Waiblingen

Psychodrama in der Prärie

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Bei der Begrüßung sind alle noch halbwegs freundlich. Von links: Jana Kirsch, Günter Neumann, Angelika Maurer, Matthias Rösler, Gitta Reinicke, Christina Küver. © Jamuna Siehler

Waiblingen. Theater, das unter die Haut fährt, bringt die Kunstschul-Truppe Remskiesel am Freitag und Samstag auf die Bühne des Kulturhauses Schwanen. „August: Osage County“ von Tracy Letts ist das erbarmungslose Drama einer von Alkohol, Neid und Kommunikationsunfähigkeit zerrütteten Familie – wahrlich nichts für Zartbesaitete.

Video: Theater Remskiesel

„Remskiesel“, der Name des Ensembles klingt so beschaulich, so lieb und nett und remstalheimelig. Man sollte sich davon nicht täuschen lassen, denn das aktuelle Stück geht ziemlich zur Sache, auch in Sachen Ausdrucksweise. Die über zehn Jahre gewachsene und gereifte Truppe hat sich einer Herausforderung gestellt, die über das für Amateurtheater Übliche hinausreicht. Obwohl es sich hier weitgehend um Sprechtheater handelt, kann sich kein Akteur hinter dem Text verstecken. Emotion, Gestik und Mimik sind in besonderem Maße gefragt. Und tatsächlich zuckt der Zuschauer ganz real vor Schreck zusammen, wenn die divenhafte, krebskranke und tablettensüchtige Mutter Violet Weston (Angelika Maurer) sich in einem glaubwürdigen Wutanfall austobt. Und wenn ihr Tochter Barbara (Jana Kirsch) ebenbürtig Paroli bietet, fliegen beim Leichenschmaus zu Vaters Ehren richtig die Fetzen. Regisseur Clemens Schäfer schwärmt über so viel „schauspielerische Energie“, die in der Szene zur Detonation kommt. Nebenbei wird manches sorgsam gehütete Familiengeheimnis gelüftet. Theater als körperliche Erfahrung.

Ein reiches Feld für den Regie führenden Familientherapeuten

Das Psychodrama aus der Prärie von Oklahoma lief bis seit 2015 auch am Stuttgarter Staatstheater, dort von Profis gespielt. 2013 kam es als Film mit Meryl Streep, Julia Roberts, Sam Shepard und Ewan Mc Gregor in die Kinos. Ganz so wuchtig wie die Staatstheater-Inszenierung wird die in Waiblingen nicht, denn Regisseur Clemens Schäfer hat die Handlung von dreieinhalb auf zwei Stunden heruntergekürzt. Gesehen hat er weder die Staatstheater-Fassung noch den Film – ganz bewusst nicht. „Wir wollten uns die Szenen auf eigene Weise erarbeiten.“ Ansonsten wäre die Versuchung wahrscheinlich zu groß geworden, sich an Bewährtes anzulehnen. Die Remskiesel haben ihre Heterogenität, die Mischung aus erfahrenen und weniger erfahrenen Darstellern, zur Tugend gemacht.

Weil der Vater Beverly Weston eines Tages spurlos verschwindet, was sich später als Selbstmord erweist, finden sich die Töchter mit ihren Familien im Haus der Eltern ein. Mitten in der Prärie, über die eine Tochter sagt: „Sie ist eine Art Bewusstseinszustand, ein seelisches Leiden.“ Es gibt (ehemalige) Dichter in der Familie, auch Hochschullehrer, man ist in der hohen Literatur zu Hause, doch das Sprechen über eigene Gefühle und das Verständnis für die der anderen gelingt nicht. Ein spannender Fall für Regisseur Clemens Schäfer, der für das Jugendamt Stuttgart als systemischer Familientherapeut arbeitet und so manches Muster aus der Realität wiederentdeckt, das hier „par excellence“ vorgeführt werde: Empathielosigkeit, Kontaktunfähigkeit, Erwartungshaltungen und unterschiedliche Wahrnehmungen, die den Generationenkonflikt zwischen Mutter und Töchtern befeuern. Symptomatisch für die Umgangsformen in der Familie ist die Übergriffigkeit in den Bereich des jeweils anderen, die auch körperlich wird. Ob der Haushälterin ein Buch weggeschnappt oder der Enkelin der Busen begrapscht wird.

Zwei Aufführungen

Das Amateurtheater Remskiesel der Kunstschule Unteres Remstal präsentiert am Freitag, 15. Juli, und Samstag, 16. Juli, jeweils von 20 Uhr an die Tragikomödie von Tracy Letts „August: Osage County – Eine Familie“ im Kulturhaus Schwanen.

In den Rollen: Violet Weston (Angelika Maurer), Barbara Fordham (Jana Kirsch), Bill Fordham (Matthias Rösler), Jean Fordham (Christina Küver), Ivy Weston (Katy Moser), Karen Weston (Sabine Wolf), Mattie Fae Aiken (Gitta Reinicke), Charlie Aiken (Günter Neumann), Johnna Monevata (Sabine Kögel-Schlecker), Sheriff Marie Gilbeau (Kristine Beck), Steve Heidebrecht (Andreas Krohberger).

Regie: Clemens Schäfer, Technik: Bertold Becker und Hanno Schupp, Bühne: Egmont Pflanzer.

Der Eintritt kostet an der Abendkasse 13 Euro, ermäßigt neun Euro. Reservierung für die Abendkasse (AK-Preis): 0 71 51/50 01-17 05.