Waiblingen

Radfahrer rast in Rentnerin

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Symbolbild. © ZVW/Sarah Utz

Waiblingen/Korb. In den Korber Weinbergen raste am 4. März ein junger Mountainbiker in eine Rentnerin, die dabei mehrere schwere Frakturen erlitt, darunter ein Trümmerbruch des linken Unterarms, ein Bruch des rechten Arms und der Nase. Gestern stand der Radler wegen fahrlässiger Körperverletzung vor Gericht. Der depressive junge Mann zeigte sich reumütig, so dass er mit einem Schmerzensgeld in Höhe von 300 Euro und 30 Arbeitsstunden in einer gemeinnützigen sozialen Einrichtung davonkam.

Das Opfer, eine Rentnerin aus Leutenbach, leidet noch heute unter den Folgen des schweren Unfalls. Den rechten Arm stabilisiert eine geschraubte „Metallstange“, wie sie sagt, „mit dem Arm kann ich nicht viel anfangen. Das dauert, wenn es überhaupt wieder heilt“. Im linken Unterarm erlitt sie bei dem Aufprall einen Trümmerbruch. Mit einer Metallplatte wird diese wieder heilende Frakturstelle gestützt. Neben einer gebrochenen Rippe und einem Nasenbeinbruch hatte sich die Frau auch eine Gesichtsverletzung zugezogen. „Die Folgen sind erheblich“, fasste der Richter zusammen. Er zog in seinem Urteil indes strafmildernd in Betracht, dass sich der junge angeklagte Korber Erich K. (Namen von der Redaktion geändert), der seit längerer Zeit unter Depressionen leidet, reumütig zeigte.

Radler ist reumütig

Der 24-Jährige war an besagtem Tag zum ersten Mal seit eineinhalb Jahren mit seinem Mountainbike wieder unterwegs. „Ich musste meinen Körper in Schwung bringen. Ich war zum ersten Mal seit längerer Zeit an der frischen Luft.“ Auf allen drei Köpfen tobte er sich mit seinem Fahrrad aus und bretterte in den Weinbergen gegen 14 Uhr in Richtung Ortsmitte. „Um meine Probleme zu vergessen“, wie er sagt. „Ich wusste auch nicht, wie die Bremsen reagieren. Ich habe erst 100 Meter vor mir die Fußgänger gesehen, geklingelt und sofort gebremst, aber ich habe die Bremse unterschätzt.“ Erst 50 Meter vor den Spaziergängern drückte er so fest auf den Hebel, dass 20 bis 30 Meter vor der Unfallstelle auf dem Wirtschaftsweg eine Bremsspur zurückblieb.

„Ich hätte viel langsamer fahren müssen“, sagte Erich gestern vor dem Waiblinger Amtsgericht reumütig, „aber ich habe seit eineinhalb Jahren zum ersten Mal wieder ein Fahrrad benutzt. Ich wusste nicht, ob ich nach rechts oder nach links fahren sollte, als ich die Personen sah.“ Mit der Schulter prallte er gegen die Rentnerin und erlitt selber eine Platzwunde und eine Gehirnerschütterung. „Ich habe mich entschuldigt, aber ich war nicht richtig bei der Sache. Ich wusste nicht, wie ich mit der Frau reden sollte. Das tut mir weh.“ Offenbar hatte sich die Frau vor ihm erst nach links, dann nach rechts bewegt.

60 km/h? „Nie im Leben!“

Als der 24-Jährige im Gerichtssaal angab, er sei auf der Strecke wohl mit 60 bis 70 Stundenkilometern unterwegs gewesen, grätschte sein Rechtsanwalt dazwischen: „Nie im Leben!“ Auch der Richter befand, das vom Angeklagten geschätzte Tempo 60 km/h sei übertrieben. Er gehe auf dem Weinbergweg von 40 km/h aus.

Der Temporausch, das Gefühl, wie ihm der Fahrtwind ins Gesicht blies, haben den jungen Mann offensichtlich die Gefahren vergessen lassen und ihm die Kontrolle über das Bike geraubt. Von „Adrenalin-Rausch“ sprach der Richter gestern. Bislang hat sich Erich, der sich als Bafög-Empfänger an einer Schule zum Grafik-Designer ausbilden lässt, indes nichts zu Schulden kommen lassen. Es liegen keine Einträge im Bundeszentralregister vor. Der Anregung des Opfers, Ernst möge zur Strafe soziale Arbeit ableisten, statt Schmerzensgeld zu zahlen, folgte der Richter nicht ganz. Das Urteil: Zu entrichten hat der Biker 300 Euro Schmerzensgeld in sechs Monatsraten, und er muss 30 Arbeitsstunden in einer gemeinnützigen sozialen Einrichtung ableisten.

Ist diese strafrechtliche Schuld abgegolten, wird das Gerichtsverfahren eingestellt. Über die Höhe des eigentlichen Schmerzensgeldes, das der Rentnerin aus Leutenbach zivilrechtlich zusteht, wird im Benehmen mit deren Rechtsanwalt die Versicherung des Radlers entscheiden.

Schmerzensgeld

Im Zivilrecht finden zum Schmerzensgeld die Regelungen des Bürgerlichen Gesetzbuches Anwendung. In Zusammenhang mit der Schmerzensgeldtabelle und der Körperverletzung ist hier § 253 BGB entscheidend.

Ist wegen einer Verletzung des Körpers, der Gesundheit, der Freiheit oder der sexuellen Selbstbestimmung Schadensersatz zu leisten, kann eine faire Entschädigung in Geld gefordert werden.