Waiblingen

Schmutz in Asylheimen: Stippvisite in drei Unterkünften

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Noch vor kurzen sah es in der Asylunterkunft am Waiblinger Bahnhof so aus. © Ramona Adolf

Waiblingen. Nachrichten wie diese taugen zum Aufreger: Asylbewerber weigern sich zu putzen, hausen lieber im Dreck. Tatsächlich entspricht das der Wahrheit – in einzelnen Fällen. Wie so oft lässt sich die Wirklichkeit aber nicht in einer einzigen griffigen Aussage widerspiegeln. Eine Stippvisite in drei Unterkünfte zeigte: Es sieht ordentlich aus.

Der Anlass: eine Polizeimeldung vom Dienstag, Überschrift: „Streitigkeiten gipfelten im Handgemenge“. Wegen „notwendiger Reinigungsarbeiten“ sei es am Montagabend in der Asylunterkunft in der Kirchstraße in Stetten zu Meinungsverschiedenheiten gekommen. Ein 34-jähriger Security-Mitarbeiter habe mehrere Bewohner aufgefordert, „unzureichende Hygienezustände“ zu beseitigen. Einer der Bewohner wollte offenbar dem Security-Mitarbeiter einen Faustschlag versetzen, woraufhin dieser Reizgas sprühte. Ein Bewohner musste ins Krankenhaus.

Asylunterkunft in Stetten: Verratzt, aber nicht verdreckt

Am Vormittag danach herrscht Ruhe in der Stettener Unterkunft. Im großen Gemeinschaftsraum sitzen zwei junge Männer – und der Security-Mitarbeiter, der tags zuvor in den Streit verwickelt war: „Ich möchte mich dazu nicht äußern“, sagt er. Der Fernseher läuft. Niemand redet. Ein Tischkicker steht im Raum. Ein Sofa, ein paar Wäscheständer, Faschingsdeko. Alles wirkt etwas verratzt. Aber nicht verdreckt. In der Küche riecht es ungewohnt. Sonst fällt nichts ins Auge. Das Männerklo: völlig überheizt. Abgenutzt. Es blitzt nicht grade. Aber schmutzig ist es nicht.

Im Büro des Sozialarbeiters haben zwei junge Männer ein Anliegen zu klären. Der Sozialarbeiter wundert sich über unangekündigten Besuch. Sein Kommentar: kein Kommentar.

Asylunterkunft in Korb: Essensreste in der Küche, Putzeimer im Gang

Nächstes Ziel ist: Korb. Auf der engen, sehr holprigen Straße, die zur Unterkunft führt, kreuzen zwei Polizeiautos den Weg. „Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragt am Containereingang ein junger Mann freundlich und strahlt übers ganze Gesicht. Ob es hier Probleme mit Sauberkeit gebe? Aber nein!

In der Küche liegt eine dreckige Jogginghose auf dem Boden. Am Herd kleben Essensreste. Der Esstisch: voller Gemüse- und Obstschalen.

Hier wird geputzt

Einen Stock tiefer bietet sich ein ganz anderes Bild: Sie haben den ganzen Gang entlang knallrote Putzeimer aufgereiht. Und sie benutzen die auch, das sieht man. Im Erdgeschoss leben Familien, oben alleinstehende Männer. „Alles gut“, beteuern zwei Bewohnerinnen, und sie beziehen das auf die Verhältnisse im Erdgeschoss.

Asylunterkunft in Waiblingen: Zumindest heute gibt es nichts zu meckern

Ortswechsel. Ein Zaun schirmt den Eingang an der Unterkunft beim Waiblinger Bahnhof ab. Die Tür steht offen. Zwei junge Männer schauen freundlich und winken: „Kommen Sie doch rein! Schauen?“ Einer der beiden kommt gleich zum Punkt; nicht das Putzen hält er für die drängendste Frage: „Keine Arbeit. Das Problem.“

Nicht jeder Bewohner putzt ordentlich

Ein Security-Mitarbeiter im Asylheim beim Waiblinger Bahnhof bescheinigt nicht jedem Bewohner die nötige Durchschlagskraft, wenn’s ums Putzen geht. Trotzdem: „Schauen Sie ruhig da mal rein.“ Die Küchen, Toiletten, Duschen: Da gibt’s nichts zu meckern. Zumindest nicht hier und nicht heute.

Ehrenamtliche klagen über Kakerlaken und Schmutz

Die Vorgeschichte hört sich komplett anders an. Ehrenamtliche klagten über Kakerlaken und Schmutz. Dem Heim am Inneren Weidach haftet ein zweifelhafter Ruf an. Von Drogenhandel war immer wieder die Rede. Und von Dreck. Ein Putzplan sollte Abhilfe schaffen. Der Plan „stieß auf Widerstand“, so zitierte diese Zeitung Ellen Eichhorn-Wenz von der Caritas vergangene Woche: „Wir haben es alle unterschätzt.“

Was meist auch unterschätzt wird, sind Bösartigkeit und Hass, die sich nach solchen Nachrichten Bahn brechen. Briefeschreiber belegen Asylbewerber mit Schimpfwörtern, die nicht zitierbar sind.

Den Fokus nicht nur auf Probleme richten

Ellen Eichhorn-Wenz will den Fokus nicht nur auf Probleme richten. Vieles läuft auch gut. Früher hat sie in der Jugendhilfe gearbeitet – und da fühlte sich auch längst nicht jeder für die Sauberkeit in Gemeinschaftsräumen zuständig. Wie in jeder gewöhnlichen Studenten-WG.

Diesen Vergleich zieht Steffen Blunck vom Landratsamt. In Asylheimen klappt’s mit dem Putzen dort am besten, wo eher homogene Gruppen in eher kleineren Unterkünften zusammenleben. Probleme gibt’s immer mal wieder dort, wo viele einzelne Männer aus vielen verschiedenen Ländern in einer Unterkunft aufeinandertreffen – eben wie in der Unterkunft beim Waiblinger Bahnhof.

Wer sich weigert, erhält weniger Geld

Seit Oktober vergangenen Jahres stellen Sozialarbeiter in allen 57 Unterkünften im Rems-Murr-Kreis regelmäßig Putzpläne auf und pochen drauf, dass die Bewohner sich dran halten. Leistungsempfänger sind zur Mitarbeit verpflichtet. Wer sich wiederholt weigert, erhält weniger Geld. Um maximal 20 Prozent hat das Landratsamt bisher Leistungen gekürzt – aber nur „in verschwindend geringer Zahl“, wie Steffen Blunck sagt. Meist reicht es, die Sanktion anzudrohen. Bevor die Behörde weniger Geld überweist, kann sie einen putzunwilligen Asylbewerber zu gemeinnützigen Tätigkeiten heranziehen – etwa zu Reinigungsarbeiten ganz grundsätzlich. Dem geht ein ordentlicher Verwaltungsakt voraus, und in diesem Fall erhält der Betreffende symbolisch 80 Cent pro Stunde, so sieht das Asylbewerberleistungsgesetz es vor.

Unzufriedenheit führt zu Frust und Abwehrhaltung

Derweil warten sie alle auf eine Entscheidung über ihren Asylantrag. „Unzufriedenheit über diese Ungewissheit und lange Wartedauer führen in den großen, beengten Unterkünften in manchen Fällen zu Frust, was sich in einer Abwehrhaltung unter anderem gegenüber so Pflichten wie Putzen äußern kann“, gibt Steffen Blunck zu bedenken: „Aber letztlich pendelt es sich immer wieder ein.“

In der Mehrzahl junge Männer

In den Gemeinschaftsunterkünften des Landkreises lebten Anfang Januar 4176 Menschen. Etwa ein Viertel von ihnen kommt aus Syrien. 630 aus Afghanistan, 550 aus dem Irak, 339 aus Gambia. Zwei Drittel der Menschen sind Männer. Ihr Durchschnittsalter: 23 Jahre.

Wie viel Geld die Menschen monatlich erhalten, hängt vom Familienstand ab. Alleinstehende erhalten 320 Euro, Verheiratete 287 Euro.

Rund 80 Prozent der Menschen leben laut Landratsamt - geschätzt - seit mindestens einem Jahr in Gemeinschaftsunterkünften. Wer nicht bereits zwei Jahre in einer Gemeinschaftsunterkunft wohnt, darf laut Gesetz erst nach Anerkennung seines Asylantrags ausziehen. Über die Anträge entscheidet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF).