sogenannten Übergängen, also dem Wechsel in bedeutsame neue Lebensabschnitte wie beispielsweise die Einschulung oder der Wechsel vom Schul- ins Berufsleben. Hinzugekommen seien vereinzelt auch „coronaspezifische“ Auffälligkeiten, wie die Sorge, gesundheitlich vorbelastete Angehörige anzustecken.

Daniela Schwitzer und ihre Kollegen befürchten, dass die Folgen der Pandemie sich noch lange auf die Arbeit der Beratungsstellen auswirken und rechnen mit einem anhaltend höheren Bedarf an Unterstützung für Familien und junge Menschen. Neben psychischen Auffälligkeiten sei davon auszugehen, dass sich die langen Schulschließungen negativ auf die Schulleistungen auswirken werden, was wiederum zu Versagensängsten oder Problemen mit dem Selbstwertgefühl führen könne. Lernlücken, aber auch Unsicherheit beim Miteinander in Kontakt sein, der Verlust des Arbeitsplatzes oder die Angst davor würden die Stressbelastung in Familien sich noch lange hochhalten.

Ein Kleinkind, das plötzlich aggressiv reagiert. Eine 14-Jährige, die sich in ihrem Zimmer verschanzt und kaum mehr isst. Das sind nur zwei von vielen Beispielen, die Ruth Adam Sorgen machen. Zusammen mit Julia Fohr betreibt sie eine Praxis für Kinder- und Jugendmedizin in Fellbach. Die Ärztinnen haben eine Petition gestartet und fordern Präsenzunterricht ohne Präsenzpflicht für alle Grundschulklassen und alle Klassen der weiterführenden Schulen sowie die Öffnung von Sportstätten,

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