Waiblingen

Rettung für die Bienen?

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Eine Milbe sitzt auf einer Biene. © Henrik Brislow

Waiblingen. Ein günstiges, einfach anzuwendendes und nebenwirkungsfreies Medikament? Wissenschaftler der Uni Hohenheim haben eine Forschung präsentiert, dank der eines der tödlichsten Probleme der Bienen, die Varroa-Milbe, endlich eliminiert werden könnte. Wolfgang Groh, Erster Vorsitzender des Bezirksimkervereins Waiblingen und Umgebung, ist vorsichtig optimistisch.

Im Rems-Murr-Kreis gibt es aktuell 867 registrierte Imker und insgesamt 6545 registrierte Bienenvölker. Nach Einschätzung der Fachärzte im Backnanger Veterinäramt seien alle Völker von der Varroa-Milbe befallen. Sie vermuten auch, dass das Bienensterben durch die Milbe in diesem Winter wieder größer sein wird als im vergangenen Jahr, wo die Verluste moderat ausgefallen waren.

Bislang, schreibt Wolfgang Groh, überwintern aber beispielsweise die vier Bienenvölker, die sommers in den Waiblinger Talauen stehen und durch die besonderen Schaukästen direkt beobachtet werden können, verlustfrei. „Katastrophenstimmung“ herrsche noch nicht; Wolfgang Groh hat beispielsweise bei seinen eigenen Völkern einen Verlust von etwa zehn Prozent, ein Kollege habe ihm gegenüber kürzlich von 25 Prozent gesprochen.

Veröffentlichung in einer renommierten Fachzeitschrift

Wird der Traum der Forscher der Universität Hohenheim wahr, dann müssen sich demnächst Imker keine Gedanken mehr über die Varroa-Milbe machen. In der renommierten Fachzeitschrift „Scientific Report“ haben die Wissenschaftler den Durchbruch im Kampf gegen den Parasiten angekündigt. Der Wirkstoff soll einfach anzuwenden, nebenwirkungsfrei und günstig sein und auch keine Rückstände im Honig hinterlassen. Es geht um Lithiumchlorid.

Sollte der Wirkstoff der Hohenheimer tatsächlich auch in der praktischen Erprobung wie erhofft wirken, dann müssten Imker und Bienenvölker zukünftig diese Verluste nicht mehr verkraften. Lithiumchloridsalz ist weltweit in großen Mengen in Salzlaugen, Salzseen und Heilquellen zu finden. Die Hohenheimer haben festgestellt, dass Lithiumchlorid, das den Bienen aufgelöst in Zuckerwasser gefüttert wird, die auf den Bienen sitzenden Milben abtötet – und zwar ohne Nebenwirkung für die Bienen und ohne, dass im Honig Rückstände zu finden waren.

Bienenschonender als Ameisen- und Kleesäure

Wenn sich das bewahrheitet, dann, schreibt Wolfgang Groh, könnte das Mittel „auch bienenschonender sein als die bisher gegen die Varroa im Bienenvolk eingesetzte ätzende Ameisen- und Kleesäure“. Groh bremst allerdings eventuell aufkommende Euphorie etwas: Ob das Medikament wirklich wie erhofft wirke, zeige erst ein Langzeitversuch unter realen Haltungsbedingungen. „Der Varroabehandlungserfolg entstand, so wie ich es als wissenschaftlicher Laie verstanden habe, labormäßig mit Bienenbrut frei gemachten Bienenkunstschwärme.“ Das heißt: Die Forscher haben bislang den Nachwuchs vom Versuch ausgeklammert. Gerade die Brut aber ist besonders von der Milbe befallen und wird stark von ihr geschädigt. Die aus befallenen Larven geschlüpften Bienen sind zu klein, schwach, finden oft den Weg in den Stock nicht wieder. Außerdem überträgt die Milbe ein Virus, das die Entwicklung schädigt. Die Bienen sind verstümmelt, haben beinahe keine Flügel mehr.

In einem Bienenstock findet sich aber immer Bienenbrut. Diese wird offenbar durch Lithiumchlorid mit abgetötet, oder aber, wenn die Waben schon durch den Deckel verschlossen sind, wird das Medikament nicht mehr an die Brut verfüttert und wirkt damit auch nicht. „Dieses Problem ist zu lösen“ schreibt Groh, wobei er davon ausgeht, dass die Hohenheimer, da sie schon den Weg an die Öffentlichkeit gegangen sind, bereits Lösungen im Blick haben.


Über Umwege zum Erfolg

Die Forscher der Uni Hohenheim waren eigentlich auf einer ganz anderen Spur, als sie über Lithiumchlorid stolperten.

Ursprünglich wollten sie über ein bestimmtes kompliziertes Verfahren Gene der Varroa-Milbe ausschalten und diese dadurch töten. Das sollte durch bestimmte Bruchstücke einer Ribonucleinsäure, kurz RNA, passieren. RNA ist, ganz vereinfacht, etwas Ähnliches wie DNA.

Die speziellen RNA-Bruchstücke wurden an die Bienen verfüttert. Erstaunlicherweise hatten die Forscher aber auch bei Bienen Erfolg, die zwar RNA-Bruchstücke bekamen. Diese RNA-Bruchstücke aber waren nicht auf die Milbe hin zugeschnitten. Eigentlich also hätte hier keine Wirkung auftreten dürfen.

Die Lösung: Die Forscher hatten, um die RNA-Bruchstücke zu bekommen, das Lithiumchlorid benutzt. Das Hilfsmittel war also die Lösung fürs Problem.


Noch ein weiter Weg bis zum Medikament

Dr. Peter Rosenkranz, Leiter der Landesanstalt für Bienenkunde an der Uni Hohenheim, muss den Enthusiasmus der von Varroa geplagten Imker etwas bremsen: Bis aus der Entdeckung ein Medikament wird, das gemäß Arzneimittelgesetz genutzt werden darf, dauere es noch Jahre.

Bislang sei der Wirkstoff entdeckt und getestet. Diese Tests müssen noch weitergeführt werden. Und dann muss das Medikament zugelassen werden.

Solch eine Zulassung kostet Millionen. Das, so Rosenkranz, könne kein Institut alleine stemmen. Dafür braucht es Unternehmen. Unternehmen aber wollen Gewinne machen. Und so, sagt Rosenkranz, kann es tatsächlich passieren, dass niemand einsteigt. „Das wäre schade!“

Aber: „Wir haben Interessenten“ und natürlich auch das Patent auf den Wirkstoff. Rosenkranz sagt, er sei „eher optimistisch“.