Waiblingen

Redakteurin Keziban Bitek: Fühle ich mich im Alltag diskriminiert?

Alltagsdiskriminierung
Wenn auch nicht offensichtlich: Keziban Bitek machte bei der Job- oder Wohnungssuche Erfahrungen mit Diskriminierung. © ALEXANDRA PALMIZI

Wenn man in der fünften Klasse im Erdkunde-Unterricht ständig von der Lehrerin zu hören bekommt, dass türkische Kinder das Wort „Äquator“ immer falsch schreiben würden, dann ist man im ersten Moment beleidigt – und weiß eigentlich gar nicht, wie man mit dieser Aussage umgehen soll. Auch weiß ein zehnjähriges Kind in der Regel gar nicht, dass das, was die Lehrerin ihren Schülern mit einem Migrationshintergrund vorwirft, diskriminierend ist. Ich zumindest wusste es damals nicht, weshalb ich dagegen nichts unternahm – außer penibel darauf zu achten, Äquator richtig zu schreiben.

Podiumsdiskussion im Kulturhaus Schwanen anlässlich "Bunt statt Braun"

Weshalb es wichtig ist, sich gegen jegliche Art von Diskriminierung, Alltagsrassismus und Ausgrenzung einzusetzen sowie darüber offen zu reden, dazu hat im Kulturhaus Schwanen eine Podiumsdiskussion stattgefunden, die auch im Internet übertragen wurde. Die Gesprächsrunde „Alltagsdiskriminierung im Ländle oder: Warum gehöre ich nicht dazu?“ fand anlässlich der Reihe „Bunt statt Braun“ mit fünf Gästen statt.

Auf dem Podium sprachen Farina Görmar (Afrokids International), Feyza Genc (Forum muslimischer Frauen Baden-Württemberg/Türkische Gemeinde Baden-Württemberg), Luigi Pantisano (Mitbegründer von „Bunt statt Braun“ und Stadtrat in Stuttgart), Matthias Berg (Jurist, vielfacher Paralympics-Sieger, und Mensch mit einer Contergan-Behinderung) und Mükayil Dalbudak (Polizeihauptmeister beim Referat Prävention, Polizeipräsidium Aalen) über ihre Erfahrung und Haltung. Susanna Steinbach, Geschäftsführerin der Türkischen Gemeinde in Deutschland, leitete die hybride Diskussionsrunde.

Vorurteile gegenüber allen, die anders sind

Manche Menschen haben Bilder im Kopf, die mit der Realität nichts zu tun haben. Nach diesen Bildern beurteilen sie ihr Gegenüber. Viele von ihnen grenzen ihre Mitmenschen aufgrund ihrer Religion, Herkunft, sexuellen Orientierung oder Behinderung aus und stecken alle in eine Schublade. Für Vielfältigkeit und Diversität lassen sie keinen Raum.

Auch mit Blick auf den Zuwachs von rechtsextremen Parteien in der deutschen Politik sei es wichtig, offen über diese Problematik zu sprechen, sagt Luigi Pantisano. Feyza Genc findet, dass man sich keineswegs von Diskriminierung und Rassismus aufhalten lassen dürfe. Und wichtig ist für die Lehramtsstudentin, dass man solche Erfahrungen nicht an sein eigenes Selbstwertgefühl heranlassen darf. Deshalb hält es Polizeihauptkommissar Mükayil Dalbudak für sehr wichtig, Begegnungsräume zu schaffen, um – auch wenn es utopisch sein mag– „eine vorurteilsfreie Welt“ zu erschaffen. Damit auch Menschen mit Behinderung einen Platz in der Gesellschaft wie alle anderen Menschen finden, wünscht sich Mathias Berg Barrierefreiheit – in allen Bereichen des Alltags.

Welche Erfahrungen habe ich mit Diskriminierung gemacht?

Während der Podiumsdiskussion bin ich in mich gegangen und habe mich gefragt, ob ich – außer in der Schule – diskriminiert wurde. Ich selbst bezeichne mich als Kielerin, weil ich dort geboren und aufgewachsen bin. Aber ich sehe keineswegs wie eine Norddeutsche aus. Ich habe türkische Wurzeln, weshalb ich mich dann als Türkin bezeichne. Denn sobald ich mich als Deutsche bezeichne, bekomme ich Fragen zu hören, woher ich oder meine Eltern ursprünglich kommen. Obwohl mich die Frage nach dem „Ursprung“ keineswegs stört, möchte ich meinem Gegenüber die Frage ersparen.

Zurück zur Diskriminierung: Konkrete oder offensichtliche Beweise habe ich nicht. Ich wurde nirgends aufgrund meiner Herkunft oder Ähnlichem beschimpft oder beleidigt. Dennoch wurde mir in einigen Fällen das Gefühl vermittelt, nicht dazuzugehören. Beispielsweise am Flughafen, bei der Job- oder Wohnungssuche. Wenn ich am Flughafen ständig aus der Menge der Reisenden als Einzelne herausgepickt werde, und sich dieses Phänomen bei jeder Reise wiederholt, dann fühle ich mich anders behandelt. Auch wenn ich vollkommen nachvollziehen kann, dass es zu der Arbeit der Sicherheitskräfte gehört.

Ich fühle mich auch diskriminiert, wenn ich vergeblich auf die Rückmeldung des Maklers oder des Personalers warte, aber die Wohnungs- oder Stellenanzeige plötzlich verschwindet. Dann weiß man, man hat es nicht in die nächste Runde geschafft. Nächster Versuch wird gestartet ...

Wenn man in der fünften Klasse im Erdkunde-Unterricht ständig von der Lehrerin zu hören bekommt, dass türkische Kinder das Wort „Äquator“ immer falsch schreiben würden, dann ist man im ersten Moment beleidigt – und weiß eigentlich gar nicht, wie man mit dieser Aussage umgehen soll. Auch weiß ein zehnjähriges Kind in der Regel gar nicht, dass das, was die Lehrerin ihren Schülern mit einem Migrationshintergrund vorwirft, diskriminierend ist. Ich zumindest wusste es damals nicht, weshalb ich

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