Waiblingen

Schauspieler aus Waiblingen: Von Cobra 11 bis Judas

1/2
Waiblinger macht Schauspielkarriere_0
Die Solo-Rolle als Judas ist bisher Jörg Paulys komplexeste und herausforderndste. © Sabine Haymann
2/2
Schauspielbühnen in Stuttgart - Komödie im Marquardt
Pauly als Tom. © MARTIN SIGMUND

Waiblingen.
Von seinem ersten Auftritt bis zum Vollzeit-Schauspieler, der ganzjährig an verschiedenen Stuttgartern Theatern auftritt, war es ein langer Weg. Mit fünf Jahren stand er zum ersten Mal als Elvis-Presley-Imitator vor Publikum – eine Aufführung im Kindergarten. Sukzessive baute Jörg Pauly (40) aus Waiblingen seine Karriere als Theaterschauspieler auf, ohne dass er immer genau wusste, wo er hinwollte – erst in der Rückschau hat alles seinen Platz.


Hinweis: In einer vorigen Version des Artikels hatten wir geschrieben, dass Jörg Pauly den Apostel Paulus gespielt hätte. Korrekt ist: Er hat den Apostel Judas gespielt.


Für zwei Rollen wird er oft besetzt

Die Rollen, die er spielt, reichen von komisch bis tragisch. Er ist oft der junge Mann, der in Verwicklungs- oder Verwechslungsgeschichten mit und ohne Liebe schlittert, ohne recht zu wissen, wie ihm geschieht. In diesem tragisch-komischen Kampf mit den äußeren Umständen erinnert er an den jungen Charlie Chaplin. Für zwei Rollen wird er oft besetzt: den Sympathieträger, den „sensiblen Kumpel von nebenan, und den komödiantischen Entertainer“, erklärt Pauly mit ausladender Geste.

So tritt der gebürtige Waiblinger zurzeit in der Komödie im Marquardt auf, wo er in der schwäbischen Komödie „Koi Auskomma mit dem Einkomma“ den jungen Tom spielt, der händeringend eine Unterkunft sucht. Ein Rentnerpaar hat ein Zimmer zu vermieten. Der Mann will eine Untermieterin und verspricht das Zimmer der attraktiven Lisa. Die Frau will dagegen einen Untermieter und vermietet an Tom. Beide teilen sich fortan ein Zimmer, dürfen sich aber auf keinen Fall begegnen.

Mittlerweile spielt er sechs Rollen im Jahr

In der Komödie ist vor allem das Timing wichtig, erklärt der Schauspieler, denn die beiden dürfen sich in dem Zimmer, also auf der Bühne, nicht treffen. Über mehrere Wochen tritt er an sechs Abenden die Woche als Tom auf, nur am Montag hat Pauly frei. Mittlerweile spielt er sechs Rollen im Jahr, Engagements, die oft über mehrere Monate gehen: in den Schauspielbühnen Stuttgart, dem Theater der Altstadt, dem Alten Schauspielhaus, dem Theaterschiff und dem Renitenztheater. Seine bisher größte und komplexeste Rolle ist allerdings eine ernste Rolle: der Apostel Judas. Komplex ist sie deshalb, weil sie aus einem über einstündigen Monolog besteht und emotional vielschichtig ist. Das Stück, das in verschiedenen Stuttgarter Kirchen spielt, wird ab März wieder aufgeführt.

Obwohl der Waiblinger in Datenbanken und Agenturen für Schauspieler im Internet vertreten ist, läuft das meiste über Hören-Sagen und Beziehungen.

Dass er Schauspieler werden möchte, war ihm nicht von vornherein klar. Zwar spielte er schon in der Zeit am Staufer-Gymnasium in Waiblingen in der Theater-AG und bei Ten Sing, einer europaweiten christlichen Jugendgruppe, die zusammen Konzerte, Theaterstücke und Shows einübt und vorführt. Und mit 16 Jahren hatte Jörg Pauly seine ersten größeren Auftritte – beide im Waiblinger Bürgerzentrum. Dennoch war die Schauspielerei selbst nach dem Zivildienst noch kein fester Berufswunsch, sondern nur eine Option unter vielen. „Ich wollte etwas mit Action und Menschen machen, wo man viel rankommt. Ich hatte die Vorstellung von einem Beruf, bei dem man quer durch die Welt reist mit ein paar Auftritten. In dieser Zeit war ich sehr naiv.“

Drei Rollen und ein Lied musste er zum Besten geben

Die Schauspielerei schien dem Waiblinger damals diese Wünsche zu erfüllen. Also bewarb sich Jörg Pauly bei einer der vielen privaten Schauspielschulen. In die öffentlichen Schauspielschulen zu kommen, war ihm zu umständlich – die Konkurrenz ist hier mit Hunderten Bewerbern noch größer. Drei Rollen und ein Lied musste er zum Besten geben – die Auswahl lag bei ihm.

„Ich hatte, als ich mich bewarb, niemanden im Freundeskreis oder der Familie, der sich mit der Schauspielerei auskannte, und studierte den Mephisto ein, weil wir in der Schule den Faust gelesen hatten“, erzählt der Schauspieler. Heute weiß er: „Das war eine viel zu große und komplexe Nummer für mich damals. Das wurde mir auch bei dem Vorsprechen gesagt. Es gibt so viele Rollen für junge Menschen und Mephisto ist so ein alterloses Überwesen – dafür braucht es eine gewisse alterliche Reife.“

25 Stunden Schauspielstudium, über 30 Stunden Nebenjobs

Insgesamt sprach Pauly bei fünf Schauspielschulen vor. Zwei boten dem damals 20-Jährigen einen Studienplatz an: eine Schule in Hamburg und eine in Köln. Die Wahl fiel auf Köln.

Vier Jahre sollte das Studium dauern und 350 Euro im Monat kosten. Dabei schulterte Pauly die Studienkosten und seinen kompletten Lebensunterhalt eigenständig, ohne elterliche Unterstützung. Neben den 25 Stunden Schule pro Woche arbeitete er zusätzlich noch 30 Stunden in diversen Nebenjobs: „Tagesjobs, Gelegenheitsjobs, Promotionjobs, Arbeit im Call Center, als Kabelträger beim WDR, Moderationen in einem Elektronikmarkt, Zigaretten-Probepackungen in Bars verteilen, in Supermärkten Joghurts zum Verkosten anbieten. Ich könnte ein Buch darüber schreiben.“

In der Schauspielschule hatte er parallel dazu Seminare in Szenenstudium, Rollenstudium, Körpertraining, Sprecherziehung, Gesangs- und Tanzunterricht. „Das waren zwei Ausbildungen in einem: eine Schauspiel- und eine Lebensausbildung“, erklärt der 40-Jährige. Neben der Schule und den Jobs war trotzdem noch Zeit für einige kleine Auftritte. Vor jedem Auftritt musste er allerdings die Erlaubnis der Schule einholen. Manche Schulen verbieten den angehenden Akteuren für vier Jahre sogar gänzlich, in einem Theaterstück außerhalb der Schule mitzuspielen – „damit man sich nicht verbiegt und etwas Falsches lernt“, sagt Pauly.

Film und Theater unterscheiden sich stark

Fünfzehn Jahre und unzählige kleinere und größere Rollen später kann er mittlerweile von seinem Job leben – seit zwei Jahren. In dieser Zeit hat Jörg Pauly auch kleinere Fernsehrollen gespielt, zum Beispiel in der Fernsehserie „Alarm für Cobra 11“, bei der er einen Ganoven in einer Gang spielte, der erschossen wurde. Doch Film und Theater unterscheiden sich stark. Im Theater muss er stärker, beinahe schon übertrieben spielen und während des Auftritts ganz präsent sein – einen zweiten Versuch gibt es nicht: Das ist Jörg Paulys Welt.

Vormittags hat der Waiblinger oft Proben für das aktuelle oder für zukünftige Stücke, in den vier Stunden vor dem Auftritt am Abend nutzt er die festgeschriebene Ruhezeit zum Meditieren, für Yoga und zum Aufwärmen. Vor dem Auftritt ist die Anspannung und Konzentration – und auch heute noch eine gewisse Aufregung – bei ihm am höchsten. Durch das Adrenalin kann er auch nach dem 50. Auftritt noch so spielen, als sei es das erste Mal, sagt er: „Es geht dann darum, den Zuschauern im Spiegel zu zeigen, wie Menschen funktionieren in all ihren Facetten, dem Neid, Hass, der Freude, all das, was man im normalen Alltag eher versteckt. In den Momenten, in denen ich eine Rolle spiele, muss ich zu diesem Menschen werden.“

Waiblingen.
Von seinem ersten Auftritt bis zum Vollzeit-Schauspieler, der ganzjährig an verschiedenen Stuttgartern Theatern auftritt, war es ein langer Weg. Mit fünf Jahren stand er zum ersten Mal als Elvis-Presley-Imitator vor Publikum – eine Aufführung im Kindergarten. Sukzessive baute Jörg Pauly (40) aus Waiblingen seine Karriere als Theaterschauspieler auf, ohne dass er immer genau wusste, wo er hinwollte – erst in der Rückschau hat alles

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper