Waiblingen

Remstal abgehängt bei Radschnellweg

Remstal abgehängt bei Radschnellweg_0
Utopie? Collage einer möglichen Radschnellverbindung in den Landkreisen Böblingen und Ludwigsburg. Hier zeigt sich die A81 überdeckelt. Womöglich geht das auch für die B 29, Lärmschutz für die geplagten Anwohner. Und so etwas plant ein Landratsamt! © Landratsamt Böblingen/orange edg

Waiblingen. Schön, wenn man das noch erleben darf. Der Radfahrer, der jeden Tag mit dem Rad unterwegs ist, hat eine vier Meter breite Piste vor sich, jede Richtung hat ihre Spur. Wo sich Wege kreuzen, gibt es Über- oder Unterführungen, ganze Wohnstraßen sind für Biker bevorrechtigt. Diese schöne neue Welt heißt Radschnellweg und kommt leider doch nicht so schnell.

Es handelt sich um ein Lieblingsprojekt des grünen Landesverkehrsministers Hermann. Baden-Württemberg ist in der Planung auch vorne dran. Aber tatsächlich handelt es sich um ein zukunftsträchtiges Vorhaben des ganzen Landes. Teil einer Verkehrswende, um die eh schon unrealistischen Klimaschutzziele noch halbwegs erreichen zu können. Deshalb kommt auch das meiste Geld vom Bund, 75 Prozent. Attraktiv für jede Landschaft, eben auch für das Remstal. Und so war das Waiblinger Landratsamt mit dem neuen Verkehrsdezernenten und der Radwegeplanerin vertreten bei der „Impulsveranstaltung Radschnellverbindung“ jüngst in der Liederhalle.

Das Remstal schaut erst einmal in die Röhre

Um zugleich zu erfahren: Der Raum Fellbach, Waiblingen, Weinstadt, das ganze Remstal - man schaut erst einmal in die Röhre. Das Landratsamt hat wie viele andere auch Anträge gestellt, in der ersten Runde dabei zu sein. Indes: Der an die Wand geworfene Plan führt die Strecken Stuttgart Waiblingen oder Stuttgart Geradstetten weder in der Kategorie „Baulast Land“ noch als „Pilotvorhaben des Landes“ und auch nicht als „Kommunales Pioniervorhaben“.

Sondern die Last und die Mühe des Bauens verbleiben, so der aktuelle Stand, beim Kreis und bei den Kommunen. Andere Raumschaften waren schneller dran oder werden als dringlicher eingestuft. Etwa Stuttgart – Plochingen oder Stuttgart-Ludwigsburg. Da zum Beispiel ist schon aufgrund von Zählungen und fundierten Schätzungen klar, dass mit 4000 Nutzern oder mehr pro Tag zu rechnen ist. Derweil die genannten Remsstrecken erst noch den Nachweis erbringen müssen, dass sie auf die geforderte Mindest-Zahl von 2 500 kommt.

Bislang nur eine Machbarkeitsstudie

Aber noch ist nichts in Asphalt und Beton gegossen. Eins ums andere mal versicherte Hermann, dass es etwa beim Nachweis zur Nachfrage nicht auf Hundert mehr oder weniger ankommt. Es gibt ja gute Hoffnung, dass der Radverkehr insgesamt steigt. Und dass sich mit neuen, möglichst außerörtlich geführten, also richtig schnellen Verbindungen die Nutzung sprunghaft steigt – gerade durch Berufspendler oder für Einkaufsfahrten . Die Ministerialen mobilisierten ihrerseits. Es gilt das Windhundprinzip. Wer jetzt nicht, gestützt durch das Land, dabei ist, solle trotzdem nicht nachlassen. Geld sei erst einmal genug da, auch weil die ersten Tranchen des Bundes noch gar nicht angezapft wurden.

Klar ist nach diesem Tag, dass es kein Zögern und Zaudern geben darf, sich zusammenzusetzen. Die Landkreisverwaltung hat zu moderieren und zu beschleunigen. Die Kommunen müssen an einem Tisch gebracht werden. Auf dass sich die Vision einer alltagstauglichen Verbindung im Remstal auftut. Die dann wirklich Verkehr von der Straße auf den Radweg bringt.

Waiblingen muss Angst haben vor einem Besuch Hermanns

Es wird eh nicht anders gehen als Stück für Stück. Der neue Verkehrsdezernent im Landratsamt, Stefan Hein, rechnet damit, dass 80 Prozent der Schnellverbindung dann doch auf den altbekannten Wegen vonstatten geht – die dann verbreitert werden. Mancher Abschnitt wird auch nicht die vier Meter gewünschte Breite aufweisen. Eine Mindestgeschwindigkeit muss möglich sein, das schon. Aber nicht überall wird man Tunnel oder Brücken bauen können bei Kreuzungen. Hein verweist auf die Stadt Fellbach, die schon ganze Straßen in Radstraßen umgewidmet hat. Um eben weitgehend Vorfahrt zu gewährleisten.

Die ersten Konflikte mit Skandalisierungspotenzial tun sich auf. Um schnell von Fellbach zum Waiblinger Bahnhof zu kommen, und Fellbacher erreichen nur so die Regionalzüge in den Osten, bietet sich ein Radweg direkt nördlich der Bahnlinie entlang des Geländes der Ziegelei Hess an. Da aber baut ein Investor einen Dienstleistungspark mit Daimler als größtem Nutzer, die Stadt will nichts abknapsen. Waiblinger Radaktivisten laden bereits zur Demo. Wenn das der Verkehrsminister wüsste: Daimler verhindert Radschnellweg.

Oder: Waiblingen hängt immer noch der Idee der autogerechten Stadt nach. Hermann versteht da auch gar keinen Spaß. In der Versammlung hat er erzählt, wie er Brückenplaner des Bundes auf Trab brachte. Die wollten doch glatt in Karlsruhe ein Überführungsbauwerk ohne Radweg ins Werk setzen.


Datum ungewiss

Die Radschnellwegplaner des Landratsamtes konnten dem Land eine Machbarkeitsstudie vorlegen, das ja, aber keine konkrete Planung.

Entsprechend vorsichtig ist denn auch der neue Verkehrsdezernent Stefan Hein.

Er will keine Prognose wagen, wann denn von einem Rems-Radschnellweg gesprochen werden kann.