Waiblingen

S-Bahn: Neun Ringe statt 52 Zonen?

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Symbolbild. © Leonie Kuhn

Waiblingen. Immer mehr Leute in der Region fahren mit Bussen und Bahnen – und immer mehr bezahlen nur rabattierte Spezialtarife. Das ist eine Seite des Tarifdschungels, der mit einem Ticket für Teilzeitkräfte noch dichter würde. Die andere ist der Flickenteppich von 52 Zonen. Damit soll aufgeräumt werden. Wenn schon, dann gründlich, regten Kreisräte im Verkehrsausschuss an.

So könnten die neuen Ringe im VVS-Gebiet aussehen. Mit Klick auf das Bild können Sie sich die Grafik als PDF herunterladen.

VVS-Geschäftsführer Horst Stammler stellte im Umwelt- und Verkehrsausschuss die stolze Bilanz des Verkehrsverbundes in den vergangenen Jahren vor: mehr Fahrgäste, höhere Einnahmen. Beides sei eine Folge einer Tarifpolitik gewesen, die darauf abzielte, möglichst viele Stammkunden zu gewinnen. Stammler nannte als Beispiele die eingeführten Studi- und Firmentickets, das Scool-Abo und das Seniorenticket fürs ganze VVS-Netz oder als jüngstes Kind das Ausbildungsabo. Besonders stolz ist Stammler auf das Firmenticket, mit dem inzwischen sogar Autofirmen ihren Mitarbeitern den Umstieg auf Busse und Bahnen nahelegen. 44 Prozent mehr Firmentickets sind 70 000 Arbeitnehmer, die den Zuschuss ihres Arbeitgebers von durchschnittlich 20 Euro mitnehmen und für ihr Jahresabo nur den Preis für zehn Monate bezahlen müssen. Die Kehrseite der hohen Aboquote: Nur noch einer von fünf Fahrgästen zahlt den regulären Preis.

Preiserhöhungen, Ausfälle und Verspätungen trüben die Erfolgsbilanz

Jahr für Jahr erhöht der VVS die Preise – Jahr für Jahr ein Ärgernis. Der Kritik an den Preiserhöhungen stellte Stammler die verbesserten Leistungen wie zum Beispiel den 15-Minuten-Takt bei den S-Bahnen in der Hauptverkehrszeit oder die Nachtzüge entgegen. Für die SPD-Kreisräte Klaus Riedel und Thomas Berger alles schön und gut. Sie wiesen auf die vielen Ausfälle und Verspätungen der S-Bahnen hin und die schlechte Qualität der Regionalbahnen, die Stammlers Erfolgsbilanz eintrüben.

Eine Folge der regelmäßigen Preissteigerung war auch, dass der Kostendeckungsgrad seitens der Benutzer sich von 55 auf 60 Prozent erhöhte. Künftig will der VVS seine Tariferhöhungen begrenzen und aus den durchschnittlichen Kostensteigerungen bei SSB, S-Bahnen und Busunternehmen errechnen.

Smartphone-Tarif für Teilzeitkräfte und „Ab-und-zu-Fahrer“

Stammler stellte im Verkehrsausschuss die weiteren Ergebnisse einer Tarifklausur des VVS-Aufsichtsrates und des Tarifsymposiums vor, das von den Landkreisen und der Regionalversammlung angeregt worden war. Die wichtigsten Themen sind:

  • Überprüfung der Tarifzoneneinteilung
  • Angebote für „Ab-und-zu-Fahrer“ wie Teilzeitkräfte
  • Kapazitätssteigerung durch tarifliche Steuerung wie beispielsweise einem 9-Uhr-Ticket

Beim 9-Uhr-Ticket zeigte sich Stammler skeptisch. Sich erst nach 9 Uhr auf den Weg zur Arbeit oder Uni zu machen, sei in Stuttgart vielleicht denkbar. Pendler aus den hinteren Ecken des Rems-Murr-Kreises kämen dann wohl erst zum Mittagessen an. Neue Angebote für „Ab-und-zu-Fahrer“ seien nur mit Smartphone denkbar, so Stammler. Je nach Nutzung soll dem registrierten Gelegenheitsfahrer der beste Tarif abgebucht werden, aber höchstens Preis für ein Monatsabo.

Stadt Stuttgart will nur noch eine Innenraumzone

Auf dem Prüfstand steht auch der Flickenteppich von 52 Tarifzonen im Verkehrsverbund. Angestoßen wurde diese Diskussion von der Landeshauptstadt Stuttgart, die die beiden Zonen innerhalb des Stadtgebietes zu einer zusammenfassen will. Kostenpunkt: 13,7 Millionen Euro Minderertrag pro Jahr. Für Pendler aus den Nachbarkreisen wäre dies jedoch eine besondere Benachteiligung, wenn ihnen für die Fahrt nach Stuttgart weiterhin zwei Zonen berechnet würden. Das Landratsamt Rems-Murr hält diese Lösung nur dann für tragbar, wenn diese Mindererlöse von Stuttgart allein getragen würden. Eine weitere Alternative kommt für das Landratsamt ebenfalls nicht infrage: den Preis für eine Zone anzuheben. Denn davon wäre der ländliche Raum stärker betroffen.

