Waiblingen

Rathaus Waiblingen-Neustadt vor Abriss: Sorge vor einem "zweiten Balaton-Areal"

Rathaus Neustadt
Das Neustädter Rathaus aus dem Jahre 1966 wird in den nächsten Wochen und Monaten geräumt. © Gabriel Habermann

Der Abbruch des Rathauses in Neustadt ist beschlossene Sache. Ortsvorsteherin Daniela Tiemann und ihr Team sitzen quasi auf gepackten Koffern, denn Ende des Monats Mai zieht die Ortschaftsverwaltung um in ihr Interimsquartier in den Räumen der Volksbank. Die Vorfreude auf eine neue Ortsmitte, die in den nächsten Jahren an Ort und Stelle entstehen soll, wird derzeit noch etwas überschattet von der Sorge, es könnte zu einer länger währenden Brache kommen wie auf dem berühmt-berüchtigten Balaton-Areal auf der anderen Seite der Neustadter Hauptstraße.

Bei der entscheidenden Sitzung des Gemeinderats war es Urs Abelein (SPD), der darauf pochte, dass das alte Rathaus erst abgerissen wird, wenn der Neubau wirklich gesichert ist, sprich: die Ver,träge unterzeichnet sind. „Sonst kann ich auf keinen Fall die Verantwortung übernehmen.“ Die Unzufriedenheit über den Zustand des Balaton-Areals, die jahrelange Wüstenei in bester Ortsmitte-Lage am Standort des ehemaligen Tanzlokals treibt die Neustädter um. „Ein zweites Balaton-Areal darf es nicht geben“, sagt auch CDU-Chef Peter Abele.

Schienmann: Restrisiko lässt sich nie ganz ausschließen

Dass der Abbruch erst erfolgt, wenn die Verträge in trockenen Tüchern sind, sicherte Baubürgermeister Dieter Schienmann zu. Aber ein gewisses Restrisiko lasse sich nicht zu 100 Prozent ausschließen. Rein theoretisch sei durch unabsehbare Entwicklungen ein Rückzug eines Investors auch nach Vertragsabschluss möglich. Vereinbart ist, dass die Stadt das Gelände baureif übergibt.

Zur Erinnerung, so kam es zur Brache auf dem Balaton-Areal, wo einmal ein Pflegeheim geplant war: Wiederholte Verzögerungen hatten Zweifel an der Zusammenarbeit mit dem Deutschen Roten Kreuz Stuttgart aufkommen lassen. Als das DRK beim Notartermin überraschend eine veränderte Investorengesellschaft präsentierte, war für den Ortschaftsrat das Maß voll. Stattdessen ging er eine Neuplanung an, die das Areal des Rathauses mit einbezog. Alles das nahm Zeit in Anspruch, aber zu früh wurde das Balaton wohl nicht abgebrochen. „Es würde heute wohl nicht mehr stehen“, meint die Ortsvorsteherin, „denn für den Abbruch sprachen verschiedene Gründe.“ Tatsächlich bot das baufällige Gebäude keinen erfreulichen Anblick.

Archäologen sondieren am Rathaus-Platz

Die Vertragsverhandlungen mit dem Investor PQ Planquadrat Stuttgart, der das Rathaus- und das Balaton-Areal bebauen soll, befinden sich auf der Zielgeraden. Im Sommer werden Archäologen im Auftrag des Landesdenkmalamts den Rathausplatz untersuchen, wo sich früher einmal die Alte Kelter befand. Für die betroffenen Nutzer des Rathaus-Gebäudes wurden andere Unterbringungen organisiert: Mieter, Friseur und Vereine sind nach Angaben der Stadt anderweitig untergebracht und bereits ausgezogen.

Neues Wohngebiet auf dem Balaton-Areal

Das Rathaus war im Jahr 1966 zeittypisch in Massivbauweise, zum Großteil in Sichtbeton, erstellt. Das viergeschossige Gebäude steht auf versetzten Ebenen in Hanglage und beinhaltet rund 7000 Kubikmeter umfassten Raum. Mit dem Beginn der Abbrucharbeiten, die voraussichtlich etwa 450 000 Euro kosten, rechnet die Stadt für Herbst 2022. Sie werden wohl rund zwei Monate dauern. Die Ortsvorsteherin hofft auf einen Baustart im Sommer 2023, wobei das neue Wohngebiet auf dem Balaton-Areal einerseits und das Pflegeheim mit Rathaus-Räumen andererseits dann zeitlich mehr oder weniger parallel errichtet werden sollen. Realistisch wäre aus heutiger Sicht eine Fertigstellung im Jahr 2026, wobei angesichts der Situation der Baubranche mit ihren Materialengpässen alle Prognosen mit Vorsicht zu genießen sind.

Keine Frage, mit dem Rathaus Neustadt verschwindet ein Stück Ortsgeschichte, erbaut von der damals noch selbstständigen Gemeinde. Die Dienstleistungen der Verwaltung sollen vor Ort freilich erhalten bleiben. Angrenzend zur Hauptstraße soll auch ein neuer Dorfplatz entstehen.

Gegen Wildwuchs im Unterdorf

Gleichzeitig mit dem Beschluss zum Abriss des Rathauses macht der Gemeinderat mit dem Beschluss zur Auslegung einer neuen Gestaltungssatzung einen Schritt zur Bewahrung des historischen Ortskerns. Im Sanierungsgebiet „Neue Ortsmitte Neustadt“ werden auch private Haus-Modernisierungen gefördert, weshalb die Stadt von gesteigerter Bautätigkeit ausgeht. Die Satzung soll den Bürgern als eine Art „Handbuch“ bei der Gestaltung ihrer Gebäude und Freiflächen dienen. Um den besonderen Charakter des Unterdorfs zu erhalten, sollen Wildwuchs und überdimensionierte Anbauten verhindert werden. „Oft wiegen wirtschaftliche Interessen schwerer als der Erhalt der Identität des Ortes“, so die Befürchtung. Langfristig würden Bewohner und Eigentümer durch einheitliche Richtlinien aber profitieren, weil die Qualität des Quartiers dadurch gewahrt bleibe.

Der Abbruch des Rathauses in Neustadt ist beschlossene Sache. Ortsvorsteherin Daniela Tiemann und ihr Team sitzen quasi auf gepackten Koffern, denn Ende des Monats Mai zieht die Ortschaftsverwaltung um in ihr Interimsquartier in den Räumen der Volksbank. Die Vorfreude auf eine neue Ortsmitte, die in den nächsten Jahren an Ort und Stelle entstehen soll, wird derzeit noch etwas überschattet von der Sorge, es könnte zu einer länger währenden Brache kommen wie auf dem berühmt-berüchtigten

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