Waiblingen

Schnelles Internet: Breitband für alle

Internet_0
© Ramona Adolf

Waiblingen/Großerlach. Was einst im 19. Jahrhundert ein Zuggleis gewesen ist, was im 20. Jahrhundert Straßen für Autos und Anschlüsse ans Strom- und Telefonnetz waren, das sind heute, im 21. Jahrhundert, schnelle Internetverbindungen. Ohne Glasfasernetze ist für Kommunen der Zug abgefahren und sie sind von der Welt abgekoppelt.

Der Rems-Murr-Kreis will alle 31 Städte und Gemeinden ans Breitbandnetz anschließen. Im Umwelt- und Verkehrsausschuss ist die Grobplanung für ein glasfaserbasiertes Backbone-Netz vorgestellt worden. Backbone heißt Rückgrat, und tatsächlich handelt es sich lediglich um 300 Kilometer Datenautobahnen, von denen Auf- und Abfahrten in die Städte und Gemeinden möglich sind. Für den weiteren Ausbau der örtlichen Netze bis in die Häuser sind die Rathäuser zuständig.

Ein gutes Geschäft für Netzbetreiber

Schnelle Internetverbindungen sind ein gutes Geschäft für Netzbetreiber, wenn viele Kunden an der Leitung hängen. Im ländlichen Raum fehlt die Kundschaft und somit die Bereitschaft der Kommunikationsunternehmen, allen voran der Telekom, ihre Netze kundengerecht auszubauen. Vor allem im Norden und Nordosten des Landkreises herrscht Notstand. Namentlich in Spiegelberg, Alfdorf und Kaisersbach sowie Murrhardt, Sulzbach, Großerlach und Althütte, die auch in drei Jahren nicht über Anschlüsse mit mindestens 30 Mbit/s verfügen werden. Die Verbindungen sind und bleiben erbärmlich, wenn sich nichts tut. Ob Ärzte, Fotostudios, Architekten oder Ingenieurbüros, die Ansprüche der Gewerbetreibenden auch im ländlichen Raum an die Verbindungsqualität werden steigen.

Die Idee hinter der Backbone-Studie ist, den Ausbau nicht länger dem Wohlwollen von Telekom, Vodafone oder Unitymedia zu überlassen, sondern die Netze in öffentlicher Hand zu betreiben. Und dass dieses rentabel möglich ist, ist für Kreiswirtschaftsförderer Markus Beier keine Frage.

Für 13 Millionen Euro bekommt jede Kommune zwei Auffahrten

Die weißen Flecken bei der Breitband-Versorgung an Rems und Murr sind der Beweis für den kapitalistischen Irrglauben, der Markt könne alles besser. Um dem offensichtlichen Marktversagen in der Telekommunikationstechnik abzuhelfen, verspricht das Land Baden-Württemberg beim Ausbau satte Zuschüsse. Bei den geschätzten Kosten für das Rückgrat des Breitbandnetzes von fast 30 Millionen Euro liegen diese bei 16,5 Millionen Euro, so dass am Landkreis rund 13 Millionen hängen blieben. Dafür bekämen alle 31 Kommunen je zwei Anschlusspunkte für ihre örtlichen Netze.

Der Teufel liegt, wie so häufig, im Detail. Dem Großerlacher Bürgermeister und CDU-Kreisrat Christoph Jäger ist ganz bang beim Gedanken, wie er den Ausbau eines kommunalen Netzes in seiner armen Gemeinde finanziell stemmen soll. Außer der Förderung durch das Land gebe es schließlich als Alternative auch Bundesmittel, gab Jäger im Ausschuss zu bedenken. Er zeigte deutlich, dass er lieber den Finger vom Betreibermodell ließe. Der Bund schließt mit seinen Zuschüssen die Wirtschaftlichkeitslücke, die sich beispielsweise der Telekom bei einem Ausbau auftut.

tkt teleconsult: Telekom investiert immer nur so viel wie nötig

Jürgen Deller und Harald Heinze von der Backnanger tkt teleconsult, die die Backbone-Studie erstellt hat, warnten vor dieser Alternative. Die Telekom investiere immer nur so viel wie nötig – und halte bei jedem weiteren Ausbauschritt erneut die Hand auf. Stichwort: Wirtschaftlichkeitslücke. Mit Blick auf die Anforderungen von morgen habe aber nur Glasfaser Zukunft. Und als weiteren Vorteil nannte Deller: „Das Netz gehört nicht ihnen!“ Die Telekom, so die Erfahrungen von Harald Heinze als Berater für Telekommunikation-Technologien, bewege sich nur, wenn Wettbewerb drohe.

FDP/FW-Kreisrat Jürgen Hofer drückt aufs Tempo. In diesem Bereich sei Geschwindigkeit kein Selbstzweck. Selbst wenn zunächst nur die Kommunen im Norden und Nordosten versorgt werden sollen, dürften aber die Städte und Gemeinden im Remstal nicht vergessen werden.

Internet ist Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge

SPD-Kreisrat Thomas Berger nannte das Internet einen Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge, um die sich der Staat kümmern müsse. Jahrelang seien die Gemeinderäte gewarnt, dass mit Strom kein Geld zu verdienen sei. Heute würden mit den Einnahmen aus dem Stromnetz beispielsweise in Schorndorf Bäder für die Bürger finanziert. „Der Weg ist richtig, öffentlich voranzugehen!“

Markus Beier hat als Wirtschaftsförderer das Backbone-Projekt vorangetrieben. Im Mai wechselt er auf den Stuhl des Geschäftsführers der IHK-Bezirkskammer in Waiblingen. Er warnte in der Diskussion vor Kleingeisterei. „Wir sollten aufhören, über 20, 25 Millionen Euro zu reden.“ Die Europäische Union werde Standards für die Breitbandversorgung setzen, „dass wir hier überall Notstandsgebiet werden“, sagte Beier. Derzeit habe der Rems-Murr-Kreis in der Region bei den Planungen des Backbone-Netzes die Nase vorn. Die sieht vor, die Datenautobahnen in zehn Schritten auszubauen. Vorrang haben die Ausbaustufen eins bis drei für 13 Kommunen. Die Kosten liegen bei 5,8 Millionen Euro für den Backbone und 17,2 Millionen für den innerörtlichen Ausbau der weißen Flecken.

Die Grobplanung für die Datenautobahnen

Im Umwelt- und Verkehrsausschuss stellte Jürgen Deller von TKT-Teleconsult die Grobplanung für ein glasfaserbasiertes NGA-Backbone-Netz vor. NGA heißt „Next Generation Access Network“ und steht für modernste Telekommunikationstechnik. Diese ist Voraussetzung für schnelles Internet. Die 300 Kilometer langen Trassen seien in enger Abstimmung mit den Kommunen geplant worden. Vorrang beim zehnstufigen Ausbau haben die Notstandgebiete im Norden und Nordosten des Kreises. Die Kosten für die favorisierte Variante 1, bei der vorhandene Trassen in Pacht mitbenutzt werden, liegen abzüglich der Förderung bei 13,2 Millionen Euro.

TKT: „Es wird empfohlen, 2017 mit den Ausbaustufen 1, 2 und 3 (129 Kilometer) zu beginnen.“ Die Kosten für den Anschluss dieser 13 Kommunen liegen bei 5,8 Millionen für den Backbone und weiteren 17,2 Millionen Euro für den örtlichen Ausbau der Glasfasernetze. „Die Investitionen des Landkreises und der Kommunen in den Ausbau des Backbonenetzes beziehungsweise der innerörtlichen Netze sollten sich langfristig durch entsprechende Pachteinnahmen von Netzbetreibern refinanzieren.“