Waiblingen

Schuld trägt, wer auffährt – fast immer

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Schuld trägt, wer auffährt - fast immer Auffahrunfall Haftpflicht_0
Symbolbild © Habermann / ZVW
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Waiblingen. Kurz nicht aufgepasst – und schon ist das Malheur passiert. Bei Auffahrunfällen entstehen hohe Schäden, und fast immer wird der Hintermann voll zur Verantwortung gezogen. Wer allerdings meint, einen Drängler ausbremsen zu müssen, und auf diese Weise einen Unfall provoziert, riskiert seinen Führerschein.

Natürlich nervt jene Spezies Autofahrer, die dem Vordermann permanent an der Stoßstange klebt. Trotzdem: Heftig bremsen, um den Drängler zu erziehen – das könnte als Nötigung ausgelegt werden, erläutert Thomas Raich, Fachanwalt für Verkehrsrecht in Backnang. In solchen Fällen könnte ein Gericht gar die Fahrerlaubnis einziehen.

Die einzig legale Möglichkeit, einen Drängler in seine Schranken zu weisen, ist eine Anzeige – wegen Nötigung im Straßenverkehr. Eine solche „wird hart bestraft“, sagt der Anwalt. Von Vorteil ist, wenn ein Zeuge das gefährliche Drängeln gesehen hat und zu einer Aussage bereit ist.

Solche Fälle sorgen regelmäßig für Konfliktstoff auf den Straßen. Hin und wieder schlägern sich die Beteiligten hemmungslos am Straßenrand.

Ein gewöhnlicher Auffahrunfall kann ebenfalls leicht im Streit enden. Der Krach dreht sich oft um die Schadenshöhe: Erst sieht es so aus, als ob nur ein Kratzer entstanden ist. Und dann weist der Kostenvoranschlag einen Betrag von 3000 Euro aus. Kann sein, der Unfallgegner versucht, bereits vor dem Vorfall entstandene Schäden auf Kosten der Versicherung mit reparieren zu lassen. Oder es muss ein teures Teil ausgetauscht werden, weil der Schaden sich anders nicht beheben lässt.

Auf jeden Fall empfiehlt es sich, die Beulen zu fotografieren. „Ruhig Zeugen ansprechen“, dazu rät Thomas Raich außerdem. Im Konfliktfall können Unfallgegner auch noch nachträglich ein Gutachten in Auftrag geben, um zu klären, welche Schäden definitiv nur bei diesem Unfall entstanden sind.

Schuldfrage meist schnell geklärt

Speziell bei Auffahrunfällen ist die Schuldfrage meist schnell geklärt: Als schuldig gilt „nahezu immer“ derjenige, der auffährt, erklärt der Anwalt – und nennt ein krasses Beispiel: Ein betrunkener Autofahrer legte eine Vollbremsung hin, Thomas Raichs Mandant fuhr auf – und verlor trotzdem vor Gericht. Er hatte den Sicherheitsabstand nicht eingehalten.

Auch wenn an einer Ampel ein Autofahrer erst anfährt und dann doch ganz plötzlich stehen bleibt: Das gilt nicht als Entschuldigung für einen Auffahrunfall. Ebenso wenig ein Reh auf der Straße: Mit heftigem Abbremsen muss jeder stets rechnen und sein Fahrzeug jederzeit stoppen können. Allerdings gibt’s Gerichtsurteile, wonach der Vordere eine Teilschuld am Auffahrunfall erhalten kann, wenn er wegen eines Kleintieres, etwa eines Eichhörnchens oder einer Katze, unerwartet stark abgebremst hat.

Im Zweifel immer die Polizei rufen

Hat sich jemand beim Unfall verletzt: Polizei holen. Sie wird automatisch mit verständigt, sobald ein Rettungsdienst zum Einsatz kommt. Zwar ist niemand verpflichtet, nach einem Unfall die Polizei zu rufen, erläutert Polizei-Pressesprecher Rudolf Biehlmaier. Ratsam ist es doch, ganz besonders dann, „wenn es Unklarheiten über den Unfallhergang gibt“.

Die Polizei sichert Spuren und prüft, ob der Unfall so abgelaufen sein kann wie geschildert. Sie wird im Gegensatz zu einem Laien bemerken, ob Alkohol oder Drogen im Spiel sein könnten. Zudem besteht laut Biehlmaier die Gefahr, dass ein Unfallgegner einen falschen Namen oder eine unzureichende Anschrift angibt – „nicht selten“ komme das vor.

Unterscheiden sich später die Angaben in der Schadensmeldung bei der Versicherung und im Polizeiprotokoll, „hat grundsätzlich das Polizeiprotokoll mehr Gewicht als die Schadensmeldung“, erläutert Kathrin Jarosch, Sprecherin des Gesamtverbands der deutschen Versicherungswirtschaft (GdV) in Berlin.

Handy und Smartphones im Straßenverkehr

Wer während der Fahrt eine Nachricht am Handy geschrieben hat und deshalb dem Vordermann auffährt, trägt natürlich die Schuld. Doch kaum jemand dürfte sein Fehlverhalten zugeben. „Man kommt nicht wirklich ins Gespräch darüber“, drückt es Siegfried Brockmann maximal diplomatisch aus. Der Leiter der Unfallforschung der Versicherer verweist auf Studien, die Ablenkungsgefahren durch Smartphones oder Navigationsgeräte kategorisieren. Textnachrichten lesen oder schreiben gilt als das „signifikanteste Problem“.

Seit Smartphones in fast jeder Hand- oder Hosentasche stecken, müsste die Zahl der Auffahrunfälle angestiegen sein, ist zu vermuten. Stimmt nicht, sagt Brockmann – zumindest „nicht dramatisch“.

Computergesteuerte Autos sind noch keine Lösung

Sobald computergesteuerte Autos ganz alleine fahren können, dürfte es eigentlich überhaupt keine Unfälle mehr geben. Davon sind wir noch meilenweit entfernt. Als „Riesenproblem“ bezeichnet der Unfallforscher die „Mensch-Maschine-Schnittstelle“: Die Systeme sind noch lange nicht so weit, als dass sie alle Situationen souverän und autonom meistern könnten. Sie übergeben im Zweifel an den Menschen – und ob der dann schnell genug und richtig reagiert, wagt Siegfried Brockmann zu bezweifeln.

Sonst kann die Haftpflichtversicherung Regress fordern

Es könnte bald glatt werden auf den Straßen. Nach einem Unfall tauchen knifflige Versicherungsfragen auf, sofern der Verursacher ohne Winterreifen unterwegs war.

Unter Umständen kommen hohe Kosten auf den Verursacher zu. Er muss damit rechnen, von seinem Haftpflichtversicherer mit bis zu 5000 Euro in Regress genommen zu werden, informiert Kathrin Jarosch, Sprecherin des Gesamtverbands der deutschen Versicherer (GdV). Zunächst übernehme zwar die Kfz-Haftpflicht den Schaden des Unfallopfers. Das gilt auch dann, wenn der Verursacher auf glatten Straßen mit Sommerreifen gefahren war. Nur holt sich die Versicherung in diesem Fall eventuell einen Teil des Geldes vom Verursacher zurück.

Für den eigenen Schaden kommt die Vollkaskoversicherung laut GdV „in besonders schweren Fällen“ gar nicht auf, sofern der Autofahrer „vor Fahrtantritt oder während der Fahrt hätte erkennen müssen, dass Sommerreifen angesichts der Straßenverhältnisse völlig ungeeignet sind.“ Je nach Lage der Dinge kürzt die Kaskoversicherung anteilig – oder eben ganz.

Kfz-Versicherer verweisen laut GdV auf die O-O-Regel: Von Oktober bis Ostern ist das Auto im Idealfall mit Winterreifen ausgestattet. Bei Glatteis, Schneeglätte, Schneematsch, Eis- oder Reifglätte dürfen nur Autos mit Winterreifen unterwegs sein, heißt es beim GdV weiter. Es gilt zwar keine generelle, aber „eine Art situative Winterreifenpflicht“. Autofahrer, die trotz Schnee mit Sommerreifen unterwegs sind, müssen mit einem Bußgeld von 60 Euro und einem Punkt rechnen. Bei einer Gefährdung fallen 100 Euro Bußgeld plus ein Punkt an.