Waiblingen

Rennen kosten Leben

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Friert der Fuß am Gaspedal fest, setzt offenbar der Verstand aus. © CHROMORANGE / Ruth Roeder

Waiblingen. Menschen sterben, weil PS-verliebte Möchtegernhelden das Bremspedal nicht finden. Illegale Autorennen stehen seit längerem im Fokus der Öffentlichkeit. Die Tuning-Szene tobt sich in Großstädten wie Köln oder Mannheim aus. Im Rems-Murr-Kreis fallen auch regelmäßig Raser auf, doch geplante Rennen auf öffentlichen Straßen finden offenbar woanders statt.

Der jüngste Vorfall spielt in Schwäbisch Hall: Ein 18- und ein 19-Jähriger liefern sich Mitte September auf einer gesperrten Straße ein Rennen. Beim Überholen verliert der Jüngere die Kontrolle über sein Auto. Es bleibt beim Sachschaden.

Wenige Tage später stirbt ein Fußgänger in der Innenstadt von Mönchengladbach. Einer von zwei Fahrern, die in einem illegalen Rennen gegeneinander angetreten waren, überfuhr den 38-Jährigen.

Im Juni vor einem Jahr rasten drei junge Männer durch die Aalener Innenstadt. Drei Passanten konnten sich gerade noch retten, als eins der Autos nach einem gefährlichen Fahrmanöver auf dem Gehweg landete.

Im Februar 2016 überlebte ein 69-jähriger Unbeteiligter die Raserei zweier Sportwagenfahrer in der Berliner Innenstadt nicht. Die beiden jungen Fahrer wurden in erster Instanz wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

„Die Szene setzt sich ausschließlich aus jungen Männern zusammen – häufig sind es Fahranfänger“, schreibt die Kölner Polizei. Sie hat eine Ermittlungsgruppe „Rennen“ gegründet, nachdem innerhalb nur eines Jahres mehrere unbeteiligte Menschen in Köln bei Autorennen ums Leben gekommen waren. Rennfahrer halten es offenbar für „cool“, Regeln zu übertreten, so beschreibt die Kölner Polizei ihre Erkenntnisse aus Kontrollen und Gesprächen. Zudem überschätzen die jungen Männer gern ihre Fahrfähigkeiten, und sie identifizieren sich in auffallendem Ausmaß mit ihrem Fahrzeug.

Dieses Phänomen lässt sich überall beobachten. Aufgemotzte Schlitten röhren durch die Straßen; blutjunge Fahrer würden eher ihre Großmutter verkaufen, als den Ellbogen aus dem Windkanal zu nehmen. Gleichwohl: Der Rems-Murr-Kreis scheint als Austragungsort für Autorennen nicht attraktiv; es sind laut Polizei-Pressesprecher Holger Bienert keine expliziten Strecken oder Treffs dafür bekannt. Zu schnell gefahren wird trotzdem. Wann ein Rennen vorliegt, ist nicht genau definiert. Indizien könnten sein, wenn Fahrer sich gezielt dafür verabreden und Start- wie Zielpunkt festlegen. Hinterher wird selbstverständlich keiner zugeben, worum es wirklich ging – weshalb die Beweisführung sich schwierig gestaltet. Noch viel mehr, wenn sich ein Rennen spontan ergibt. Zwei PS-Protze nebeneinander an der roten Ampel, ein kurzer Blick, ein Nicken – und dann gib Stoff. Die Polizei müsste schon in Zivil direkt dahinterstehen, um das beweisen zu können. Zudem stößt die Verfolgung eines PS-Boliden an Grenzen: Polizisten sind in E-Klasse-Mercedes unterwegs. Allerdings besitzen sie Funk.

Es geht um Adrenalin, um den Kick

Am 22. Oktober wird die Polizei in Aalen keinen Grund für Verfolgungsfahrten haben. Rennfahrer treten dort völlig legal das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Auf dem Flugplatz in Aalen-Elchingen treffen sich seit Jahren Geschwindigkeitsfans, und worüber sie vor Jahren noch staunten – etwa 500 PS in einem Golf –, lächeln sie heute nur noch müde. Nächsten Sonntag treffen sich nicht nur, aber auch Fahrzeuge mit deutlich mehr als 1000 PS am Start. „Stars der Szene“ treten auf; unter ihnen eine „rosa Kampfsau“ mit 1258 PS, wie es auf der Homepage des Veranstalters heißt. Kopf-an-Kopf-Rennen waren anfänglich nicht möglich, nur Einzel-Starts. Das hat sich geändert: „Endlich konnten die Gegner sich duellieren und über die Jahre wurden diese immer professioneller.“

Veranstalter Oliver Harsch, selbst aktiver Motorsportler, liebt diese Rennen. Er grenzt sich deutlich ab von jenen, die ihrer Rennleidenschaft auf öffentlichen Straßen frönen: „Das kann ich nicht verstehen.“

Seit 27 Jahren fährt Harsch – legal – Rennen. „Dafür lebe ich“, sagt er. Es geht darum, die Beschleunigung zu spüren, es geht um „Adrenalin“, um den „Kick“. Angst spürt er zumindest während des Rennens nicht, sagt Harsch – „sonst wär es das falsche Hobby“. Vor jedem Start faltet der Motorsportler die Hände und schaut nach oben, erzählt er. Hinterher folgt dasselbe Ritual – „als Danke“.