Waiblingen

Schimmel und weitere Mängel: Hygiene-Probleme in Waiblinger Pflegedienst-Küche

Hygienepranger
In der Küche des Waiblinger Pflegedienstes. Der Betreiber hat unsere Redaktion zu einem Vor-Ort-Besuch eingeladen. © Benjamin Büttner

Wenn Lebensmittelkontrolleure im Rems-Murr-Kreis Betriebe prüfen, geht es meist um die Gastronomie. Manchmal muss danach die Küche grundgereinigt werden, „Klassiker“ ist auch Schimmel in Eiswürfelmaschinen.

Doch nun ist ein Pflegedienst aus Waiblingen mit zahlreichen Beanstandungen aufgefallen: Bei einer amtlichen Kontrolle wurden im Kühlschrank verschimmelte Lebensmittel gefunden, darunter Wurst und Kartoffelsalat. Bei manchen Produkten, etwa zwei Packungen Nürnberger Würstchen, war das Mindesthaltbarkeitsdatum um Monate überschritten, bei einer Curry-Sauce um fast vier Jahre. Was sagt der Betreiber?

Amt: "Beanstandete Lebensmittel sofort entsorgt"

Nach einem ersten Telefonat lädt der Inhaber des Pflegedienstes die Redaktion zu einem Vor-Ort-Besuch in der Küche ein. Er verweist aufs amtliche Protokoll, in dem es heißt: „Die vor Ort beanstandeten Lebensmittel wurden sofort alle entsorgt.“ Bei der Nachkontrolle drei Tage nach der ersten Kontrolle im Oktober waren demnach „die Reinigungsmängel behoben“.

Das Landratsamt hat das Ergebnis der Kontrolle im November veröffentlicht, wie es gesetzlich vorgeschrieben ist. Immer wieder sind Gastronomen betroffen. Ein anderer Pflegedienst findet sich seit dem Sommer aber nicht in der Liste, ältere Einträge sind nicht mehr einsehbar. Kontrolliert werden Pflegeheime und -dienste aber auch, wie das Landratsamt bestätigt.  Diese „weisen aufgrund der Betreuung und Versorgung vulnerabler Personengruppen ein erhöhtes Risiko auf“, so Pressesprecherin Martina Keck.

„Erfreulicherweise gibt es bei Kontrollen in Pflegeheimen und ambulanten Pflegediensten nur selten Beanstandungen, da den Betreibern die besondere Verantwortung für die betreuten Personen bewusst ist.“

"Zwei Packungen Landjäger, Mindesthaltbarkeitsdatum 12.12.2021"

Doch im Fall des Waiblinger Pflegediensts Binder gab es laut der Behörde „erhebliche Mängel“ in der Küche. Der Eintrag in der Kontrollliste ist auch außergewöhnlich lang. Gefunden wurden neben verdorbenen Lebensmitteln beispielsweise abgelaufene Gewürze, etwa „Majoran mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum 2014, eine geöffnete Packung mit Piment mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum 2015, Majoran gemahlen mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum 2015“. Aber auch „zwei Packungen Landjäger, zum Teil geöffnet mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum 12.12.2021“.

Inhaber: "Natürlich haben die Leute nichts Verschimmeltes bekommen"

Der Inhaber Bodo Binder beteuert: „Natürlich haben die Leute nichts Verschimmeltes bekommen.“ Wenn etwas beim Kochen oder Zubereiten auffalle, werde es gleich weggeworfen. „Wenn ein oder zwei Scheiben Brot verschimmelt sind, fliegt der ganze Laib raus.“

Binder versorgt vor Ort im Betreuten Wohnen neun bis zehn Personen. Bis Ende vergangenen Jahres hatte er noch Essen auf Rädern angeboten, das aber wegen Personalmangels und der Kosten eingestellt. Zeit habe er dafür auch keine mehr: „Wenn man sich richtig um die Leute im Betreuten Wohnen kümmert, hat man genug zu tun.“ Ihm sei das „Menschliche“ in der Pflege wichtig – und die Abgrenzung von Pflegeheimen, wo ihm zufolge „manche Leute – nicht alle, aber manche – abgeparkt“ würden.