Wenn die Sektorengrenzen in Stuttgart fallen, dann muss sich auch drum herum etwas ändern. Ein Vorschlag ist, die Zonen durch Ringe zu ersetzen. Es gebe dann statt 52 Zonen künftig neun Ringe. Die Kosten lägen bei fünf Millionen Euro pro Jahr, neue Kunden würden die Ringe aber keine bringen. Auch die Vorteile für Fahrgäste sind eher als gering einzuschätzen. Weil das ÖPNV-Netz sternförmig nach Stuttgart ausgerichtet ist, sind Querverbindungen Mangelware. Im Kreisgebiet würden von den Ringen nur die Fahrgäste der S 4 Backnang-Marbach sowie der Busverbindung Weinstadt-Korb-Winnenden (Klinikum) profitieren und weniger als bisher bezahlen.

Gudrun Wilhelm (FDP/FW) kann sich nur zwei Zonen vorstellen

An den 52 Zonen setzte oftmals Kritik im Verkehrsausschuss an. Thomas Berger (SPD) macht eine einfache Rechnung auf: Vereinfachungen bringen Fahrgäste und die führen zu höheren Einnahmen. Astrid Fleischer (Grüne) appellierte an den VVS-Geschäftsführer, es nicht beim Klein-Klein zu belassen. Sie wolle den VVS nicht schlechtreden, aber es gebe viele Verbesserungsmöglichkeiten – und nannte als Negativbeispiel verdreckte Unterführungen wie die in Rommelshausen. FDP/FW-Kreisrat Jürgen Hofer sieht den dringenden Bedarf nach Vereinfachung. Sowohl was die Zahl der Sondertickets betrifft, als auch bei den Zonen. Seine Fraktionskollegin Gudrun Wilhelm ging einen Schritt weiter und regte ein „Zwei-Zonen-Modell“ an: Zone 1 hieße Stuttgart, Zone 2 alles drumherum. Für Horst Stammler eine schöne Idee, aber wenig realistisch. Denn kein Fahrgast wolle am Ende der Vereinfachung mehr bezahlen. Er bezifferte die Einnahmeverluste im hohen zwei- wenn nicht gar im dreistelligen Millionenbereich.


Kommentar von Martion Winterling

Stellen Sie sich vor, Außerirdische müssten mit öffentlichen Verkehrsmitteln diese, unsere Welt bereisen. Spätestens nach einer Woche wären sie angesichts der vielen unterschiedlichen Verkehrsverbünde und deren wirren Tarifgestaltungen irgendwo gestrandet, als notorische Schwarzfahrer gebrandmarkt und schließlich dem Wahnsinn anheimgefallen.

Hand aufs Herz: Städtereisen sind schon allein wegen der Bus- und Bahntickets ein Abenteuer. Und dies nicht nur wegen der Sprachbarrieren. Clevere Städte bieten ihren Besuchern deshalb ein einfach zu buchendes, vermutlich aber völlig überteuertes Touri-Ticket an – und wir lassen uns dankbar ausnehmen.

Der Verkehrsverbund Stuttgart ist vermutlich nicht besser und nicht schlechter als die meisten Verbünde auf dieser Welt. Er tut sein Bestes – und wird doch immer komplizierter. Mit Blick in die Zukunft sollte der VVS nicht den Fehler machen, ein paar Zonen zusammenzulegen und ein bisschen im Tarif-Wirrwarr aufzuräumen. Wenn Stuttgart wirklich zu einer Modellregion für nachhaltige Mobilität werden will, dann beginnt diese bei einem vorbildlich einfachen ÖPNV. Möglichst günstig, aber nicht billig.

Der einfache Weg dorthin führt übrigens über eine Vision, wie wir uns den öffentlichen Nahverkehr wünschen – vielleicht sogar erträumen. Die Rechnereien der Krämerseelen, was das alles wieder kostet, und die Gegenreden der gewohnheitsmäßigen Vorbehaltsträger führen uns nicht aus der Sackgasse heraus. Fantasie ist gefragt. Und Mut.

Teurer Feinstaub

Das Feinstaub-Ticket zum halben Preis war ein netter Versuch. Für VVS-Geschäftsführer Horst Stammler steht bereits fest: „So, wie es ist, können wir es nicht fortsetzen!“ Es unterlaufe das VVS-Tarifsystem. Die Stammfahrgäste mit einem Abo fühlen sich benachteiligt und rechnen nach, dass sie mit Einzeltickets zum halben Preis günstiger wegkämen. Erschwerend war, dass der Winter 2016/17 besonders trocken war, so dass sich die Feinstaubalarme auf 80 Tage summierten. Am Grundproblem ändere ein nasser Winter nichts. Nach den ersten Erfahrungen wurden an Alarmtagen mehr Einzeltickets verkauft, was vor allem auf Kosten des Vierer- und Tagestickets ging – und der Einnahmen.

Der öffentliche Nahverkehr im VVS kostet rund 800 Millionen Euro. 480 Millionen zahlen die Fahrgäste übers Fahrgeld, 320 Millionen Euro die öffentliche Hand.

In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Fahrgäste im VVS um 17 Prozent auf über 370 Millionen im Jahr 2016 erhöht. Dieser Wert liegt deutlich über dem Durchschnitt im Bund. Die Einnahmen steigerte der VVS sogar um 49 Prozent.

Das Landratsamt kann sich für die interkommunale Gartenschau 2019 ein „IKG-Ticket“ vorstellen. Wie diese ausgestaltet werden kann, wird derzeit mit dem VVS und der IKG-Geschäftsstelle geklärt.