Waiblingen

Schläge als Strafe: Netflix-Serie "Squid Game" wird auch an Waiblinger Schulen nachgespielt

Squid Game
Die „Squid Game“-Euphorie macht auch nicht vor Schulhöfen und Minderjährigen halt (Symbolfoto). © Gabriel Habermann

Der Vorfall ereignet sich vor wenigen Wochen auf einem Schulhof in Waiblingen in der großen Pause: Ein Junge schlägt einem Mädchen ins Gesicht. Doch handelt es sich hierbei um keinen gewöhnlichen Streit zwischen Klassenkameraden. Eine anonyme und vertrauenswürdige Quelle, die unserer Redaktion von dem Vorfall berichtet, weiß: Die Schülerinnen und Schüler ahmen die Netflix-Serie „Squid Game“ nach.

Doch der Reihe nach: Was ist eigentlich „Squid Game“, warum ist die Serie bei den Kindern so beliebt und was haben Gewaltausbrüche mit der Handlung zu tun?

Was ist „Squid Game“? Und woher stammt die Serie?

Die Serie „Squid Game“ (zu deutsch Tintenfischspiel) stammt aus der Feder des südkoreanischen Drehbuchautors Hwang Dong-hyuk. Die neun Folgen der Serie sind auf der Streamingplattform Netflix zu sehen. „Squid Game“ wird von dem Anbieter ab 16 Jahren empfohlen. Aus gutem Grund: Um eine Geldsumme zu gewinnen, spielt eine Gruppe von Menschen Kinderspiele, die für die Verlierer tödlich enden. Dieses gewaltsame Ende eines Menschenlebens wird in weiten Teilen der Handlung thematisiert. Der Zuschauer ist damit einem schnellen Konsum von gewalttätigen Handlungen ausgesetzt.

Doch die Serie scheint den Puls der Zeit zu treffen. Denn mittlerweile ist „Squid Game“ eine der erfolgreichsten Serien des Streamingdienstes. Jedoch rückt die ursprüngliche Botschaft des Mehrteilers weit in den Hintergrund. Sie lautet: Wie weit gehen Menschen wirklich für Geld? Umso interessanter scheinen die Kinderspiele, die in der Serie gespielt werden. Besonders für Kinder und Jugendliche, die sie auf dem Pausenhof nachahmen.

Die Spiele heißen „Rotes Licht, grünes Licht“, „Tauziehen“ oder „Trittsteinspiel“ – allesamt so einfach gestaltet, dass man sie ohne großen Aufwand oder Material in der Pause nachspielen könne, so unsere Quelle. Dass es den Machern der Serie auch darum ging, die Diskriminierung von Migranten und Frauen in der koreanischen Gesellschaft darzustellen, ist gerade Jüngeren nicht bewusst. Für sie steht der Reiz der Spiele im Vordergrund. „Gerade bei Fünft- und Sechstklässlern ist die Serie beliebt“, sagt unsere anonyme Quelle.

"Viele Kinder haben zu Hause einen Netflix-Account und können anschauen, was sie wollen.“

Dass die Mädchen und Jungen dabei noch weit entfernt von der empfohlenen Altersgrenze von 16 Jahren sind, spielt schon längst keine Rolle mehr. Die Beliebtheit der Serie ist nicht nur bei den Netflix-Usern und in den Trends beziehungsweise in den Charts sozialer Medien, sondern auch mittlerweile auf den Pausenhöfen angekommen. „Viele Kinder haben zu Hause einen Netflix-Account und können anschauen, was sie wollen.“ Unsere Informationsquelle sieht deshalb die Eltern in der Verantwortung.

Anders sehe es jedoch bei Jugendlichen aus. „Squid Game“ sei zwar ein Thema in der Schule, allerdings zeigen gerade die älteren Kinder einen reiferen und reflektierteren Umgang mit dem Inhalt der Serie, teilt unsere Quelle mit. Der Vorfall auf einem Waiblinger Schulhof ist bei weitem kein Einzelfall. Die Nachrichtenlage zu der Serie im Kontext von Schulen ist enorm.

„Squid Game: Kein Kinderspiel“ titelt die Tagesschau, der Mitteldeutsche Rundfunk berichtet über „Brutaler Trend „Squid Game“ an Schulen“ und verspricht Abhilfe zu schaffen: „Wie Eltern und Lehrer damit umgehen können.“ Einigen Medienberichten zufolge wurden an einigen US-Schulen Halloween-Kostüme aus der Serie verboten. Der Grund: Die Kostüme werden mit den Spielen und der gewalttätigen Handlung in Verbindung gebracht.

