Waiblingen

Rock’n’Roll! Die Techniker sind genial

1/3
Rock’n’Roll! Die Techniker sind genial_0
Mad Max würde weinen vor Neid: Mit diesem Buggy, gebaut von Absolventen der Waiblinger Technikerschule, lassen sich selbst postapokalyptisch zerklüftete Landschaften problemlos bereisen. © Büttner / ZVW
2/3
Techniker
Blick unter die Haube des Tennisplatz-Abziehers. © Büttner / ZVW
3/3
Techniker
Das Drift-Trike kann auf der Stelle kreiseln. © Büttner / ZVW

Waiblingen. Diese Techniker sind purer Rock ‘n’ Roll: Leidenschaftlich, kreativ – was sie aushecken, haut voll auf die Zwölf. Notizen zu einem begeisternden Vormittag auf dem Hof der Gewerblichen Schule Waiblingen, wo die Absolventen der „Fachschule für Technik“ ihre Projekte präsentierten: Endzeitboliden, Zerstörungseinheiten, Akkordbrutzler und mehr.

Der Wahnsinn muss ein Ende haben, dachte Sergio Cantiani: Ein stundenlanges Tennismatch in brütender Hitze hatte er gerade bestritten, Cross- und Longline-Peitschen aus den Spielfeld-Ecken gekratzt, massenweise aufgewirbelten Sand gefressen; und am Ende „natürlich fleißig verloren“. Nun aber – er war dem Sonnenstich nahe, seine Staublunge pfiff wie ein Blasebalg – folgte erst die wahre „Bestrafung: Platz abziehen. In dem Moment hab ich mir gedacht: Mensch, das muss anders sein ...“

Käferartiges Großinsekt auf Rädern zieht einen 1,50 Meter breiten Besen

Und hier ist sie, die Antwort auf alle Qualen: Ein käferartiges Großinsekt auf Rädern zieht einen 1,50 Meter breiten Besen über den Hof der Gewerblichen Schule und besprenkelt aus vier Wasserdüsen das Gelände; der „Tenniscourt-Sweeper“ bringt binnen acht Minuten einen ausgedörrten, umgepflügten Platz wieder in Top-Zustand.

25 Absolventen haben an den Projekten gearbeitet

Die Absolventen der „Fachschule für Technik“ – 24 junge Männer, eine Frau – haben Titanisches geleistet auf ihrem Weg zum „Staatlich geprüften Techniker“: Vier Jahre lang sind sie tagsüber ihrem Beruf nachgegangen – und haben nebenbei drei Abende die Woche und jeden zweiten Samstagvormittag in der Schule gefräst, gebohrt, geschweißt, gebüffelt: Automatisierungstechnik. Produktionsorganisation. Betriebliche Kommunikation. Berufsbezogenes Englisch. Technische Mathematik. Qualitätsmanagement. Das Spektakulärste aber: In fünf Arbeitsgruppen haben sie Modellbetriebe gegründet, Ideen entwickelt, Prototypen gebaut, Werbekonzepte ersonnen.

Mülleimer Trash-Tec

Und so steht nun im Schulhof: der vollautomatische Mülleimer Trash-Tec. Was man auch reinwirft – der hochintelligente Dreckfresser sortiert und häckselt es. Wer so ein Ding in der Küche hat, muss nicht mehr zum G-20-Gipfel fahren, um Randale zu erleben, Trash-Tec hat nämlich auch eine knallharte „Zerstörungseinheit“: Du stellst eine Flasche rein, worauf im Innern eine Eisenfaust zuschlägt. Die Scherben purzeln ins passende Behältnis: Grünglas zu Grünglas, Weißglas zu Weißglas. Genial.

Oder der ASG: der automatisierte Steakgrill. Zwei Schieber bugsieren Fleischlappen vom Förderband in die beiden Grillkammern. Durchsatz: ungefähr 20 Steaks die Stunde. Mitentwickler Andreas Mühlbacher erklärt: Das müsse doch nicht sein, dass bei Partys immer einer „abgestellt ist, um das Fleisch zu wenden“. Aha, verstehe, dank des ASG können sich ausnahmslos alle exklusiv aufs Biertrinken konzentrieren? „Danke! Perfekt ausgedrückt.“

Hinterm rot-weißen Absperrband steht, bescheiden in der dritten Zuschauerreihe, Schulleiter Hans-Jürgen Bucher. Herr Bucher, die Durchhaltepower dieser Techniker ist bewundernswert! Stimmt, bestätigt der Chef – aber die Schule tut auch einiges, um den Teamgeist zu stärken: Zur Ausbildung gehört ein Abenteuer-Wochenende auf der Schwäbischen Alb, die jungen Leute quetschen sich durch die engsten Spalte der Falkensteiner Höhle und seilen sich von der Ruine Reußenstein am blanken Fels ab.

Temporausch mit Schockdämpfer

Jetzt aber biegt ein Öko-Bolide um die Ecke: Das Elektro-Kart der Firma „Greenkarting Solution“ geht ab wie Schmidts Katze, wenn man ihr Büchsen an den Schwanz bindet. Der Schüler am Steuer sollte nach zwei Hof-Runden eigentlich anhalten und dem Moderatoren, Lehrer Michael Fehrmann, Auskunft geben über technische Details – „Herr Pfeifer, Augenblick!“, fleht Fehrmann ins Mikro. Vergeblich. Das Kart umschnurrt ihn wie eine Hummel auf Speed, der Fahrer ist im Geschwindigkeitsrausch.

Buggy mit Honda-Motor

Wilder geht’s nicht? Doch. Ein postapokalyptisches Monstrum wie aus dem Endzeitfilm „Mad Max“ knattert in die Schulhof-Manege: der „geländegängige Buggy“, ausgestattet mit einem Honda-VF1000-Motor – tausend Kubikzentimeter, verteilt auf vier Zylinder.

Die Bestie packt 60-prozentige Steigungen und könnte mit ihren Traktorenreifen vermutlich binnen zehn Minuten einen Acker gründlicher umwühlen als eine Rotte Wildsäue. Die Stoßdämpfer – ach was, die Schockdämpfer – haben 570 Millimeter Federweg. Mit anderen Worten: Du rumpelst durch ein halbmetertiefes Schlagloch und spürst am Po-Muskel nicht mehr als ein wohlig-lindes Massage-Kribbeln.

So viel Inbrunst, so viel Einfallsreichtum

Für diese Prototypen hat jede Gruppe 2000, 3000 Arbeitsstunden geknechtet – und bis zu 8000 Euro investiert. Nebenbei hat noch jeder eine Einzelarbeit gebaut: eine WLAN-Lautsprecherbox oder eine Fußballschussmaschine, eine fahrende Bierkiste oder ein Drift-Trike. Das ist ein motorisiertes Dreirad, bei dem der Sitz so tief liegt, dass der Fahrerhintern quasi über den Asphalt schmirgelt.

Vorne: eine Art Mountainbike-Rad. Hinten: kleine, extradicke Kart-Reifen, mit aalglattem PVC überzogen. Effekt: Das Heck bricht aus, wenn man Gas gibt und in die Kurve geht – wer mit diesen anarchischen Kräften aber zu spielen vermag, kann das Gefährt im Kreis auf der Stelle tänzeln und schwänzeln lassen wie Nicole Uphoff ihren Dressurhengst Rembrandt; bloß dass das Drift-Trike keine Pferdeäpfel auf den Schulhof pampt.

So viel Inbrunst, so viel Einfallsreichtum, so viel Fachwissen, so viel Witz: Die könnten Eintritt verlangen für ihre Show. Hut ab, ihr Techniker – ihr seid Rock’n’Roll!


Interessiert?

  • Seit 1994 gibt es die Weiterbildung zum „Staatlich geprüften Techniker“ an der Gewerblichen Schule Waiblingen. Zugangsvoraussetzungen: eine einschlägige Ausbildung nebst mindestens anderthalb Jahren Berufspraxis. Wer das vierjährige Abendschulprogramm (Unterricht montags, dienstags, donnerstags von 17.30 bis 20.45, samstags vierzehntäglich von 8 bis 13 Uhr) meistert, hat danach gute Aufstiegschancen im Job.
  • Interessiert? Nähere Infos nebst Telefonnummern von Ansprechpartnern gibt es auf der Homepage der Gewerblichen Schule Waiblingen, www.gswn.de (im Menüpunkt „Metalltechnik“ den Reiter „Fachschule für Technik“ wählen).