„Es hat noch keiner eine Lebensmittelvergiftung bekommen“

Was das Essen angehe, habe bei ihm „noch keiner eine Lebensmittelvergiftung bekommen“. Eine Bewohnerin sei 101 Jahre alt, „die lebt immer noch“, was zeige, dass die Verpflegung in Ordnung sei. Eine andere Frau lebe schon seit sechs Jahren hier. Auch müssten sie manchmal Menschen, die direkt aus dem Krankenhaus zu ihnen kommen, gesundheitlich aufpäppeln, da sei das Essen ja auch wichtig.

Binders Problem ist nach seiner Darstellung: einerseits Personalmangel, andererseits die Bürokratie. Einen Koch gibt es seit der Einstellung des Essen-auf-Rädern-Angebots nicht mehr. Binder sucht nach eigenen Angaben seit einem halben Jahr nach einer Küchenkraft auf 75-Prozent-Basis – findet aber keine. Um das Essen kümmert er sich mit zwei Mitarbeiterinnen selbst, ebenso wie um die Pflege und die Büroarbeit. Nur die Reinigung übernehme eine Firma.

Der „Schriftkram“ mache heutzutage einen Großteil der Pflegearbeit aus. Das sei früher besser gewesen, so Bodo Binder, der Pflegeleitung studiert und seinen Dienst 2007 gegründet hat. Wegen der Bürokratie komme die Pflege am Menschen zu kurz. Einen großen Teil der Büroarbeit erledige er deshalb nachts. Er sagt aus diesem Grund auch: „Ich würde mich heute nicht mehr für den Beruf entscheiden.“

Bodo Binder sagt, er müsse mehrere Anfragen pro Woche ablehnen

Beim Essen versuche er, auf Wünsche der Bewohner einzugehen. Am Tag unseres Besuchs gibt es Krustenbraten mit Semmelknödeln und Rotkohl – oder Pizza von außerhalb. Manche Bewohner wollten beides. „Es gibt keine Festtagsküche, aber individuelles Essen ist möglich, weil wir kein Heim sind“, so Binder. Der Betrieb sei „klein und familiär“, und solle nicht wachsen. Er sei „gerade an der Grenze“. Dabei gebe es pro Woche vier bis fünf Anfragen, die er ablehnen müsse.

„Die Leute sind zufrieden“, sagt Bodo Binder, auch die Angehörigen. Diese helfen ihm zufolge auch mal in der Küche mit, beim Anrichten des Abendbrots oder beim Austeilen des Mittagessens. Manche backen auch Kuchen für die Bewohner. Der Leiter verweist auf das Gästebuch auf seiner Website.  Dort bedanken sich in sechs Einträgen Angehörige für die Pflege (die Authentizität lässt sich für die Redaktion nicht prüfen), etwa so: „Dir lieber Bodo danke ich aus tiefstem Herzen für deine aufopfernde Hilfe und Geduld die du Bruno entgegen gebracht hat. Ich weiss wie schwierig die Zeit war (sic!). Dankbar bin ich auf für die lustigen Stunden! Bruno hat deine Zuneigung gespürt. Auch war er froh und zufrieden und hat sich in deiner Wohnung wohl gefühlt.“

Der letzte Eintrag ist drei Jahre alt.

Wenn Lebensmittelkontrolleure im Rems-Murr-Kreis Betriebe prüfen, geht es meist um die Gastronomie. Manchmal muss danach die Küche grundgereinigt werden, „Klassiker“ ist auch Schimmel in Eiswürfelmaschinen.

Doch nun ist ein Pflegedienst aus Waiblingen mit zahlreichen Beanstandungen aufgefallen: Bei einer amtlichen Kontrolle wurden im Kühlschrank verschimmelte Lebensmittel gefunden, darunter Wurst und Kartoffelsalat. Bei manchen Produkten, etwa zwei Packungen Nürnberger Würstchen, war

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