Waiblingen

Rund 20 Delikte und zwei Jahre Haft

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Das Amtsgericht in Waiblingen. © Ramona Adolf

Waiblingen/Kernen. Einbrüche, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch, Beleidigung: Für eine ganze Reihe von Delikten in Stetten, Stuttgart, Fellbach, Böblingen und München ist ein 51 Jahre alter Mann am Montag vom Amtsgericht Waiblingen zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt worden. Kernfrage der Verhandlung war: Wie schuldfähig ist er?

Einiges hat der dunkelhaarige Mann auf dem Kerbholz, der mit ruhigem Blick durch den Waiblinger Gerichtssaal blickt, die Arme auf dem Tisch abgestützt. Die Frage ist nur: Für wie viele der rund zwanzig Delikte, die er zwischen Dezember 2014 und Januar 2016 begangen hat, wird er sich verantworten müssen? Denn der 51-jährige Ex-Kernener, der bis zu seiner Festnahme Anfang 2016 zuletzt obdachlos war, blickt auf eine lange Krankheitsgeschichte als psychisch beeinträchtigter Mensch zurück – er neigt zu wahnhaften und paranoiden Vorstellungen und war schon mehrfach stationär in psychiatrischer Behandlung.

Zur Last gelegt werden dem Angeklagten zum einen Einbruch und Diebstahl in gut einem Dutzend Fällen. Auf der Liste der Geschädigten finden sich Geschäfte wie der Raiffeisenmarkt in der Stettener Weinstraße oder Institutionen wie das Gesundheitszentrum der Diakonie Stetten, die er um Lebensmittel, Geld und Sachwerte erleichterte. In einem Privatgarten drehte er eine Zeit lang Nacht für Nacht die Wasserschläuche auf und stahl Kleinigkeiten wie zum Beispiel Sitzkissen. Weitere Diebstähle beging er in Stuttgart im Katharinenhospital und im Diakonieklinikum, in Böblingen in einem katholischen Gemeindehaus sowie in einer Münchner Rechtsanwaltskanzlei. Für weitere Einstiege in der Schweiz wurde er schließlich im Januar 2016 festgesetzt und in einem anderen Verfahren verurteilt. Seither sitzt er im Gefängnis.

Ein kleiner Imbiss am Tatort

Das durchgängige Muster bei den Einbrüchen: Immer trank und aß er etwas vor Ort. Dazu ließ er Bares oder Gebrauchsgegenstände im Wert mal von hundert, mal von tausend Euro mitgehen. Die Spannweite des Sachschadens war noch größer, sie reichte bis zu rund dreitausend Euro.

Nicht nur bei den Einbrüchen beschädigte der Angeklagte fremdes Eigentum. In der Stettener Klosterstraße demolierte er das Schild eines Rechtsanwalts, weil er annahm, dass der Anwalt ihm übelwollte.

Auch Hausfriedensbruch findet sich in der Anklageschrift: Sechsmal drang der Angeklagte trotz Hausverbot bei Nacht in Stettener Filialen von Kreissparkasse und Volksbank ein und verrichtete in den Vorräumen seine Notdurft.

Schlimme Ausdrücke

Dazu kommt Beleidigung. Einen Stettener ging er mit Begriffen wie „Drecksau“ und „Wichser“ an. Der Mann, der den Angeklagten schon seit über zwanzig Jahren kennt, ist seit den Beleidigungen merklich mit der Geduld am Ende.

Auch in den Berichten der Kernener Polizeibeamten wird deutlich, dass ihnen der Angeklagte gut bekannt ist.

Dass der Angeklagte die Taten von Einbruch bis Hausfriedensbruch begangen hat, ist in den meisten Fällen klar belegt: durch Videomaterial von Überwachungskameras, DNS-Spuren, Fingerabdrücke oder Geständnisse. Entscheidend dafür, wie er bestraft wird, ist allerdings die Frage nach dem „Warum“.

Der Grund für die Diebstähle soll Hunger gewesen sein: Der Angeklagte sei obdachlos gewesen, habe Essen, Getränke und Geld gebraucht. Oder eben einen Ort, um sich umzuziehen und zu erleichtern, wie er erklärt. Bei den anderen Anklagepunkten scheinen persönliche Zwistigkeiten eine Rolle gespielt zu haben. Auf Anhieb nachvollziehbar sind viele Erklärungen des Angeklagten nicht. Er ist klar bei der Sache, doch zu schnell fließen seine Worte, zu schnell fliegen seine Gedanken von Anekdote zu Anekdote, zu sehr gehen die Zeitpunkte in seinen Berichten durcheinander.

Schuldfähig oder nicht?

Ein Sachverständiger schätzt den Angeklagten als schuldfähig ein, die Staatsanwältin schlägt daran anschließend eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten vor. Der Verteidiger wiederum pocht darauf, dass sein Mandant aufgrund seines Geisteszustands sehr wohl schuldunfähig sein könnte und deshalb freigesprochen werden sollte (siehe Infobox).

Richter Kärcher verurteilt den Angeklagten schließlich zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren. Denn: „Er ist sicherlich psychisch beeinträchtigt, keine Frage. Aber er weiß, was er gemacht hat. Er weiß, dass man nicht einbrechen darf. Er weiß, dass man nicht beleidigen darf.“

StGB Paragraf 20

„Ohne Schuld handelt, wer bei Begehung der Tat wegen einer krankhaften seelischen Störung, wegen einer tiefgreifenden Bewußtseinsstörung oder wegen Schwachsinns oder einer schweren anderen seelischen Abartigkeit unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln.“