Waiblingen

Räuberische Erpressung in Waiblingen: Warum 20-Jähriger nicht ins Gefängnis muss

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Symbolfoto. © Benjamin Büttner

Weil er zusammen mit einem anderen einen 63-Jährigen angegriffen und ihm das Pedelec gestohlen hat, stand ein 20-Jähriger vor dem Amtsgericht Waiblingen. Wegen gemeinsamer räuberischer Erpressung ist er zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden, obwohl er zur Tatzeit bereits auf Bewährung war. Warum das Gericht so entschieden hat.

Sein Bild von dem 20-jährigen Angeklagten sei zwiespältig, sagte Richter Martin Luippold bei der Verhandlung. Drei Eintragungen im Bundeszentralregister hatte der junge Mann bereits vorzuweisen – unter anderem wegen gemeinsamen Raubes und gefährlicher Körperverletzung sowie Angriffs und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte.

Opfer arbeitet bei der Polizeibehörde

Die jüngste Tat ereignete sich Anfang September vergangenen Jahres – als der junge Mann noch auf Bewährung war. Ziel des Angriffs des Angeklagten und eines weiteren, bisher nicht identifizierten Täters war ein 63-jähriger Mitarbeiter der Waiblinger Polizeibehörde. Er war um Viertel vor sieben Uhr mit seinem Pedelec auf dem Weg zum Dienst.

Als er durch die Unterführung bei der Neuen Rommelshauser Straße fuhr, kamen ihm zwei junge Männer entgegen. Er klingelte, um auf sich aufmerksam zu machen, woraufhin ihm eine Getränkedose oder -flasche entgegengeschleudert wurde, wie der Mann vor Gericht schilderte. Dadurch sei er erschrocken und habe sich verschaltet. Der Motor sei ausgegangen, er habe angehalten, woraufhin sich die beiden jungen Männer sofort auf ihn stürzten.

Der Angeklagte habe das Pedelec festgehalten, sein Begleiter ihn am Kragen gepackt und ins Gesicht geschlagen, so dass er seine Brille verlor.

Der Angeklagte habe ihn aufgefordert, abzusteigen und das Rad herauszugeben. Als dieser sich ihm bedrohlich näherte, sei er der Aufforderung gefolgt. Lediglich seinen Rucksack habe er aus den Satteltaschen genommen: Darin befinde sich sein Vesper, das brauche er noch, habe er erklärt. Er habe daraufhin seine Brille aufgehoben und sich schnell entfernt.

Festnahme nach Zufallsbegegnung

Die von der Mitarbeiterin eines nahen Ladengeschäfts alarmierte Polizei fahndete daraufhin vergebens nach den Tätern, das Rad im Wert von 800 Euro ist bis heute unauffindbar. Den Angeklagten entdeckte der Überfallene dagegen, als er einen Monat später privat in Waiblingen unterwegs war. Er rief per Handy die Polizei herbei und verfolgte den jungen Mann, so dass er auf dem Alten Postplatz festgenommen werden konnte.

Der Angeklagte räumte ein, dass die Tat so abgelaufen sein könnte. Er selbst habe allerdings keine Erinnerung mehr daran, da er die Nacht durchgezecht habe und betrunken gewesen sei.

Scheidung der Eltern und späterer Tod des Vaters prägen Heranwachsenden

Ein tiefgreifender Einschnitt in seinem Leben, so berichtete der 20-Jährige dem Gericht, habe die Scheidung seiner Eltern dargestellt. Dennoch habe er im zweiten Anlauf den Hauptschulabschluss geschafft, sei dann aber an der Berufsschule gescheitert. Stattdessen rutschte er in ein vor allem von Alkohol geprägtes Leben ab. Er kam wiederholt mit dem Gesetz in Konflikt.

Nach dem überraschenden Tod des Vaters, zu dem er ein sehr gutes Verhältnis hatte, versuchte eine Verwandte, ihn unter ihre Fittiche zu nehmen. Sie beschaffte ihm einen Ausbildungsplatz, ordnete seine finanziellen Verhältnisse und bemühte sich, sein Leben in geordnete Bahnen zu lenken. Allerdings brach ihr Schützling die Ausbildung nach einem halben Jahr wieder ab, seitdem lebt er von dem Erbe, das sein Vater ihm hinterlassen hat.

Auch Staatsanwaltschaft für Jugendstrafrecht

Die Vertreterinnen der Staatsanwaltschaft und der Jugendgerichtshilfe, wie auch der Bewährungshelfer und der Verteidiger, Rechtsanwalt Marko Becker, legten dem Gericht nahe, den Angeklagten als Heranwachsenden nach dem Jugendstrafrecht zu verurteilen.

Das Gericht verhängte gegen den jungen Mann, unter Einbeziehung einer vorangehenden Verurteilung, eine einjährige Freiheitsstrafe. Die Strafe wurde auf zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. In dieser Zeit bleibt er der Aufsicht seines Bewährungshelfers unterstellt. In den nächsten vier Monaten hat er 60 Stunden gemeinnütziger Arbeit zu leisten und drei Beratungstermine bei einem Suchtberater wahrzunehmen.

Was das Gericht dem Angeklagten zugutehält

Für den Angeklagten spreche, begründete Richter Luippold die Entscheidung des Gerichts, dass er den Tatablauf eingeräumt und sich bei dem Überfallenen entschuldigt habe. Diesem sei kein finanzieller Schaden entstanden, da die Versicherung ihn für den Verlust des Pedelecs entschädigte. Zugutehalten müsse man ihm auch, dass er sich nach eigenen Angaben darum bemühe, Bewerbungen für einen Ausbildungsplatz zu schreiben.

Aufgrund seines bisherigen Lebens und der Brüche darin sei die Anwendung des Jugendstrafrechts „evident richtig“. Da er seit dem Vorfall im vergangenen September strafrechtlich nicht mehr aufgefallen sei, sei „eine vorsichtig positive Prognose“ möglich. Allerdings sei der Angeklagte „noch lange nicht über den Berg“.

„Nehmen Sie jede Hilfe an, die Sie kriegen können“, so der Rat des Richters an den 20-Jährigen. Dieser und sein Rechtsanwalt verzichteten wie auch die Staatsanwaltschaft auf Rechtsmittel. Das Urteil ist damit rechtskräftig.

Weil er zusammen mit einem anderen einen 63-Jährigen angegriffen und ihm das Pedelec gestohlen hat, stand ein 20-Jähriger vor dem Amtsgericht Waiblingen. Wegen gemeinsamer räuberischer Erpressung ist er zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden, obwohl er zur Tatzeit bereits auf Bewährung war. Warum das Gericht so entschieden hat.

Sein Bild von dem 20-jährigen Angeklagten sei zwiespältig, sagte Richter Martin Luippold bei der Verhandlung. Drei Eintragungen im Bundeszentralregister

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