Waiblingen

Schüleraustausch: Warum, wie und wohin reisen Gymnasiasten bei uns?

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Wo geht’s als nächstes hin? © Alexander Roth

Waiblingen. Schüleraustausche sind beliebt, aber aufwendig, nicht ganz billig, stets mit Unterrichtsausfall verbunden und schnell wieder vorbei. Eine virtuelle Weiterentwicklung eines Schüleraustauschs wurde jetzt in Aachen ausgezeichnet. Hier treffen sich die Jugendlichen regelmäßig per Videokonferenz. Ein Modell auch für Schulen im Rems-Murr-Kreis?

Innovative Ideen, großes Engagement: Der jüngst verliehene Deutsche Lehrerpreis will am oft arg gebeutelten Image der Lehrer arbeiten. Der erste Preis in der Kategorie „Unterricht innovativ“ ging in diesem Jahr an das St.-Leonhard-Gymnasium in Aachen. Das ausgezeichnete Projekt heißt „Glas“: Regelmäßig treffen sich hier die Niederländisch-Schüler mit ihren Kollegen, den Deutsch-Schülern aus dem niederländischen Gulpen. Und das ganz ohne Aufwand und Kosten. Alles läuft per Videokonferenz. Die Schülerinnen und Schüler beider Schulen sitzen rund um einen Tisch und reden.

Bei diesem Projekt geht es natürlich um Sprache. Aber auch, so heißt es aus der Schule, um das Kennenlernen von Alltag und Kultur. Man spricht übers Essen, über Feste, über Schule, Regeln, Handynutzung. Längst hat die Schule die Idee auf andere Fremdsprachen ausgeweitet: Die Partnerschule in England ist mit ihm Boot, die Spanischlehrerin hat so sogar schon Experten aus Mexiko in den Unterricht geholt. Ein Austauschprogramm also, das tatsächlich in den Alltag integriert werden kann, bei dem kein Unterricht ausfällt und das nichts kostet. Ein nachahmenswertes Modell?

Teilweise wird weit gereist

An den Gymnasien im Rems-Murr-Kreis wird teilweise weit gereist. Neben den klassischen Sprachen-Austauschländern Frankreich, England, USA, Spanien, Italien und den Partnerschaften mit europäischen Nachbarn wie Dänemark, Polen oder Ungarn, geht es auch nach China, Indien oder Ghana. Reisen dieser Art sind, der Strecke wegen, üblicherweise deutlich länger als zwei Wochen. Die Schulen versuchen, den Unterrichtsausfall so klein wie möglich zu halten: Schüler und mitreisende Lehrer nehmen auch Ferienwochen dazu.

Bei diesen Austauschprogrammen zählt mehr die Reflexion von Kultur, Werten und Gewohnheiten. Englisch als Weltsprache, schreibt Jessica Liß vom Winnender Georg-Büchner-Gymnasium, fände „praktische Anwendung“. Und selbst aufs kommende Berufsleben blickt sie: „China wird als Wirtschaftsnation immer wichtiger, daher kommt der interkulturellen Kompetenz mit Chinesen eine immer größere Bedeutung zu.“

Die Meinungen gehen auseinander

Allerdings: Bei solchen Reisen gehen die Meinungen doch weit auseinander. „Das möchte ich nicht“, sagt Matthias Wenzke, Rektor des Remstal-Gymnasiums in Weinstadt. Es geht ihm um die Kosten und die damit einhergehende soziale Selektion. „Wer das will, soll nach dem Abi dorthin. Auf eigene Faust.“ Für Wenzke wie für alle anderen Rektorinnen und Rektoren und für die Austausche verantwortlichen Lehrerinnen und Lehrer steht an erster Stelle die Fremdsprache und die innereuropäische Freundschaft.

Seit 40 Jahren zum Beispiel reisen Schüler aus dem Winnender Lessing-Gymnasium nach Dänemark und umgekehrt. Dass in Austauschzeiten bei den Daheimgebliebenen Unterricht ausfällt, lässt sich nicht vermeiden. Die Stunden können nicht von anderen Lehrern aufgefangen werden. Doch, sagt Matthias Wenzke im Hinblick auf seine Fahrten: „Wer das eine will, muss das andere in Kauf nehmen.“

Video Austausch: Charmante Idee

Ja und wie wäre es jetzt mit einem Video-Austausch neben den tatsächlichen Treffen? Johannes Redel, Konrektor vom Winnender Lessing-Gymnasium, kann sich das gar nicht vorstellen. Für ihn zählen die persönlichen Kontakte. Und, sagt er, wenn sich unter den Austauschschülern Freundschaften gefunden haben, machen die Jugendlichen die virtuellen Besuche via WhatsApp, Facebook oder Skype sowieso und ganz alleine.

Matthias Wenzke findet die Idee charmant und bedenkenswert. „Das könnte man machen“, sagt er. So denkt auch Jessica Liß vom Büchner-Gymnasium, wobei sie findet, dass der Impuls zu solch virtuellen Kontakten von den Austauschteilnehmern kommen sollte und nicht von den Lehrern. Am Max-Planck-Gymnasium in Schorndorf wird Vergleichbares, wenn auch in Kleinversion, umgesetzt. Zum nächsten Austausch mit Frankreich und den USA soll es auch eine Videokonferenz geben. Einen Probelauf, schreibt der verantwortliche Lehrer Timo Bader, gab es bereits im Dezember: Ein Filmproduzent und Dozent aus Los Angeles beantwortete Fragen einer Klasse via Online-Interview.


Wozu Austausche?

Ein Schüleraustausch fällt beim Ministerium für Kultus, Jugend und Sport unter die Überschrift „Außerunterrichtliche Veranstaltungen der Schulen“.

Diesen komme „besondere Bedeutung“ zu: „Sie dienen der Vertiefung, Erweiterung und Ergänzung des Unterrichts und tragen zur Entfaltung und Stärkung der Gesamtpersönlichkeit des einzelnen Schülers bei“.

Ein Schüleraustausch mit dem Ausland könne in der Regel ab der siebten Klasse durchgeführt werden und zwischen zehn Tagen und vier Wochen dauern. Wenn die Schüler aus mehreren Klassen kommen, dürfen nicht mehr als zwei Wochen Unterrichtszeit betroffen sein. Der Rest muss also in den Ferien liegen.