Waiblingen

S 2 und S 3: Unpünktlicher denn je

S-Bahn Feature für Online
Hier haben Maßnahmen zur Pünktlichkeit zumindest in den Stoßzeiten noch nicht gegriffen: S 3 nach Backnang und in die Gegenrichtung. © Habermann / ZVW

Waiblingen/Stuttgart. Lob für den Vorsitzenden der S-Bahn Stuttgart beim S-Bahn-Gipfel: Es tue sich was, es gehe aufwärts, die Arbeit sei überzeugend. Dr. Dirk Rothenstein selbst ist überzeugt: „Wir sind eine der pünktlichsten S-Bahnen in Deutschland“. Tatsächlich sieht es vor allem bei den Linien S 2 und S 3 noch nicht rosig aus. In den Stoßzeiten sind die Linien unpünktlicher denn je.

Der erste Tagesordnungspunkt der 38. Sitzung des Verkehrsausschusses vom Verband Region Stuttgart war kaum abgehandelt, der neueste S-Bahn-Gipfel erklommen, das Lob ausgesprochen, da sagte unten im Stuttgarter Hauptbahnhof die Dame vom Band: „Bitte Vorsicht an Gleis 2, Zug nach Schorndorf fährt ein.

S 2 nach Schorndorf, Abfahrt 16.35 Uhr. Bitte Vorsicht bei der Einfahrt.“ Im Moment der Einfahrt war’s allerdings schon 16.38 Uhr. Die Abfahrt konnte also nicht pünktlich über die Bühne gehen.

Schwarzer Peter an die DB Netz: „Verlotterte“ Infrastruktur

Es war der fünfte S-Bahn-Gipfel und die FDP-Fraktion beantragte mit der Wortmeldung gleich den sechsten fürs kommende Jahr – auch wenn das Wort „Gipfel“ doch etwas hoch gegriffen sei. Nichts desto trotz: Dr. Dirk Rothenstein, Vorsitzender der S-Bahn Stuttgart und jahrelang ein gescholtener Mann, bekam diesmal Gutes zu hören von der FDP – und von den anderen Parteien auch.

Man habe, hieß es etwa vonseiten der Freien Wähler, das erste Mal das Gefühl, dass sich etwas bewege. Es gehe aufwärts. „Was Sie gemacht haben, ist überzeugend.“ Auch die Sprecherin der Grünen äußerte sich dementsprechend.

Verspätungen, Störungen, Zugausfälle

Die SPD bescheinigte gar den Leuten von der S-Bahn einen „guten Job“ und klagte hauptsächlich noch die DB Netz an, die für das Schienennetz verantwortlich ist. Dort habe man die Bahninfrastruktur „verlottern lassen“.

Und tatsächlich waren die Rems-S-Bahnen 2 und die Murr-S-Bahnen 3 in den ersten fünf Monaten dieses Jahres etwas pünktlicher als im Jahr 2016 unterwegs, weist die Statistik der Deutschen Bahn AG aus.

Nun ja. Wer täglich mit der S 2 oder S 3 unterwegs ist, kann die Lobeshymnen vermutlich nicht wirklich nachvollziehen. Ein Blick auf die Online-Meldungen auf zvw.de bezüglich der Verkehrslage zeigt: Fast täglich gibt’s Verspätungen, Störungen, Zugausfälle.

Störanfällige Infrastruktur

Am 5. Juli: eine Meldung. Am 4. Juli: zwei Meldungen. Am 3. Juli: zwei Meldungen. Am 30. Juni: eine Meldung. Am 29. Juni: eine Meldung. Freilich: Nicht für jedes Problem sind die S-Bahn-Verantwortlichen auch wirklich verantwortlich. Für Leute, die über die Gleise spazieren oder für medizinische Notfälle können sie nichts. Doch Weichenstörungen, Oberleitungsstörungen, Verspätungen ohne die Nennung eines Grundes fallen definitiv in ihre Zuständigkeit.

Die Gründe dafür: defekte und altersschwache Weichen und andere störanfällige Infrastruktur. Außerdem schlicht zu wenig eingeplante Zeit für den Halt an den Bahnhöfen. Denn immer mehr Menschen fahren S-Bahn und immer mehr Menschen, die ein- und aussteigen wollen, brauchen logischerweise dafür auch immer mehr Zeit.

Fast jeder vierte Zug hat mindestens drei Minuten Verspätung

„Wir sind eine der pünktlichsten S-Bahnen in Deutschland“ erklärte Dirk Rothenstein. Im Durchschnitt kämen in der Hauptverkehrszeit 81 Prozent der S-Bahnen pünktlich oder seien weniger als drei Minuten verspätet. Blickt man allerdings auf die Zahlen der S 3, sind nur noch 73,4 Prozent der Bahnen so pünktlich, bei der S 2 sind es 76,7 Prozent.

Das heißt umgerechnet: In der Hauptverkehrszeit kommt fast jeder vierte Zug mit mindestens drei Minuten Verspätung. Das ist viel und der Höchststand im Hinblick auf alle S-Bahnen. Da tröstet auch nicht, dass es im Gesamtdurchschnitt deutlich besser aussieht. Denn was bringt es den Pendlern, dass Sonntagmorgens um 7 Uhr oder mittwochnachts um 23 Uhr alles auf die Sekunde genau über den Bahnhof rollt?

Einige Millionen mehr für Reparaturen und Modernisierung

Trotzdem: Die Anstrengungen von VVS und DB-Netz sollen nicht gering geschätzt werden. Es wurden einige Millionen zusätzlich ins System gesteckt. Relais, Geschwindigkeitsprüfeinrichtungen, Achszählplatinen, Kabel, Weichendiagnostik, Streckentrenner – Modernisierungs- und Reparaturmöglichkeiten gibt es viele.

Auch ein neues vollelektronisches System, ETCS genannt, mit dem die Abstände der Züge besser und schneller abgestimmt werden können, soll mehr und mehr eingesetzt werden. Hinzu kommen Maßnahmen an den Bahnsteigen wie bessere Hinweistafeln, die Ankunftszeiten, Ausfälle und sonstige Infos an die Passagiere weitergeben.

1,4 Millionen Euro für Prävention und Wartung

Oder auch die S-Bahn-Helfer, die am Bahnhof Fragen beantworten. Die Anzahl dieser Mitarbeiter soll, aufgrund des großen Erfolgs, verdoppelt werden. 14,9 Millionen Euro im Jahr 2016 für die Entstörung, 11,4 Millionen Euro für Prävention und Wartung – das sind schon Summen.

Und sie sind höher als die Investitionssummen, die beim Gipfel für 2011 angegeben wurden. Dennoch: Den Betrachter der Grafik zu den Zahlen beschleicht das ungute Gefühl, dass jemand zu tricksen versucht.

Sind doch die Schaubild-Balken, die die um wenige Prozentpunkte höheren Summen symbolisieren – in Zahlen sind es 1,7 bzw. 1,6 Millionen Euro mehr – jeweils um das Doppelte oder sogar mehr als das Doppelte höher gezogen. Liegt die Vermutung nahe, dass die DB Netz die Situation schön zu malen versucht.