Kinderspiele an der Staufer-Realschule in Waiblingen

Dass die Netflix-Serie nun endgültig auf dem Schulhof angekommen ist, bestätigt auch Axel Rybak, Schulleiter der Waiblinger Staufer-Realschule. Von aufsichtshabenden Lehrkräften wird dem Schulleiter zugetragen, dass die Schülerinnen und Schüler die Serie in der Pause nachspielen. „Offenbar werden Strafen wie Schubsen und Ohrfeigen angewendet“, sagt Rybak.

Abgesehen davon seien gerade Kühlpacks ein gefragtes Gut in der Schule. Der geschäftsführende Schulleiter der Waiblinger Schulen weiß: Bei den „Squid Game“-Vorfällen handle es sich um kein spezifisches Problem an der Staufer-Realschule.

Die Serie sei nicht nur an weiterführenden Schulen bekannt, sondern auch bei Grundschülern in aller Munde. Besonders beliebt scheint die Serie bei Schülerinnen und Schülern der fünften, sechsten und siebten Klasse. „Es ist nicht das schwerwiegendste Problem, aber es macht uns Sorgen.“ Der Rektor ist der Meinung: Man müsse einen offenen Umgang mit dem Thema pflegen, nicht abwarten und frühzeitig handeln. „Wir haben diese Entwicklung bereits in der Gesamtelternbeiratssitzung und in einem Elternbrief thematisiert.“ Das Nachahmen der Serie will der Rektor aber nicht verbieten. „Spiele mit Bestrafungen hat es auch zu meiner Zeit gegeben“, so der Rektor.

Mit Aufklärung gegen den Serien-Trend

Dennoch habe sich die Qualität und Intensität, mit welcher die Kinder dieser Serie durch die sozialen Medien ausgesetzt sind, verstärkt. Darum will Rybak dem Trend mit Aufklärung entgegensteuern. „Wir müssen den Kindern den kritikfähigen Umgang mit Medien erklären.“ Zudem sollen die Klassenlehrer die Kinder über die Serie aufklären und die Klasse im Umgang mit Medien sensibilisieren. Die Fächer Ethik und Religion nehmen sich außerdem dieser Themen an. „In der fünften Klasse gibt es das Fach Medienbildung, um die Kinder im Umgang mit den Medien zu schulen“, sagt Rybak.

Doch trotz aller Bemühungen sieht der Schulleiter der Staufer-Realschule auch die Eltern in der Verantwortung. „Manche Eltern wissen beispielsweise nicht, wie man die Altersbeschränkung auf Netflix einstellt.“ Das sei jedoch wichtig, um einen kontrollierten Umgang mit den Medien zu gewährleisten, „Eltern sollten wissen, was ihre Kinder ansehen und welche Wirkung das haben kann“, so Axel Rybak.

Mit den Maßnahmen verspricht sich der Rektor zwar keine Veränderungen „von heute auf morgen“. Er hofft aber auf eine Langzeitwirkung. Und bis dahin werde die Anzahl der Aufsichtspersonen auf dem Schulhof erhöht. „Das haben wir auch schon vorher gemacht“, so Rybak, „weil die Fünft- und Sechstklässler sehr aktiv sind.“ Zwar gebe es genügend andere Beschäftigungsmöglichkeiten in der Pause, wie Bälle, Tischtennis und Co., „aber die Kinder spielen lieber diese Spiele. Mich wundert wirklich, was die Kinder daran so toll finden.“

Der Vorsitzende des Gesamtelternbeirats will Eltern sensibilisieren

Diese Frage stellt sich auch Andreas Reichenauer, Vorsitzender des Waiblinger Gesamtelternbeirats der Schulen. Auch er kann sich nicht erklären, warum diese Serie einen solchen Eindruck auf Kinder macht. Von einigen Elternbeiräten in Waiblingen bekommt er die Rückmeldung, dass die Serie auf etlichen Pausenhöfen die Runde macht. „Diese Serie gehört eindeutig verboten und sollte schnellstmöglich aus dem Verkehr gezogen werden“, findet Reichenauer klare Worte. „Ich werde diese Informationen innerhalb der Elternschaft weiter verteilen und die Eltern bitten, sich damit auseinanderzusetzen.“

Der Vorfall ereignet sich vor wenigen Wochen auf einem Schulhof in Waiblingen in der großen Pause: Ein Junge schlägt einem Mädchen ins Gesicht. Doch handelt es sich hierbei um keinen gewöhnlichen Streit zwischen Klassenkameraden. Eine anonyme und vertrauenswürdige Quelle, die unserer Redaktion von dem Vorfall berichtet, weiß: Die Schülerinnen und Schüler ahmen die Netflix-Serie „Squid Game“ nach.

Doch der Reihe nach: Was ist eigentlich „Squid Game“, warum ist die Serie bei den Kindern

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